Landtag Mecklenburg-Vorpommern im Schloss Schwerin

Sprechende Schichten

Neue Räume in alten Mauern: Eine eingestellte Struktur aus weißen Lamellen bietet einen zeitgenössischen Rahmen für das Plenum und lässt gleichzeitig die alten Wände des Schlosses durchscheinen, mit allen sichtbar gebliebenen historischen Brüchen.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Raumfolge und -proportionen, die bei vergangenen Umbauten verloren gegangen waren, wurden wiederhergestellt. Der einstige »Goldene Saal« nimmt nun das Plenum auf. Eine eingestellte Struktur aus weißen Lamellen bietet dafür einen ruhigen, zeitgenössischen Rahmen, gleichzeitig lässt sie die alten Wände durchscheinen, bei denen sämtlichehistorischen Brüche – freigelegte Nischen, abgeschlagene Pilaster, abgesägte Betonunterzüge – sichtbar sind. Während im Plenarsaal das Thema der Schichtung aus Alt und Neu sensibel inszeniert wird, erfuhren die übrigen Räume eine zurückhaltende Sanierung.

{Architekten: Dannheimer & Joos Architekten
{Tragwerksplanung: BfB Büro für Baukonstruktionen

{Text: Falk Jaeger
{Fotos: Landesarchiv MV; Jens Passoth; Landtag MV

Wenn das Parlament eines demokratisch verfassten Gemeinwesens im Gebäude des einstigen Feudalherrn seinen Sitz nimmt, hat das durchaus eine gewisse Logik: Der neue Souverän ist Rechtsnachfolger des früheren. Einige Landesparlamente sind dieser Logik gefolgt, Niedersachsen zum Beispiel, auch Hessen oder Rheinland-Pfalz. Brandenburg hat sich gar das Schloss gänzlich neu gebaut. In jedem dieser Fälle galt es jedoch, für den Plenarsaal einen neuen architektonischen Ausdruck zu finden, der dem Selbstverständnis modernen Parlamentarismus‘ entspricht. In Schwerin war der Landtag schon 1949 in das ehemalige Residenzschloss der Großherzöge von Mecklenburg gezogen, ab 1952 der Bezirkstag Schwerin und 1990 neuerlich der Landtag.

Das Residenzschloss auf einer kleinen Insel des Schwerinsees hatte eine lange Vorgeschichte, angefangen beim Slawenringwall aus dem 8. Jahrhundert. In seine heutige Form kam es 1843-57, als Großherzog Friedrich Franz II. das in Jahrhunderten gewachsene heterogene Ensemble grundlegend erweitern, modernisieren und zu einer stimmigen Gesamtanlage umgestalten ließ. Die repräsentativsten älteren Trakte in deutschen Renaissanceformen wurden zu einer im Grundriss fünfeckigen Gesamtanlage ergänzt. Die Neubauteile an der Nord- und Westseite, die das Bild des Schlosses von der Stadt her prägen, zeigten nun prächtige Renaissanceformen der Loire, vor allem des Schlosses Chambord.

Rollentausch der Räume

Obwohl ohne Kriegsschäden geblieben, ist der Bau nicht ohne Zerstörungen, Substanzeinbußen und Umbauten erhalten. Ein Brand hatte im Jahr 1913 zwei Flügel des Schlosses zerstört, dabei war mit dem »Goldenen Saal« im 2. OG ausgerechnet der repräsentativste Raum den Flammen zum Opfer gefallen. Dort war nach mehreren Umbauten zu DDR-Zeiten ein Festsaal implementiert worden, während das Plenum in einem anderen Trakt Platz fand.

Ein 2010 ausgelobter Architektenwettbewerb sollte Vorschläge erbringen, wie das heutige Parlament im Schloss funktionieren und aussehen könnte. Der Fest- sollte zum Plenarsaal werden, der vormalige Sitzungssaal zu Konferenzbereich und Landespressekonferenz. Die Münchner Architekten Dannheimer & Joos erhielten den Zuschlag für ihre Lösung, das 2. OG rund um den Festsaal zunächst auf den Rohbau zurückzuführen und damit die Raumkubatur des ehemaligen Goldenen Saals weitgehend zurückzugewinnen. Dadurch wurde der notwendige Platz geschaffen für die gewünschte Sitzanordnung des Plenums in Kreisform und für zwei Besucher- und Pressebalkone an den Schmalseiten mit 96 Sitzen.

Bautechnische Komplexität

Was als innenarchitektonischer Eingriff begann, mündete nach intensiven Bestandsuntersuchungen in eine komplexe und kostspielige Sanierung des westlichen Schlossbereichs. Der Festsaal wurde ausgebaut, Bestandsdecken ertüchtigt bzw. komplett ausgetauscht. Dabei musste Rücksicht auf den äußerst setzungsempfindlichen Baugrund der Insel genommen werden.
Während 300 t Stahlbeton der 50er Jahre ausgebaut und 200 t Stahlträger neu montiert wurden, galt es die Änderungen der Lastzustände permanent zu kontrollieren, was die Planungen und Bauabläufe verkomplizierte. An einigen Stellen mussten die Eichenpfähle durch neue Betonpfahlgründungen ergänzt und Setzungsdifferenzen mittels Nachjustieren ausgeglichen werden.

Den Plenarsaal interpretierten die Architekten als Paraphrase des Goldenen Saals. Der ruppige Rohbau mit all seinen Spuren abgeschlagener Bauteile blieb unbekleidet und erhielt lediglich eine goldfarbene Beschichtung. Sie schimmert durch eine davorliegende, reversibel eingestellte Raumschicht aus vertikalen, weißen Lamellen hindurch. Im Sockelbereich verdichten sich die Lamellen und zeichnen damit auf abstrahierte Weise die frühere horizontale Wandgliederung von 1857 nach. Es entsteht eine Ahnung von der ursprünglichen Raumproportion und zugleich ein moderner Saal, der mit seiner formalen Stringenz und Helligkeit den Fortschritt von der feudalen über die totalitäre zur modernen demokratischen Regierungsform symbolisiert.


Standort: Lennéstraße 1, 19053 Schwerin
Bauherr: Landtag Mecklenburg-Vorpommern
Architekten: Dannheimer & Joos Architekten, München
Tragwerksplanung: BfB Büro für Baukonstruktionen, Karlsruhe
Bauphysik: BBB Ingenieurbüro für Bauwerksdiagnose – Bauphysik – Bauplanung, Schwerin
Akustik: amb – Thomas Behr Akustische Messungen und Beratungen
Lichtplanung: LichtKunstLicht, Berlin

Beteiligte Firmen:

Möblierung: Vitra, Weil am Rhein, www.vitra.com; WALTER KNOLL, Herrenberg, www.walterknoll.de
Türbeschläge: FSB, Brakel, www.fsb.de; SIMONSWERK, Rheda-Wiedenbrück, www.simonswerk.de
Akustikpaneele: Pagolux Interieur, Xanten, www.pagolux.de
Stuhlführungsschienen: GORACON SYSTEMTECHNIK, Steinfurt, www.goracon.de
Teppich: Carpet Concept, Bielefeld, www.carpet-concept.de
Beleuchtung: Lightnet, Köln, www.lightnet.de


Dannheimer + Joos Architekten

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Veronika Dannheimer

1989-95 Studium der Architektur an der TU München und 1995-96 der Kunstgeschichte an der LMU. 1997 Forschungsprojekt Colosseum in Rom, Bürogründung mit Tilman Joos. Seit 2011 Preisrichtertätigkeiten.

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Tilman Joos

1989-96 Architekturstudium an der TU München. Mitarbeit bei Santiago Calatrava Valls, 1997 Bürogründung. 2008 Lehrauftrag an der HS Wiesbaden, seit 2008 Preisrichtertätigkeiten.