Wohnhaus in Sommacampagna (I)

Rustikal aufgesattelt

Mit einem feinen Kniff gelang es den Planern, bei einer ehemaligen Scheune die Ziegelwände der Aufstockung an die gröberen Findlingsmauern des Bestands anzupassen: Sie verschoben und drehten immer wieder einzelne Ziegel leicht aus der Fläche heraus.

Zwischen Verona und der Südspitze des Gardasees liegt der malerische Ort Sommacamgagna. Dort hat das Büro Bricolo Falsarella Associati eine ehemalige Scheune zum Wohnhaus umgebaut. Das einstige Nebengebäude, das zu einer Villa aus dem 18. Jahrhundert gehört, war zuletzt von einer Aufstockung aus wuchtigen Betonsteinen dominiert worden. Nach Abbruch dieser unsensiblen Erweiterung ergänzten die Planer das originale, in ortstypischem Findlingsmauerwerk ausgeführte Erdgeschoss um ein aus flachen Ziegeln errichtetes Obergeschoss. Um einen harschen Gegensatz von Alt und Neu zu vermeiden, ließen sie dabei einige der 30 cm langen Steine leicht schräg aus der Mauerebene hervorstehen. Durch minimales Verdrehen ihrer Längsseiten aus dem Läuferverband entstand ein Fassadenbild, das auf die heute mögliche industrielle Perfektion verzichtet und stattdessen mit seinen gezielten Unregelmäßigkeiten den handwerklichen Charakter betont. Das Mauerwerk wirkt, als hätten sich im Laufe von Jahrzehnten ein paar Ziegel leicht gegeneinander verschoben. Dadurch passt es besonders gut zu der alten rustikalen Steinbasis. Anschließend galt es noch den Kontrast zwischen rotem Backstein und grauer Bestandsmauer zu eliminieren, weshalb die Außenwand einheitlich mit einer hellbeigen Kalktünche überzogen wurde. Aus der Ferne betrachtet bildet das Gebäude deshalb eine selbstverständliche Einheit; erst bei näherem Hinsehen zeichnet sich die Trennlinie zwischen Altbau und Aufstockung ab.
Schwarze Stahlfenster in den ursprünglichen Türöffnungen lassen auf bestandschonende Weise Licht ins Gebäude. Lediglich dort, wo sich der über beide Etagen erstreckende Wohnbereich befindet, wurde das Mauerrelikt mit einem neuen Durchbruch perforiert, der als Austritt in den anliegenden Villenpark samt Pool dient. An dieser Stelle versteift eine Stahlbetonschicht rechts und links der Öffnung die Steinwand und erhöht sie damit bis zur Sturzunterkante. Profile und Führungsschiene des innen bündigen Schiebeelements sind – ebenso wie bei den tief in der Laibung sitzenden Fenstern im 1. OG – von außen kaum wahrnehmbar. Nicht zuletzt auch wegen der beinahe unsichtbaren Glasbrüstungen wirken die Löcher regelrecht roh und unterstreichen somit den rauen Charakter der ehemaligen Scheune. •
~Hartmut Möller