Haus an der Marktkirche in Wiesbaden

Im Wesen erhalten

Bauten der 50er Jahre sind nicht allzu häufig in Wiesbadens Stadtmitte. Eines der wenigen Beispiele wurde lange vernachlässigt und strahlt nun wieder die »lässige Normalität« der Nierentisch-Ära aus. Turkali Architekten haben das Haus der evangelischen Marktkirchengemeinde im Inneren neu organisiert, das äußere Erscheinungsbild aber mit höchster Sorgfalt bewahrt.

{Text: Christof Bodenbach, Zvonko Turkali, Tanja Feil

Wiesbaden ist eine schöne Stadt, die gerne auch Weltkulturerbe werden will. Die einstige »Weltkurstadt« wuchs in den Jahren um 1900 explosionsartig um zahlreiche repräsentative Gebäude für eine wohlhabende Klientel und wurde vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont; dadurch lässt sie sich heute mit Fug und Recht als »Perle des Historismus« bezeichnen (so ein Seminartitel der ortsansässigen Volkshochschule). Nirgendwo sonst in Deutschland – Berlin vielleicht ausgenommen – finden sich so viele, so gut erhaltene Bauten aus der Gründerzeit. Häuser aus anderen Epochen sind dagegen vergleichsweise rar gesät: Es gibt nur wenige Biedermeierbauten, in der kleinen Altstadt stehen nur ein paar über 250 Jahre alte Gebäude. Und auch die 50er Jahre sind, zumindest in der Innenstadt, nicht allzu üppig vertreten. Doch mittendrin, nahe an der Marktkirche, am Rathaus und am Hessischen Landtag, verursachte ein Bombenangriff ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs eine große Lücke, die Ende der 50er Jahre geschlossen wurde. Hier baute die evangelische Marktkirchengemeinde ein Haus für sich und ihren Kindergarten, der schon vor einigen Jahren in einen Neubau neben dem Gotteshaus ausgelagert wurde. Dadurch bot sich nun die Gelegenheit, das Haus an der Marktkirche zu einem Treffpunkt für unterschiedlichste Aktivitäten und Personengruppen auszubauen: Mit vielfältigen Fortbildungs-, Freizeit-, Betreuungs- und Beratungsangeboten ist es zu einer kleinen »Stadt in der Stadt« geworden.
Ursprüngliche Eleganz wiederbelebt
Bislang war das Bauwerk als Gemeindehaus, als Kindergarten und zum Wohnen genutzt worden; mit dem Einzug der Familienbildungsstätte und des Dekanats baute die evangelische Kirche in Wiesbaden ihr soziales und kulturelles Angebot an diesem Standort nun noch weiter aus. Damit nahm die Öffentlichkeitsrelevanz des Hauses und seiner vielfältigen Einrichtungen zu – eine Tatsache, die sich auch baulich widerspiegeln sollte. Turkali Architekten betonten daher Haupteingang und -erschließung, indem sie den Eingangsbereich großzügiger gestalteten und den Baukörper im Hof partiell erweiterten. Zugleich erhielt die Begegnungsstätte eine gefasste Freifläche im Innenhof, die für alle zugänglich ist und neben dem Foyer und dem Friedrich-Naumann-Saal als weiteres kommunikatives Zentrum des Hauses dient. Dies alles erfolgte, ohne die einfache Grundstruktur des Gebäudes mit seinen beiden Treppenhäusern und den innenliegenden Erschließungsfluren wesentlich zu verändern. Letztere wurden jedoch im abwechselnden Rhythmus aufgeweitet und die Beratungs- und Seminarräume erhielten Glaswände; somit wirken die Flure nicht nur großzügiger, sondern lassen sich auch natürlich belichten. Der Anbau im Hof ermöglichte im 1. OG ein zusammenhängendes, teilweise zweigeschossig ausgebildetes Foyer von ca. 120 m² Grundfläche, das sich zur Straße, zum Innenhof und zum Friedrich-Naumann-Saal öffnet. Die hell lasierten Wand- und Deckenoberflächen in diesem Bereich zeichnen das einfallende Tageslicht weich und sorgen zusammen mit dem Dielenbelag aus weißem Eichenholz für eine angenehme Raumstimmung.
Die Fassaden erhielten neue Fenster und eine Außendämmung, wobei sämtliche alten Putz- und Farbdetails aus den 50er Jahren in der vorgesetzten Schicht exakt nachgebildet wurden – im Prinzip entstand eine Kopie des Gebäudes vor dem Gebäude (s. S. 113). Auf diese Weise ist es gelungen, das Haus zeitgemäß umzubauen und dabei die ursprüngliche Eleganz der Wirtschaftswunderzeit wiederzubeleben.
Am deutlichsten wird die behutsame Vorgehensweise der Planer beim energetischen Ertüchtigen der Gebäudehülle. Weil das Haus zusammen mit dem Schlossplatz, der Marktkirche, dem Rathaus und dem Hessischen Landtag unter Ensembleschutz steht, galt es vor allem, die Fassaden zu erhalten. Ihre schmalen Bauteilansichten und reduzierten Materialquerschnitte erzeugen das typisch filigrane Erscheinungsbild der 50er Jahre. Mit einfachen, aber raffinierten Mitteln hatten die Architekten damals die Außenwände gegliedert: Während die Gebäudegrundstruktur, eine nur minimal gedämmte Betonrahmenkonstruktion mit eingehängten Decken, sich als helles beigegraues Raster auf den Putzflächen abzeichnet, weisen die Ziegelausfachungen der Wände eine etwas dunklere Farbe auf. Dazwischen liegt eine 2 cm tiefe Schattennut in einem noch dunkleren Ton, die den plastischen Effekt zusätzlich verstärkt.
Die bauphysikalisch dringend notwendige Modernisierung sollte daher so durchgeführt werden, dass diese grazile, materialtechnisch und farblich fein aufeinander abgestimmte Gestaltung der Fassade gewahrt blieb. Dazu griff man beim Wärmedämmverbundsystem auf zwei unterschiedliche Lösungen zurück: Während das Betonskelett mit zwei Lagen Polyurethanschaum der WLG 028 in den Stärken 60 und 80 mm ertüchtigt wurde, erhielten die Mauerwerksfüllungen eine 160 mm dicke Mineralwolledämmung der WLG 040. Um trotz der Dämmpakete die ursprünglichen Fassadenproportionen wiederherstellen zu können, zogen die Architekten die äußere Polyurethanschicht nicht ganz bis an die Fensterlaibungen heran; diese feine Abstufung lässt das Betonraster ebenso dünn wie zuvor erscheinen, ein ausreichender Wärmeschutz ist dennoch gegeben. Auch der klassische Eckkonflikt ist gelöst: An der Gebäudeecke sorgt eine Aussparung in der äußeren Dämmschicht dafür, dass der Pfeiler auch hier nicht dicker wirkt als bisher; ganz nebenbei bietet sie noch Platz für das Regenfallrohr. Die Schattennuten am Übergang zu den Ausfachungen wurden im Zuge der Putzarbeiten wieder analog zum Bestand eingearbeitet und farblich beschichtet. Die neue Außenwandkonstruktion weist nun einen sehr guten U-Wert von 0,28 W/m²K auf – zuvor hatte er bei etwa 1,70 W/m²K gelegen.
Eine »Sonderbehandlung« wurde auch den großflächigen, einfach verglasten Stahlrahmenfenstern zuteil, die im EG und im Bereich des Friedrich-Naumann-Saals im 1. und 2. OG die besonders öffentlichen Räume markieren. Indem man diese Öffnungen als Kastenfenster mit tiefem Zwischenraum ausbildete, schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe: So erfüllt die außenliegende ESG-Schicht mit Fensterrahmen aus schmalen handelsüblichen Aluminiumrechteckrohren die Forderung des Denkmalschutzes nach einem schlanken Erscheinungsbild und verbessert den Schallschutz, während die raumseitige Verglasungsebene als thermisch getrennte Leichtmetallkonstruktion sämtliche bauphysikalischen Vorgaben einhält. Durch zusätzlich aufgesetzte, etwas dünnere Vierkanttragprofile und einen Farbwechsel zwischen Flügelrahmen und festem Rahmen wirkt die Außenverglasung ähnlich filigran wie ihre Vorgängerin. Das Kastenfenster als Ganzes besitzt nun einen U-Wert von 1,60 W/m²K, damit reduziert sich der Wärmeverlust über die großflächigen Verglasungen um rund 69 %. •
Standort: Schlossplatz 4, 65183 Wiesbaden
Auftraggeber: Evangelische Gesamtgemeinde Wiesbaden, www.dekanat-wiesbaden.de
Architektur: Turkali Architekten, Frankfurt am Main, www.turkali-architekten.de
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Euler, Hanau, www.euler-statik.de
Fassadenplanung: Kleineher + Partner Ingenieure, Saarbrücken, www.kleineher.com
BGF: ca. 4 250 m²
BRI: ca. 12 650 m³
Baukosten: ca. 6 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Kastenfenster: Aluminiumsystem Royal S 75.HI+, Schüco International, Bielefeld, www.schueco.com
WDVS, Fensterbänke: System Alprotect mit Mineralwolle- dämmung; Alsecco Faceboard, Alsecco, Wildeck, www.alsecco.de
Akustikplatten Wand: Schlitzplatten Eiche furniert Topakustik, Franz Habisreutinger, Weingarten, www.habisreutinger.de
Akustikplatten Decke: Cleaneo Akustik mit Rippen in Knauf Falttechnik mit V-Fräsung, Knauf Gips, Iphofen, www.knauf.de
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

Wiesbaden (S. 110)
Turkali Architekten
Zvonko Turkali
1978-84 Architekturstudium an FH und Städelschule in Frankfurt a. M. 1985 Mitarbeit bei Richard Meier. 1986-88 Master in Harvard. 1988 Bürogründung. Seit 1998 Professur an der Leibniz Universität Hannover.
Christof Bodenbach
Studium in Darmstadt, Frankfurt a. M., Kassel und Wiesbaden. Pressesprecher der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen. Freier Autor und Kritiker.