Ehemaliges Umspannwerk in Hannover

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Kaum zu glauben, dass dieser atmosphärisch reiche Industriebau im Norden Hannovers beinahe abgerissen worden wäre. Doch er stand länger als ein Jahrzehnt leer. Nun hat ihn das Team IF-Architecture gerettet und für ein italienisches Restaurant und eine Werbeagentur neu hergerichtet.


Wer in den vergangenen 15 Jahren von Norden über die wichtigste Stadteinfahrt nach Hannover kam, sah rechterhand ein leerstehendes Umspannwerk. Mit dem Aufgeben des alten Flughafens und dem Wegfallen der anliegenden Infrastruktur war es weitgehend überflüssig geworden. Da es keinen Denkmalschutz genoss, war bereits der Abriss vorgesehen. Glücklicherweise fand sich nun ein neuer Bauherr, der das Schmuckstück rettete: 5,5 Mio. Euro steckte eine Pizzeria-Kette in die Revitalisierung des Gebäudes und des zugehörigen über 5000 m² großen Areals.

Diverse Erweiterungsabschnitte (1957/1965) des um 1936 errichteten Bauwerks zeichnen sich durch variierende Farben im Klinker ab; gleichwohl hatte man sich stets die Mühe gemacht, die Gesimse im gleichen Ornament wie beim Bestand fortzumauern. Beim jetzigen Umbau stießen die Planer des Teams IF-Architecture trotz des langen Leerstands auf weitgehend intaktes, z. T. zweischaliges Mauerwerk. Wegen seines reichen Bauschmucks blieb es erhalten, auch wenn das Gebäude ansonsten komplett entkernt wurde – ein Stahlkorsett stützte die Außenwände während der erstaunlich kurzen Bauphase von sechs Monaten. Die früheren weißen Holzfenster wurden durch Metallfenster ersetzt. Ein umlaufender schwarzbrauner Aluminiumrahmen, aufgesetzte champagnerfarbene Zierleisten und die dunklen Flügel lassen die Fensterprofile schlank wirken und verleihen ihnen eine gewisse Plastizität, die mit derjenigen des Mauerwerks harmoniert.

Die »Atmungsaktivität« der Fassaden war wegen der Nutzungsänderung ein entscheidender Gesichtspunkt. Nach Wasserdampfdurchlässigkeitstests wurden die zuvor ausgekratzten Fugen mit erprobter Zementmischung verfüllt, im Innern trug man zur Regulierung des Feuchtehaushalts einen zweilagigen Salzspeicher- und Dämmputz auf. Bauphysikalische Berechnungen hatten ergeben, dass zusätzliche Dämmschichten nicht nötig waren. Etwa 1000 m² nimmt die Gastronomie im EG ein, wo dank Durchbruch der Zwischendecken eine komfortable Raumhöhe von 5,6 m entstand. Die offene Leitungsführung passt gut zum Charme des Industriebaus.

In den oberen beiden Etagen residiert eine Werbeagentur auf 1200 m². Vom Großraumbüro führt eine eingestellte Freitreppe hinauf in das mittels Original-Stahlfachwerk abgetragene Attikageschoss zu separierten Gruppenräumen. Deren kleine Dreiecksfenster erweiterte man, um mehr Tageslicht einzulassen; eine Glastür gestattet den Austritt auf das ehemalige Flachdach, das jetzt als Dachterrasse nutzbar gemacht wurde.

Zusammen mit dem benachbarten Wasserturm – heute ein Eventzentrum – ist es insgesamt gelungen, diesem vormals unwirtlichen Ort in der Stadt eine neue, ungeahnte Atmosphäre zu verleihen.

~Hartmut Möller