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Umbau eines denkmalgeschützten Industriebaus zu einem Wohnhaus von Eyrich Hertweck Architekten

Wohnhaus in Berlin
Stralauer Liebe

In den 20er Jahren als moderner Industriebau errichtet und in den 90ern stillgelegt, begann die Glashütte Stralau nach langem Leerstand zu verfallen. Interessenten für die landeseigene Liegenschaft gab es viele, doch alle wollten das denkmalgeschützte Gebäude abreißen. Den Zuschlag erhielt daher eine Baugruppe, die ein tragfähiges Konzept für Erhalt und Umnutzung als Wohnhaus vorlegte.

Architekten: EYRICH HERTWECK ARCHITEKTEN
Tragwerksplanung: INGENIEURBÜRO Rüdiger Jockwer

Text: Jürgen Tietz
Fotos: Udo Meinel

Stadt bedeutet Veränderung. Das gerät gelegentlich in Vergessenheit vor lauter berechtigter »Sorge um den Bestand«, die der BDA jüngst formulierte, oder dem Berliner Drang zum »Milieuschutz«, um den Stadtwandel einzuhegen. Dabei ist nicht die Veränderung die eigentliche Herausforderung, sondern die Art, wie sie gestaltet wird. Eine erfolgreiche funktionale und architektonische Transformation, die bewahrt, ertüchtigt und zugleich anpasst, zeigen EYRICH HERTWECK ARCHITEKTEN mit ihrer Sanierung und dem Umbau der ursprünglich dreigeschossigen Glashütte auf der Halbinsel Stralau. Dort haben sie für eine Baugruppe in einem ehemaligen Werkstattgebäude 25 neue Wohnungen und eine Gewerbeeinheit geschaffen. Trotz dieses Nutzungswandels bleiben die Spuren der industriellen Geschichte des Ortes deutlich sichtbar. Für Alt-Stralau ist das wichtig. Bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung war das Areal durch seinen industriellen Charakter geprägt, mit dicht an dicht gebauten Fabriken. Davon ist heute kaum noch etwas zu erleben. Stattdessen flaniert man an der historischen Dorfkirche vorbei auf neu angelegten Wegen malerisch am Spreeufer entlang. Der Blick wandert über die Rummelsburger Bucht bis zu den »Spreestudios« am gegenüberliegenden Ufer (db-Metamorphose 12/2020) oder zur Liebesinsel in der Spree, die Fontane in seinem Stechlin erwähnte und vor deren Hintergrund Heiner Carow 1973 die legendäre Lastkahnszene für die Verfilmung von Ulrich Plenzdorfs »Die Legende von Paul und Paula« drehte.

Haus als Maschine

Um 1900 wurden in der Glashütte in der heutigen Glasbläserallee jährlich mehrere Millionen Bierflaschen produziert. Nach 1945 zog der VEB »Stralauer Glaswerk« ein. Mit dem Ende der Glasproduktion setzte in den 90er Jahren der Verfall ein, rostend und von Graffitis übersät. Während einige Reste dieser Graffitis von den Architekten erhalten wurden, ist der Rost glücklicherweise verschwunden. Später ergänzt und leicht überformt, wurde die langgestreckte Glashütte in den 1920er Jahren als Stahlskelettkonstruktion errichtet, die größtenteils sichtbar belassen ist, ausgefacht mit roten Backsteinbrüstungen und großen Fensterfeldern, gegliedert durch Betonflachdecken und nach oben abgeschlossen von einem Satteldach mit relativ geringer Neigung. Lediglich an den Schmalseiten verschwindet die Stahlkonstruktion hinter den Ziegeln. Letztlich gleicht das Haus einer großen Maschine, halb Fabrik, halb Brücke: Für die An- und Ablieferungen konnte es ursprünglich im offenen EG von der Bahn unterfahren werden. Heute ist diese Durchfahrt zwar geschlossen, doch eine dunkle Metallfassade sowie die großen Fenster der Gewerbeeinheit lassen eine Erinnerung an die ursprüngliche Gestaltung aufglimmen, ebenso wie der diagonale Einschnitt an der Rückseite des Hauses samt Laderampenfragment. Zum besonderen Charme des Baudenkmals tragen die beiden kleinen Brückenhäuschen zur Glasbläserallee bei. Über diese Brücken war die Fabrik ursprünglich mit der Nachbarbebauung verbunden. Heute dienen sie als Treppenhäuser zur Erschließung von Wohnungen im OG.

Grundriss EG (Bild: Eyrich Hertweck Architekten)

Bereits ein erster Blick auf die reparierte Backsteinhülle dokumentiert die liebevolle Akribie, mit der EYRICH HERTWECK ARCHITEKTEN bei der Sanierung vorgegangen sind. Wie eine leicht schrundige Haut zeigt die Fassade vom alten Stahlanker bis zur modernen Ziegelausbesserung stolz die Spuren der Zeit. Ergänzungen unserer Tage sind im Material deutlich ablesbar gestaltet. Günstig für die neue Wohnnutzung war, dass sich ein alter Umgang, der der Fabrik an ihrer heutigen Vorderseite im 1. OG vorgelagert war, gut zu großzügigen Balkonen umgestalten ließ. Das historische Geländer musste dafür leicht erhöht werden. Die wohltuend zurückhaltende und differenzierte Haltung gegenüber dem Bestand setzt sich im Innern des Hauses fort. Um die Eingriffe in die Substanz zu minimieren und den Bau weiterer Erschließungen zu verhindern, wurden die Wohneinheiten in enger Kooperation mit der Baugruppe behutsam in das Haus eingefügt, sodass praktisch kein Grundriss dem anderen gleicht. Verbindendes Element in den hohen lichtdurchfluteten Räumen sind die frei eingefügten, niedrigen Sanitär- und Serviceboxen, die Abstand zur Decke halten. Dadurch bleiben die fließenden Räume mit ihrem loftartig-industriellen Charakter erlebbar, mit historischen Decken und Wandoberflächen.

Energie sparen mit Augenmaß

Eine besondere Herausforderung stellte die unverzichtbare energetische Sanierung des Baudenkmals dar. An den Längsfassaden entstand hinter der ursprünglichen dünnen Mauerwerksausfachung des Stahlskeletts von innen eine zweite, hinterlüftete Mauerschale samt Holzfaserdämmung. Die vollständig ziegelsichtigen Giebelfassaden erhielten eine Innendämmung aus Kalziumsilikat-Platten. Eine weitere Herausforderung bildete die Ertüchtigung der Fenster. Die ursprünglich einfache Industrieverglasung mit Sprossenfenstern wurde dort, wo sie überdauert hatte, erhalten und ansonsten nachgebaut. Dahinter wurde ein zusätzlicher Flügel mit dunklerem Holzrahmen samt Sonnenschutz ergänzt, sodass ein neues Kastenfenster entstand. Die äußere Anmutung des historischen Bauwerks nähert sich so dem Zustand der 1920er Jahre an. Gleichzeitig wurde der Standard »KfW Effizienzhaus 85 Denkmal« erreicht.

Grundriss 1. OG (Bild: Eyrich Hertweck Architekten)

Neben dem Schließen der Durchfahrt im EG gehörte das neue aufgesetzte DG zu jenen Eingriffen, die am deutlichsten ablesbar sind. Die dunkle Zinkbekleidung des kastenartigen Dachaufbaus mit seiner leichten Neigung soll farblich die Erinnerung an die alte Dachpappe wachhalten. Für die Erschließung des DGs wurde zudem eines der Treppenhäuser aufgestockt und mit wetterfestem Baustahl bekleidet, der mit der Zeit die samtige Oberflächenstruktur von Cortenstahl annimmt. Aus dem gleichen Material sind auch zwei neue Balkone, die vorgesetzt wurden, der eine an einer der Giebel-, der andere an der Längsseite.

Zwar ist die industrielle Dichte, die in den 1920er Jahren auf der Stralauer Halbinsel herrschte, heute (glücklicherweise) Geschichte. Dank des gelungenen Umbaus der ehemaligen Glasbläserei aber bleibt mitten im Großstadtwandel des 21. Jahrhunderts immerhin eine Erinnerung an diese Zeitschicht wach.


Standort: Glasbläserallee, 10245 Berlin
Bauherr: Baugruppe Glashütte Alt-Stralau, Berlin
Architekten: EYRICH HERTWECK ARCHITEKTEN, Berlin
Mitarbeiter: Henriette von Flocken, Wasili Seidensal, Maria Cucu, Omorinsola Otubusin, Irina Avram
Projektsteuerung: Andreas Büsching und Tanja Zieske, Berlin
Bauleitung: Michael Breitmaier, Berlin
Tragwerksplanung: INGENIEURBÜRO Rüdiger Jockwer, Berlin
Bauphysik: Andreas Wilke – Ingenieurbüro für Bauphysik und Baukonstruktion, Potsdam
TGA-Planung: IBO Ingenieurbüro Dipl.-Ing. Reiner Ortlauf, Berlin
Freiraumplanung: glaßer und dagenbach, garten- und landschaftsarchitekten, Berlin

Beteiligte Firmen:
Fenster: Metallfenster, JANSEN, Oberriet (CH), www.jansen.com
EG-Fassade: VMZINC, Essen, www.vmzinc.de
Dachdeckung: VMZINC, Essen, www.vmzinc.de
Innenliegender Sonnenschutz: Warema Rollos in den Kastenfenstern, WAREMA, Marktheidenfeld, www.warema.de
Innendämmung: Kalziumsilikat-Platten, sto, Stühlingen, www.sto.de; Holzfaserdämmung, GUTEX, Waldshut-Tiengen, www.gutex.de
Innenputz: Kalkzementputz, GUTEX, Waldshut-Tiengen, www.gutex.de
Parkettböden: BEMBÉ PARKETT, Bad Mergentheim, www.bembe.de
Leuchten: RZB, Bamberg, www.rzb.de; EBOLICHT, Bolichwerke, Östringen-Odenheim, www.bolichwerke.de
Lichtschalter, Elektroinstallationen: E2, GIRA, Radevormwald, www.gira.de; Serie 1930, Berker, Blieskastel, www.berker.com

 

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