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Schule in Biel (CH) von Sollberger Bögli Architekten

Schule in Biel (CH)
Provisorisch, praktisch, bunt

Der Umbau einer ehemaligen Fabrik zur Primarschule beschränkt sich aus Geldgründen auf wenige konstruktive Eingriffe. Stattdessen setzt er auf auffällige Farben, die den Neuanfang anzeigen und zugleich die Geschichte des Hauses fortschreiben.

Architekten: Sollberger Bögli Architekten
Farbgestaltung: Barbara Schwärzler

Text: Tanja Feil
Fotos: Thomas Jantscher, Anja Fonseka

Hohe Geburtenraten und stetiger Zuzug von Familien zwangen die Stadt Biel, ihre bestehende Schulinfrastruktur zu erweitern. Fündig wurde sie in einem Industriegebäude, das 1969 ursprünglich für ein Unternehmen der Mikromechanik errichtet worden war. Seine Flexibilität hatte es bei unzähligen Umnutzungen bewiesen – u. a. als Postverteilzentrum, Fitness- und Tanzstudio, Büro für Architektur, Grafik und Schadstoffuntersuchungen und Lagerhalle für Trainingsgeräte. Nun sollte dort eine Primarschule einziehen, es galt zehn Unterstufenklassenräume, Gruppenzimmer, Räume für Spezialunterricht, Lehrerzimmer und Turnhalle mit Umkleiden unterzubringen. Da der Umbau vorerst nur als Provisorium für ca. zehn Jahre gedacht ist, sollte er günstig und mit einfachen Mitteln zu bewerkstelligen sein.

Bauliche Veränderungen

Wie schon bei den diversen Nutzungsänderungen der Vergangenheit ermöglichte die simple, aber robuste Struktur des dreigeschossigen Gebäuderiegels auch das Herrichten für den Schulbetrieb ohne allzu großen konstruktiven Aufwand. Mittels Trockenbauwänden konnten Sollberger Bögli Architekten die überhohen stützenfreien Räume mit ihren weitgespannten Decken und großen Fensterfronten in den beiden oberen Geschossen einfach aufteilen; es entstand ein klassischer zweibündiger Grundriss mit innenliegendem Erschließungs- und Garderobenflur und Klassenräumen entlang der Fassaden. Neu hinzu kam eine Toilettenanlage im 2. OG, ausgestattet mit Sanitärzubehör aus den Lagerbeständen der Stadt Biel. Das ehemalige Fluchttreppenhaus an der Ostseite des Gebäudes dient jetzt als Hauptverteiler für die Schule, der eigentliche »repräsentative« Erschließungskern bleibt den Nutzern des an der Westseite gelegenen Kopfbaus vorbehalten.

An der Nordfassade, der Straßenseite, schufen die Architekten für den Schultrakt einen neuen Zugang, dessen Überdachung sich auch über die angrenzenden Fahrradabstellplätze erstreckt. Von der Eingangs- und Spielhalle im EG gelangt man rechter Hand in die Turnhalle mit zwei vorgelagerten Umkleiden. Sie ist nach dem Raum-im-Raum-Prinzip aus einfachen

halbhohen Ständerwänden konstruiert, die mit gestrichenen OSB-Platten beplankt sind; ein Netz überbrückt den Abstand bis zur Bestandsdecke, schützt die Fenster vor Bällen und lässt ausreichend Licht in die offene Box dringen. Die an der Decke angebrachten Akustikplatten stammen wie die Garderobenmöbel der Flure in den OGs aus Restbeständen.

Bild: Thomas Jantscher

Spuren der Zeit

Um dem spröden Industriebau mehr Freundlichkeit zu verleihen, entschieden sich die Architekten für den großzügigen Einsatz von Farbe im Innenraum. Zusammen mit Farbgestalterin Barbara Schwärzler entwickelten sie ein Konzept, das als Ausgangspunkt einen dunklen Rotton verwendet, der am Boden vorgefunden wurde und vom ursprünglichen Belag aus der Entstehungszeit des Bauwerks stammt. Teilweise grau überstrichen und hier und da auch mit gelben Flecken und Streifen versehen, zeugt der sich durch sämtliche Räume ziehende, ochsenblutrote Industriebelag mit seinen unzähligen Gebrauchsspuren von der vielfältigen Nutzung des Gebäudes. Die Planer ließen diese Zeitzeugnisse allesamt sichtbar und behandelten den Boden nicht. Stattdessen griffen sie die Farbe auf und setzten sie, teils in Abwandlungen, im gesamten Gebäude ein.

Am auffälligsten kommt sie in den beiden OGs bei der Gestaltung der Garderobenelemente und der flurseitigen Türoberflächen und -zargen zur Geltung. Die hierfür verwendeten Holzwerkstoffe wurden allesamt in dem warmen dunkelroten Farbton gestrichen. Eher spielerisch setzen ihn die Planer an den Industrieaufzügen im Treppenhaus ein; hierfür ließen sie fleckige Stellen am Boden fotografieren, hochskalieren und wie riesige Farbspritzer auf die Liftschachttüren übertragen – ein insgesamt günstigerer Kunstgriff als es das gewöhnliche Auffrischen dieser Oberflächen gewesen wäre. Generell wurden alle vorhandenen Farbschichten im Innenraum erhalten und lediglich bei Türdurchbrüchen und Kernbohrungen flickartig ergänzt.

Eine Abwandlung des Rottons zu einem etwas milderen Rosa ist in der Turnhalle zu finden. Da die Schule für kleinere Kinder gedacht ist, sollte hier eine leichtere, weichere Atmosphäre entstehen, die der schroffen Härte der Bestandsarchitektur entgegenwirkt. Die Farbgestalterin assoziiert den rosa Farbton von Boden, Wänden und Türen mit Zuckerwatte.

Bild: Thomas Jantscher

Neue Farbakzente

Neben den vorgefunden Farben im Innenraum wurden auch Einflüsse aus der unmittelbaren äußeren Umgebung berücksichtigt. Die nach Norden ausgerichteten Räume sind mit der ausgesprochen bunten Fassadengestaltung des schräg gegenüber liegenden Brühlhofgebäudes konfrontiert (dunkelrote und -graue Putzflächen, hellblaue Fenster- und Rollläden, gelbe Fensterrahmen). Die nach Süden orientierten Zimmer dagegen haben einen in hellen Beige- und Grautönen gehaltenen Industriebau als visuellen Bezugspunkt. Wegen ihrer Lage in den oberen Stockwerkern sind in den Klassen atmosphärisch immer auch die Farben des Himmels präsent – alles in allem also eine sehr heterogene Ausgangslage.

Daher entschied man sich als einheitlichen farblichen Kontrapunkt zum vorherrschenden Ochsenblutrot schließlich für ein komplementäres Hellgrün, das in den Klassenzimmern vorwiegend an den Wand- und Türoberflächen zum Flur aufgebracht wurde. Der graustichige, wenig gesättigte Farbton erinnert an das typische Maschinengrün, wie es wohl auch die Geräte der ehemaligen Mikromechanikfabrik aufwiesen. Neben der Reminiszenz an die industrielle Vergangenheit des Bauwerks soll damit außerdem ein Hauch von Natur ins Gebäude geholt werden, da die Umgebung vorwiegend steinern-urban geprägt ist: Einen bepflanzten Schulhof etwa gibt es nicht.

Um auch in den innenliegenden Korridoren die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, haben die Architekten vielfältige Sichtbeziehungen zu den angrenzenden Räumen geschaffen – hauptsächlich über großflächige Oberlichter, aber auch über Zimmertüren mit Bullaugenfenstern. Letztere sind mit transparenten Folien in unterschiedlichen Farben beklebt, die den Kindern das Auffinden der eigenen Klasse erleichtern sollen.

Insgesamt ist eine Schule mit einer ganz eigenen Atmosphäre entstanden, wie man sie gerade bei Einrichtungen für kleine Kinder selten findet. Statt eines edlen Innenausbaus, der eine heile Welt inszeniert, zeigen die unprätentiösen Räume die ruppigen Abnutzungspuren der Vergangenheit – der Ort des Lernens präsentiert sich im wahrsten Sinne des Wortes als pädagogische »Werkstatt«. Oder wie die Architekten sagen: »In diesem Haus sind Gebrauchsspuren willkommen.«


Standort: Mattenstr. 90, CH-2503 Biel
Bauherr: Abteilung Hochbau der Stadt Biel
Architekten: SollbergerBögliArchitekten, Biel
Farbgestaltung: FARB AM BAU – Barbara Schwärzler, Biel
Bauphysik: WALTHER BAUPHYSIK, Biel
BGF: 1600 m²
BRI: 8160 m³
Baukosten: 1.860.000 SFr. inkl. Mwst (ca. 1.590.000 Euro)

Beteiligte Firmen:
Malerarbeiten: FREPA, Lyss, www.frepa.ch
Schreinerarbeiten: Oppliger Bois, St-Imier, www.oppliger-bois.ch
Trockenbauwände: »W111« 1-fach beplankt mit »Diamant GKFI« (Typ DFH2IR) von KNAUF, Iphofen, www.knauf.de
Turnhallenboden: 3x Birkensperrholz plus PU-Beschichtung von LIBRAFLOOR, Rickenbach (CH), www.librafloor.ch
Ringleuchten im Flur: »Gigant« von WEVER & DUCRÉ, Kortrijk (B), www.weverducre.com

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