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Musée du Pays de Sarrebourg

Frischer Kern
Musée du Pays de Sarrebourg

Irgendwie Nachverdichten genügt nicht, um die Innenstädte zu retten , die vom Leerstand bedroht sind. Im lothringischen Sarrebourg wurde damit begonnen, ein Konglomerat aus kultureller Nutzung und hochwertigen, neuen Wohnungen wie eine rund um die Uhr funktionsfähige Herzklappe in den Stadtorganismus zu integrieren. Der Kommerz, immer schon Teil städtischen Gemischs, wird den Menschen dann aus eigner Kraft folgen.

It is not enough to encrease somehow the density of town centres in order to combat their threatening vacancy. In Sarrebourg in Lorraine a start has been made with a mixture of cultural uses and high-class, brandnew apartments and their integration in the urban organism like a nonstop cardiac valve. Commerce, always a part of the urban pattern, will then follow if its own accord.

Text: Ursula Baus
Fotos: Michel Denancé, Wilfried Dechau
Etwa vierzehntausend Menschen leben in Sarrebourg, im Departement Moselle – im nordöstlichen, geschichtlich ereignisreichen Lothringen. Das Zentrum des Ortes verkommt ein wenig, denn wer es sich leisten kann, verwirklicht am Stadtrand seinen Bürgertraum vom Adelsschloss und zieht in eins jener herrschaftlich dekorierten Fertighäuschen, die in Frankreich so aufgemotzt geraten wie überall sonst. In Sichtweite muss der Supermarché mit großem Parkplatz die Versorgungslage bequem garantieren. Man darf spekulieren, wie lange noch die vermeintliche Qualität des Stadtrandes dem Zentrum vorgezogen wird, wo schließlich das Herz der Stadt seit über zweitausend Jahren schlägt – etwas ungleichmäßig, aber immerhin: Die Stadtmitte bietet genau jene Identität, nach der immer lauter gerufen wird. In Sarrebourg ist diese Mitte etwas verschmuddelt, weil bislang wenig gepflegt, aber sie ist geschichtsträchtig, was nachzuzeichnen hier zu weit führte: Handel im Mittelalter, Porzellan im achtzehnten und Stahlindustrie seit dem neunzehnten Jahrhundert bescherten den Bewohnern ein erkleckliches Auskommen. Aber heute?
Sarrebourg steuert dem Verfall des Stadtzentrums dadurch gegen, dass nachverdichtet und das Konglomerat zum Programm erhoben wird: durch ein Museum, das die geschichtliche Identität des Ortes thematisiert, und dicht nebenan geplante Wohnungen, die das Stadtzentrum als Standortqualität begreifen lassen. Als Erstes ist das Museum fertig geworden – ein Haus, das bis an die Grundstücksgrenzen rückt und sich nicht als solitäre Bauskulptur gebärdet.
Großzügige Ausstellungsbereiche wusste Bernard Desmoulin so unter ein Dach zu bringen, dass jedem ein innenräumlich autonom wirkendes Oberlicht entspricht – in der Aufsicht ist dies bestens abzulesen. Im Stadtgefüge aber dominiert die einheitliche, rechtwinklige Baukörperfigur, die dank der Giebel stadtverträglich konturiert ist. Schnitt und Grundrisse lassen auf den ersten Blick die kompakte, aber klar und übersichtlich konzipierte Ausstellungsregie erkennen, die für die einzelnen Ausstellungsthemen maßgeschneidert worden ist.
Aus der Stadt kann man aus zwei Richtungen zum Museum spazieren – entweder über eine lange, flache Treppe bis zum Eingang. Oder man kommt durch die kleine Gasse zwischen Museum und einer älteren Bibliothek zum kleinen Vorplatz, auf dem ein Wasserbassin bis zur verglasten Eingangsfassade des Museums reicht. Innen erschließt sich der Museumsrundgang, in dem die Zeugnisse aus den eingangs erwähnten, guten Zeiten Sarrebourgs ausgestellt sind, wie von selbst – auch die Ausstellungsinszenierung stammt von Bernard Desmoulin. Eine große Wendeltreppe lenkt ins Obergeschoss; dort wurde für Werke Marc Chagalls adäquater Platz geschaffen.
Sichtbeton, Holz, Industrieestrich, Naturstein, Glas und Stahl – das hört sich nach einer Materialvielfalt an, mit der das Museum schlichtweg überfrachtet sein könnte; denn es ist mit etwa 1600 Quadratmetern Ausstellungsfläche vergleichsweise klein. Überfrachtet ist es aber an keiner Stelle. Die großzügige Wirkung der Räume erreichte Desmoulin nicht zuletzt durch deren wunderbare lichte Höhe und unterschiedliche Lichtwirkungen im Detail.
Die Fassaden sind entweder in Sichtbeton belassen – kleine Glaserker wecken in diesen Bereichen Neugier aufs Innere – oder, an den ganz und gar geschlossenen Seiten, mit patiniertem Kupferblech bekleidet. Es ist vorgesehen, auf dem verbleibenden, schmalen Gelände nach Norden hin neue Wohnungen zu bauen – dann wird das Museum nach drei Seiten hin in engem Straßenraum stehen und seine »Schauwirkung« lediglich zum kleinen Platz hin entwickeln. Von diesem Platz werden dann auch die Bewohner der unmittelbaren Nachbarschaft profitieren können.
Museum und Wohnungen sollen als Konglomerat dafür sorgen, dass Menschen wieder rund um die Uhr in der Stadtmitte leben können und wollen. Es geht um nicht weniger, als dass den Bewohnern die geschichtliche Dimension ihres Ortes als Teil lokaler Identität wieder nahe gebracht werden kann; zwar kann man den Neubau als gehobenes Heimatmuseum bezeichnen, doch das Niveau der Architektur und der Ausstellungsstücke lässt an Ort und Stelle kaum an dieses Genre denken. Konglomerate neu zu schaffen, wie sie für lebendige Städte charakteristisch sind, gehört wohl zum Schwierigsten, womit sich Planer beschäftigen müssen – schlichtweg, weil zur formalen und konstruktiv-bautechnischen Dimension eine stadtsoziologische hinzukommt. Zum bestens begonnenen Sarrebourger Projekt fehlen jetzt noch die Wohnungen, die unmittelbar nebenan gebaut werden. ub
Bauherr: Stadt Sarrebourg
Architekt: Bernard Desmoulin, Paris
Mitarbeiter: Christian Dagand
Beleuchtung: Raymond Belle
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