Von der Baugruppe bis zur Alten-WG: Alternative Wohnkonzepte sind plötzlich populär

Netzwerk-Architektur

Text: Christoph Gunßer

Genau vor fünfzehn Jahren brachte die db schon einmal ein Heft zum Thema »Gemeinsam wohnen« heraus. Campingplatz und Wagenburg dienten damals als Aufmacher für Wohnanlagen von Vandkunsten, Hermann Schröder und Sampo Widmann, Hubert Rieß und Otto Steidle, den »üblichen Verdächtigen« für ein soziales Nischenthema.
Eine halbe Generation später sind die gemeinschaftsorientierten Wohnformen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Diesen Eindruck erwecken zumindest die zahlreichen neugierigen bis enthusiastischen Berichte, die in der letzten Zeit in ansonsten gutbürgerlichen Medien erschienen. Zum Stichwort »Baugruppe« findet die Internet-Suchmaschine Google Hunderttausende an Resultaten. Tatsächlich fördern Hamburg und seit kurzem auch Berlin diese Form der gemeinschaftlichen Bauinitiative, indem sie einen (kleinen) Teil öffentlicher Grundstücke bevorzugt an Baugruppen vergeben. Es wurden Anlaufstellen geschaffen, um Organisation und Realisierung dieser Projekte zu erleichtern. München baut seine Angebote für Baugruppen aus, und auch kleinere Städte wie das badische Wiesloch weisen neuerdings Bauplätze für gemeinschaftlich geplante Wohnhöfe aus.
Warum sie das tun? Die Kommunen haben schlicht bemerkt, dass diese Form der Selbsthilfe die Identifikation der Bewohner stärkt, dass problematische Stadtviertel stabilisiert und Neubaugebiete lebendiger gemacht werden – und dass die Architektur dabei oft erfrischend vielgestaltig und innovativ ist. Wo nicht der Meistbietende zum Zuge kommt, sondern die Gruppe mit dem besten auf das Quartier abgestimmten Konzept, entstehen stabile Nachbarschaften – das haben die Pioniere Tübingen und Freiburg in ihren Modellgebieten vorgemacht. Auch die Niederländer nutzen die Vergabe von Grundstücken seit langem, um soziale wie gestalterische Qualitäten durchzusetzen.
Es sind zudem meist aufgeschlossene und kreative Menschen, die sich zu Baugemeinschaften zusammenschließen. Oft sind Architekten mit von der Partie: Baugruppen anzustoßen und zu moderieren ist ein viel versprechendes Geschäftsfeld für Freiberufler geworden, sofern sie Geduld und Kommunikationstalent mitbringen. Doch warum gehen Bauwillige diesen nicht selten anstrengenden und langwierigen Weg? Der pragmatische Grund der erheblichen Kostenersparnis – in der Regel rund zwanzig Prozent gegenüber Bauträgerprojekten – verbindet sie mit den Selbsthelfern aller Zeiten. Darüber hinaus differenziert sich die Szene: Klassische Interessenten fürs gemeinsame Wohnen in Eigenregie waren und sind junge Familien mit wenig Geld und individuellen Wohnvorstellungen. Sie profitieren von der Nachbarschaftshilfe ebenso wie die zweite, neuere Zielgruppe, »die Alten«. Mehr als die Hälfte der über Sechzigjährigen können sich ein Leben in einer Wohngemeinschaft vorstellen. Angst vor Vereinsamung, vor liebloser institutioneller Fürsorge, davor, nicht mehr gebraucht zu werden, ist oft der Antrieb – aber auch Lust und Neugier auf ein anderes Wohnen als das gewohnte. Gerade zwischen diesen beiden Zielgruppen kann es Symbiosen, aber auch Konflikte, etwa um die Wohnruhe, geben. Das Mehrgenerationenwohnen, die Großfamilie aus Wahlverwandten, wie auch die Alten-WG genießen derzeit viel Sympathie. Realisierte Projekte sind jedoch, anders als in Holland, noch rar, da es an professioneller Beratung fehlt.
Etwas einfacher haben es da klar umrissene Gruppen: So hat die Beginenbewegung von und für Frauen mehrere, auch architektonisch beachtliche Hofprojekte in Deutschland realisiert. Gemeinwesengruppen engagieren sich für soziale Minderheiten und versuchen, sie in den Quartiersalltag zu integrieren. Ökosiedlungen sind ein weiteres, aufgrund höherer Kosten und Lage eher »exklusives« Spezialgebiet, wenngleich eigentlich alle Gruppenprojekte heute auf Nachhaltigkeit Wert legen – schon, um die laufenden Kosten für die Gemeinschaft niedrig zu halten und künftige Streitigkeiten zu vermeiden.
Allen gemeinsam ist eine neue Wertschätzung des Wohnumfeldes. Neue Selbständige, Alte wie Alleinerziehende sind viel zu Hause, knüpfen soziale Netze und sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig legen sie jedoch Wert auf Rückzugsräume: Kontakte sollen nicht zwangsläufig, eher zufällig entstehen – für Architektur wie Städtebau weiterhin eine wichtige Gestaltungsaufgabe.
Schwindende Zuwächse bei den Einwohnerzahlen werden die Wohn-Angebote in den nächsten Jahren allerdings ohnehin auf die Probe stellen. Vielerorts sind Schrumpfung und Leerstand bereits Realität. Spätestens in zwanzig Jahren wird auch die Zahl der Haushalte zurückgehen. Glaubt man den Sozialforschern, wird die Netzwerk-Architektur der neuen Alternativen die besten Chancen haben, auf dem Wohnungsmarkt zu bestehen. Das bestätigt auch der Rückblick auf das in die Jahre gekommene Wohnmodell zum Schluss des Hefts. •