Entdeckungen

~Roman Hillmann

Auf der Tagung »Denkmal Ost-Moderne« diesen Januar an der Bauhaus-Universität Weimar herrschte eine Mischung aus Begeisterung und Betroffenheit. Begeisterung empfanden Referenten und Zuhörer angesichts der Entdeckung ungekannter Architekturen höchster ästhetischer Qualität – nicht nur aus der modernen Nachkriegsarchitektur der DDR. Vorträge zu Polen, Ungarn, der Slowakei und der Sowjetunion förderten weiteres Erstaunliches zutage. Die osteuropäische Moderne erschloss sich facettenreich, jedes der Länder zeigt eine eigene Ausprägung. Ungarn etwa stach mit seiner oft poppigen Variante des Internationalen Stils hervor. Die DDR charakterisierte der Berliner Architekturhistoriker Ulrich Hartung als Land mit der konsequentesten Typisierung und Industriefertigung [3] (Redaktions- und Studiogebäude des Rundfunks der DDR, um 1965). Eine klare geometrische Form und serielle Ästhetik bestimmten die Baukörper, die im Städtebau in ein räumlich und inhaltlich leicht fassbares Verhältnis traten. Dies zeigte die Dresdner Architektin Tanja Scheffler an der Prager Straße in Dresden, die mit Kaufhäusern, Wohn- und Hotelbauten in Form erkennbarer Typenprojekte eine neue räumliche und architektonische Ordnung in die Stadt brachte. Hartung fasste seine »Acht Thesen zur Spezifik des Modernen in der DDR-Architektur« zusammen, da er den Begriff »Ostmoderne« 2004 im gleichnamigen Buch gemeinsam mit Andreas Butter geprägt hatte. Da der Begriff im Titel der Tagung war, wollten ihn die Organisatoren vertiefend erläutert wissen. Hartungs Charakterisierung machte den vergleichenden Überblick über osteuropäische Architekturen erst möglich.
Die Bilanz der Erhaltung fiel erwartungsgemäß katastrophal aus. Nach 22 Jahren »Weiterbauen« ist mehr abgerissen als erhalten, mehr verschandelt als der jeweiligen Ästhetik gerecht saniert worden. Die Prager Straße in ihrer Offenheit etwa wurde durch das Schließen bedeutsamer Blickbeziehungen und Wege zum »Prager Platz«, so Tanja Scheffler. Da es oft nicht einmal ausreicht, die bedeutendsten Werke zur Erhaltung unter Denkmalschutz zu stellen, artete die Podiumsdiskussion zu einem Rollenspiel der Betroffenheit aus und kondensierte die bestehende Aporie: Wie kann Erhalt auch jenseits der Denkmalpflege befördert werden? Denn »Abriss ist auch keine Lösung«, titelte nun selbst »Die Welt« zur Tagung.
Das Verhältnis zwischen osteuropäischer Vielfalt und den in den einzelnen Ländern ähnlichen Problemen wurde nie genau ausgelotet. Nun können die richtigen Fragen gestellt werden: Welche positiven und negativen Beispiele des Umgangs gibt es und was für Perspektiven folgen daraus? Es bedarf darum der Fortsetzung der Veranstaltung als Tagungsreihe.
www.uni-weimar.de/cms/architektur/dmbg/ professur/denkmal-ost-moderne.html