Denken statt Dämmen

Soviel Vernunft, Einsicht und Weitsicht hat man dem BMVBS, dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, kaum zugetraut. Durch das neue,

~Ira Mazzoni

Anfang April eingeführte Fördersegment »Effizienzhaus Denkmal« im Programm »Energieeffizient Sanieren« besteht jetzt berechtigte Hoffnung, dass Baudenkmale und erhaltenswerte Altbauten nicht mehr der allgemeinen Dämmwut zum Opfer fallen. Der Städtebauliche Denkmalschutz darf damit rechnen, dass Ensembles und Altstadtquartiere in Zukunft nicht mehr entstellt werden. In geduldiger Vermittlungsarbeit ist es dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) gelungen, die Politik davon zu überzeugen, dass Klimaschutz und Denkmalschutz sich nicht ausschließen und dass beide gleichberechtigte öffentliche Anliegen sind.
Damit hat auch das DNK unter der Geschäftsführung von Andrea Puffke bewiesen, wie notwendig seine diplomatischen Kompetenzen gerade in Umbruchzeiten sind. Bisher mussten sich Hausbesitzer, die ihr Eigentum energetisch sanieren und dafür eine Förderung aus dem Programm »Energieeffzient Sanieren« in Anspruch nehmen wollten, an die Vorgaben der Energieeinsparverordnung EnEV halten, deren normativen Richtwerte nur unter substanziellen Verlusten erreichbar waren. Beim neuen, speziellen Förderprogramm zur energetischen Ertüchtigung von Baudenkmalen und »besonders erhaltenswerter Bausubstanz im Sinne des § 24 der EnEV« geht es dagegen darum, ein auf die bauphysikalischen Eigenschaften des Hauses abgestimmtes, schonendes Gesamtkonzept zur Senkung des Primärenergiebedarfs zu entwickeln. Selbstverständlich soll dabei die Denkmal- und die Fassadenqualität des Objekts erhalten bleiben. Da die Planung in historisch überformten und häufig auch geschädigten Häusern nicht nach Schema F erfolgen kann, setzt die Förderung eine qualifizierte Beurteilung des Einzelfalls voraus. Dazu bedarf es eigens geschulter »Energieberater für Baudenkmale«. Sie sollen die zukünftig zwingende Beratung der Eigentümer, Planung und Baubegleitung übernehmen. Bei soviel Weitsicht wundert es nicht, dass die Deutsche-Energie-Agentur dena für dieses spezielle Denkmal-Fördersegment keine Prüfinstanz sein wird. Die Listenführung der »Energieberater für Baudenkmale« liegt in der Verantwortung der von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VdL) und der Wissenschaftlich-Technischen Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA) gebildeten Koordinierungsstelle (www.energieberater-denkmal.de).
Während sich die Architektenschaft gerade mit der KfW und der dena über Verantwortlichkeiten auf dem Energieberater-Sektor für den großen allgemeinen, nicht gesondert geschützten Baumarkt zwischen Häuschen im Grünen, Allerwelts-Wohnungsbau und Standard-Bürohäusern streitet und sich gegen die kostenpflichtige Visitenkarten-Aufnahme auf den dena-Listen (www.energie-effizienz-experten.de) wehrt, wird also von der VdL und der WTA eine Hochqualifiziertenliste eröffnet. Aufgenommen werden Architekten und Ingenieure, die eine Weiterbildung als Energieberater haben (BAFA-Berater bzw. Qualifizierung gemäß BAFA »Vor Ort-Beratung«) und zugleich Erfahrungen bei der energetischen Sanierung von Baudenkmalen und erhaltungswürdiger Altbauten nachweisen können. Dazu sollen drei Projektdatenblätter aus den letzten drei Jahren eingereicht werden. Der Prüfungsaufwand ist enorm und so lässt sich nicht ausschließen, dass unter dem Zeitdruck zunächst auch mittelmäßig qualifizierte Architekten und Ingenieure in die Liste rutschen. Im Laufe des Jahres soll ein eigenes Fortbildungsprogramm an entsprechenden Akademien angeboten werden. Die Bayerische Ingenieurkammer-Bau, die Deutsche Bundestiftung Umwelt, das DNK, das Fraunhofer Institut für Bauphysik mit seinem Europäischen Kompetenzzentrum für Altbausanierung und Denkmalpflege in Benediktbeuern, die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger und der WTA erarbeiten gemeinsame Fortbildungsmodule.
Spät wurden auch die Architektenkammern für die Zusammenarbeit gewonnen. Sie bestehen jedoch darauf, dass die Weiterbildung, anders als ursprünglich ab dem 1. Januar 2013 geplant, nicht zwingend für die Eintragung in die Expertenliste werden darf. Architekten und Ingenieure mit guten Referenzen sollen weiterhin Zugangschancen zu einem Markt haben, der weit über die 2 % Denkmalanteil am Baubestand hinausgeht.
Welche Häuser und Quartiere allerdings überhaupt nach dem neuen Programm gefördert werden können, darüber herrscht indes noch Unklarheit. Denn was ist eine »besonders erhaltenswerte Bausubstanz im Sinne des § 24 der EnEV«? Die acht Förderkriterien des KfW-Programms, die Stadtkerne, Quartiere und auch regionaltypische Erscheinungsformen betreffen, sind durchaus auslegungsfähig. Der Zuwendungsgeber, der Bund, dachte wohl eher an ein kleines Fördersegment. Denkmal- und Heimatpfleger neigen genauso wie Baukulturbeflissene zu einer weiteren Auslegung der Kriterien. Die Architektenschaft hätte dafür gerne genauere Definitionen. Oder es muss jeweils nach Antrag geprüft werden, ob das Haus oder die Hausgruppe erhaltenswert ist, auch wenn sie nicht in der Denkmalliste stehen. Kommen da eventuell auf die Denkmalämter zahlreiche Einzelfall-Prüfungen zu, denen sie personell nach etlichen Sparmaßnahmen nicht gewachsen sind? Auch wenn noch in Arbeitsgruppen mit dem Ministerium über Details des Fördersegments »Effizienzhaus Denkmals« beraten wird: Seine Einführung zeigt, dass Baukultur doch eine Zukunft hat und der Klimaschutz dabei nicht zu kurz kommt.
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt u. a. für die Süddeutsche Zeitung und die ZEIT.