Der kulturelle Wert des sozialistischen Klassizismus wird in Abchasien ignoriert

Verfall am Schwarzen Meer

Abchasien ist ein kleines bergiges Land am Schwarzen Meer, die Hauptstadt Suchumi liegt nicht weit vom russischen Sotschi entfernt. Das subtropische Klima in der Republik ähnelt dem des benachbarten Georgien, Heimat von Josef Stalin. Er hielt sich oft und gerne auch in Abchasien auf. Zwischen 1935 und 1955 entstanden daher unzählige Bauten in »Stalinscher Neorenaissance«, auch sozialistischer Klassizismus genannt. Nach dem Tod des Diktators führte Nikita Chruschtschow wieder modernere Architekturtendenzen ein. Und so verfallen seit 65 Jahren imposante Blumenschalen, Triumphbögen, die den Sieg im Zweiten Weltkrieg feiern, eine erhöhte Eisenbahntrasse, die auf breiten dorischen Säulen ruht. Kurhotels, die aussehen wie griechische Tempel, verstecken sich zwischen Palmen. In Abchasien unterwegs zu sein, ist wie eine Reise durch ein riesiges Landschaftskunstwerk.

»Um das sowjetische Regime zu rechtfertigen, wollten die Machthaber etwas Besonderes vorzeigen«, erläutert Georgij Baronin, einer der führenden Architekten Abchasiens und Experte für sowjetische Baukunst, beim Rundgang durch Suchumi. »Bis heute sind die damals errichteten Häuser die besten, die wir haben. Die Qualität ist hoch: Die Materialien sind gut, die Wohnungen warm und trocken.« Dieser Standard war allerdings teuer erkauft: »Ingenieure, Handwerker und Architekten gaben sich die größte Mühe, weil sie Angst hatten, als Volksfeinde gebrandmarkt und nach Sibirien geschickt zu werden, wenn sie bei der Arbeit schlampten. Die Angst war ein starker Motivationsfaktor.«

Die Architekten dieser Epoche kombinierten griechische und römische Ornamente mit den kommunistischen Symbolen Hammer, Sichel, Sterne. Ergänzend verwendeten sie in jeder der fünfzehn Sowjetrepubliken Symbole aus der dortigen Volkskunst und Geschichte. Die UdSSR hinterließ ähnliche Ruinen wie das Römische Reich und das antike Griechenland, nur dass hier und da etwas Bewehrung aus den Trümmern guckt.

Der Hauptbahnhof Suchumis beispielsweise war ein hervorragendes Beispiel für den Stalinstil in seiner georgischen Variante. Man sieht förmlich die Tausende von Feriengästen in kurzärmeligen Hemden und leichten Kleidern ihre Koffer durch die Ankunftshalle tragen – nach mehreren Tagen Zugfahrt aus allen Ecken der Sowjetunion, aus Moskau oder Leningrad. Und der gewundene Weg zu einem einst eleganten Aussichtskomplex über der Stadt führt nun an Straßenlaternen ohne Glühlampen, zerbrochenen Geländern, überwucherten Treppenaufgängen und ausgetrockneten Brunnen vorbei. Die damals vornehmen Restaurants erinnern heute an abgebrannte Ruinen. Fenster wurden eingeschlagen, alle Einrichtungsgegenstände gestohlen und die Wände weisen Einschusslöcher auf. »Hier gab es das beste Grillfleisch der Stadt«, erinnert sich Baronin und blickt über seine Geburtsstadt. »Die Aussicht ist immer noch fantastisch.«

Diese Bauten, die enorme Ressourcen und Arbeitskraft verschlangen, gehen nun in der feuchten Hitze Abchasiens zugrunde. Der Bürgerkrieg, nach dem sich Abchasien 1993 für unabhängig von Georgien erklärte, brachte zusammen mit dem allgemeinen postsowjetischen Abschwung weitere Verwüstungen an den Gebäuden mit sich. Die überwiegende Mehrheit wird nicht zu sichern sein, da sich erst seit Kurzem Fachleute und Architekturfreunde auf ihren Wert besinnen. »Es ist kein Geld da, um die Gebäude zu bewahren oder zu restaurieren«, sagt Baronin. »Das ist besonders ärgerlich, weil die Architekten zu den besten der Sowjetunion gehörten. Ihre Werke könnten wiederhergestellt und weiter genutzt werden.«

~Jens Malling