Hardt-Waltherr Hämer (1922-2012)

~Nikolaus Bernau

Ende September starb Hardt-Waltherr Hämer, Architekt, Stadtplaner, Leiter der »Altbau-IBA« 1987 in Berlin, unermüdlicher Kämpfer für die »behutsame Stadterneuerung« und eine bessere Welt.
Dabei begann er seine Karriere als Architekt eher konventionell. 1922 in Lüneburg geboren, studierte er nach dem Krieg an der heutigen Universität der Künste in Berlin, dann an der Kunsthochschule Weimar, in der jungen DDR. Schon 1949 wurde sein erster Bau errichtet, die Schifferkirche in Ahrenshoop. Nach der Arbeit bei Hans und Wassili Luckhardt und Gerhard Weber kam der erste große Wurf: das Stadttheater Ingolstadt. 1966 eingeweiht, ist es ein Musterbeispiel für organische Betonarchitektur aus der Schule Scharouns.
1967 wurde Hämer Professor für Entwerfen an der HfbK. Etwa zur gleichen Zeit begann bei ihm ein Umdenken in Sachen Stadtplanung, dessen Radikalität heute kaum noch zu ermessen ist. Das Weiterbauen, so Hämer, sei nicht nur gut für das Stadtbild, sondern auch ökonomisch sinnvoller als die architektonische Wegwerfkultur. Seit 1972 entwickelte er seine Ideen zu einer methodischen Systematik. Seine Gegner waren mächtig: praktisch alle Parteien, Architekten und Stadtplaner, Bau- und Wohnungsunternehmen, die mit Neubauten weit höhere Mieten erwirtschaften konnten. Anhänger hatte er unter Stadthistorikern und Soziologen, Denkmalpflegern und Bürgern, die aus ihren Häusern vertrieben werden sollten.
Hämers Arbeiten wurden zu einem Anker einer neuen Stadtbaupolitik. 1979 wurde er zum Leiter der »Altbau-IBA« in Berlin berufen. Mit ihr gelang es, innerhalb weniger Jahre die sozialen Konflikte wenigstens zu beruhigen und die historischen Viertel vor dem Abriss zu bewahren. In Deutschland seit den 90er Jahren von der Stadtplanung zunehmend ignoriert, wurde Hämers Idee in Südamerika, Afrika und Asien, sogar in der New Yorker Bronx zum Erfolgsmodell. Hämers letzter großer Kampf mit den Mächtigen galt dem Studentendorf Schlachtensee. Der Berliner Senat wollte 2001 das Geschenk Amerikas an die deutsche Jugend schnöde verkaufen, damit es zugunsten von Luxusvillen abgerissen werde. Nun, es steht immer noch, ein Musterbeispiel für die Nutzbarkeit von Bauten der 50er Jahre.
Hämers Essays, Reden und Aufrufe fechten dafür, dass Architekten die Welt durchaus verbessern können. Jeder, der heute eine Altbaufassade sieht, sollte eine Gedenkminute für Hardt-Waltherr Hämer einlegen.