Wider die Landflucht

Zwischenstand der IBA Thüringen

Weitgehend unbemerkt von der Architekturszene geht die IBA Thüringen nach fünf Jahren in die Zwischenpräsentation. Ihr Thema ist das »StadtLand«, die dichte und kleinteilige Siedlungsstruktur Thüringens. Zu ihren Projekten gehören kleine aber feine Projekte bei denen Bauherren oder Bürgerinitiativen oft selbst Hand anlegen, um diesen neues Leben einzuhauchen.

~Robert Mehl

Thüringen – man ahnt es schon, wenn man die A4 in Richtung Dresden fährt – schrumpft. Mit einer Einwohnerzahl von rund 2,15 Mio. weist es eine Bevölkerungsdichte auf, die annähernd der von 1925 (1 609 300 Einwohner, allerdings ohne Erfurt, da preußisch) entspricht. Verzerrt wird dies aber dadurch, dass die Mittelstädte wie Erfurt, Weimar oder Jena ähnlich dicht besiedelt sind, wie andere deutsche Universitätsstädte – mit vergleichbaren Mietpreisen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass das Hinterland noch dünner besiedelt ist als zu Kaisers Zeiten. Und auch das spürt man auf dem Weg zu einem der 30 IBA-Projekte, auf der Fahrt durch die stillen Dörfer.

Die Syntaxwahl StadtLand für das offizielle Motto der IBA symbolisiert den essenziellen Austausch von beidem. Die IBA versucht, der Landflucht, v. a. dem Drang junger Menschen in die Stadt zu ziehen, Konzepte entgegenzusetzen, sodass nicht nur die Alten auf dem Land zurückbleiben und die Region langsam verödet. Es gibt aber auch die von wissenschaftlichen Studien belegte Sehnsucht der Stadtbewohner nach einem idyllischen Leben auf dem Land, nach einer Flucht vor der Großstadthektik und einem ländlichen Refugium zum geschützten Aufziehen des Nachwuchses.

Als dritter Faktor kommt schließlich die Digitalisierung ins Spiel – Home-Office geht überall, sofern ein schnelles Internet vorhanden ist. Die IBA Thüringen hat daraufhin gute Projektbeispiele gesucht – und gefunden. Goethe, Schiller und das Bauhaus hat man hingegen außen vor gelassen. Die stehen zwar auch für Thüringen, sind aber ohnehin medial omnipräsent.

An der Umsetzung von rund 30 Vorhaben wird bis zum Finale 2023 kontinuierlich gearbeitet, zum jetzigen Zeitpunkt beachtenswert erscheinen die folgenden fünf bereits realisierten IBA-Projekte.

Eiermannbau

Beim sogenannten Eiermannbau in Apolda handelt es sich um eine ehemalige Textilfabrik, die in den 30er Jahren von dem jungen Egon Eiermann zu einer Feuerlöscherfabrik umgebaut wurde. Diese Funktion behielt das Gebäude während der DDR-Zeit, jedoch wurde im Zuge der Wende die Produktion eingestellt. In den Folgejahren verfiel der Bau zunehmend und wurde letztlich von der Bürgerinitiative, dem Verein der Freunde des Eiermannbaus, gerettet. Insbesondere die Eiermannsche Erweiterung und der damit einhergehende Umbau sind ein Zeugnis der frühen Moderne. Während das Ursprungsgebäude noch Details aufweist, die eher zur Neuen Sachlichkeit zu zählen sind, spielt Eiermann mit Sichtbeton und Motiven eines Kreuzfahrtschiffs. So besitzt der Bau eine Dachterrasse, die an das Sonnendeck eines Ozeandampfers erinnert. Hier verbrachten die Werktätigen ihre Mittagspausen. Auch die Metallringe in den Wänden, in denen Blumentöpfe hängen, sind aus dieser Zeit. Kulturhistorisch bedeutsam ist der Bau, weil hier eine der ersten Dachterrassen zur Erholung entstand, die Le Corbusiers vergleichbare Idee bei der Unité d’habitation um fast 20 Jahre vorwegnahm.

Die Geschosse basieren auf offenen Grundrissen. Während im 1. OG alle 30 IBA-Projekte vorgestellt werden, ist im Geschoss darüber das IBA-Büro selbst untergebracht. Es wurde 2018 getreu dem eigenen Motto von Weimar in das weniger bekannte Apolda verlegt. Um den denkmalgeschützten, aber nicht gedämmten und weitgehend unbeheizten Bau nur wenig konstruktiv zu stören, implementierte man die Zellenbüros als gläserne Gewächshäuser mit Holzsockel. Diese Kleinsträume können elektrisch beheizt und über Dachklappen und Fenster intern belüftet werden. Durch den solaren Strahlungseintrag sind sie aber meist ausreichend warm. Zudem gibt es eine große Holzbox als Meetingbereich. Im Unterschied zu den transparenten, »kommunikativen« Gewächshausbüros ist der Besprechungsbereich nach innen orientiert, durch große Drehtüren aus Holz kann er für das konzentrierte Arbeiten vollständig verschlossen werden. Dann ist darin freilich Kunstlicht nötig.

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Timber Prototype House

Das Timber Prototype House ist ein temporärer Pavillon, der im Rahmen der Forschungsinitiative Zukunft Bau als Fortentwicklung eines Projekts der Münster School of Architecture Anfang 2019 auf der Grünbrache hinter dem Eiermannbau entstand. Er besteht, abgesehen von seinen stirnseitigen Fensterfronten, aus einer hoch dämmenden Massivholzkonstruktion. Angestrebt wurde bei dem Projekt eine maximale Produktionsdigitalisierung, die vom Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD) der Universität Stuttgart wissenschaftlich betreut wurde. Das Ergebnis war eine parametrische Software, bei der die Entwerfer nur noch die Hüllkurven vorgaben, auf deren Basis sich die gesamte Gebäudegeometrie ergab und direkt die Steuerdateien der CNC-Fräse berechnet wurden.

In das Fichtenvollholz ist ein Lamellenkamm eingefräst, dessen Luftkammern den Holzdämmwert um ein Drittel erhöhen. An den Ecken erhielten die Kanthölzer digital eingefräste Nut/Feder-Verbindungen, die nur noch zusammenzustecken waren. Der gesamte Pavillon besteht aus 440 Massivholzrahmen, deren Fußboden und Decke gleichartig ausgeführt sind. Die Regendichtigkeit wird mit einer diffusionsoffenen, jedoch wasserdichten Membran sichergestellt, die um den Rohbau gelegt ist. Der Rohbaustufung folgend wurde diese mit einer fugenoffenen Fassadenlattung bekleidet. Die gläsernen Stirnseiten stehen sinnbildlich für den digitalen Projektanspruch und sollen Assoziationen zu einem Handydisplay wecken. Dabei handelt es sich um zwei vorproduzierte Stufenfalzglaselemente, die per Kran von der Seite eingeschoben wurden.

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Flammenorgel

Krobitz ist ein kleiner Weiler mit einigen wenigen Häusern und 25 Einwohnern, zugehörig zur Gemeinde Weira im Osten Thüringens. Dort wurde durch die IBA gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes (KSB) eine Flammenorgel installiert. Der Entwurf stammt vom renommierten Künstler und Komponisten Carsten Nicolai. Flammenorgeln nutzen den thermischen Effekt, der entsteht, wenn heiße Luft in Röhren schnell nach oben steigt und diese damit zum Schwingen bringt. Das Krobitzer Instrument besitzt 25 Orgelpfeifen in Form entsprechend gestimmter Glasröhren. Diese sind oberhalb ebenso vieler Gasflammen montiert. Zum Anspielen eines Tons werden die jeweiligen Glasröhren per Schrittmotor herabgefahren, bis die Flamme sie umschließt. Ein kaminartiger Sog setzt ein und mit diesem der Ton. Bauartbedingt kann das Instrument nur sehr lange Noten spielen, weshalb Nicolai eigens dafür ein zwölfminütiges Stück komponierte, das mit einem Computer vorgeführt wird. Mit dem Kunstprojekt wurde die Kapelle romanischen Ursprungs, die über Jahrzehnte geschlossen war, wieder für die Kirchengemeinde, aber v. a. auch für Anwohner der Gemeinde als ein öffentlicher Ort geöffnet. Das Vorhaben entstand im Rahmen des offenen Ideenaufrufs »STADTLAND : Kirche. Querdenker für Thüringen 2017«.

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Her(r)bergskirche

Die Her(r)bergskirche in Neustadt am Rennsteig, wird als evangelische Gemeindekirche genutzt. Infolge einer mehrjährigen Pfarrvakanz suchte die Gemeinde nach neuen Möglichkeiten ihr Gotteshaus zu beleben. Die Teilnehmer eines dort von der TU Berlin veranstalteten und vom Wissenschaftler und Architekten Hannes Langguth betreuten Vor-Ort-Seminar suchten eine Woche lang nach geeigneten Nutzungsoptionen. Dabei entstand ein zimmermannsmäßig erstellter Schlafbereich direkt im Kirchenraum. Obwohl nur als temporäre Intervention gedacht, ergab sich beim

versuchsweisen Einstellen in ein bekanntes Hotelbuchungsportal sofort eine rege Nachfrage. Um die Kirche dennoch als solche zu nutzen, verlegte man im Vorjahr die Schlafstätte in den hinteren Teil des Kirchenraums und teilte diesen mit einem blauen Stoffvorhang ab, der sich farblich an der Deckenvertäfelung orientiert. Die Schlafmöglichkeit besteht aus einem einzigen Doppelbett, Toilette und Dusche finden sich nebenan in der unbewohnten Pfarrwohnung. Derzeit werden die Möglichkeiten ausgelotet, einen entsprechenden Sanitärraum in der Kirche einzurichten. Leider ist die Kirche unbeheizt, dicke Decken sind aber vorhanden, trotzdem besteht das Übernachtungsangebot immer nur von April bis Oktober. Ziel ist es nun, weitere Kirchen entlang des Rennsteigs, dem alten Handelsweg durch den Thüringer Wald, als Her(r)bergskirchen zu transformieren. Auch dieses Vorhaben entstand im Rahmen des genannten Ideenaufrufs von 2017 und hat eine starke Vorbildwirkung für andere Kirchenstandorte.

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Sch(l)afstall Schloss Bedheim

Bedheim liegt ganz im Südwesten von Thüringen im leicht hügeligen Gebiet des Oberlaufs der Werra. Vom restlichen Bundesland durch den imposanten Thüringer Wald, von Hessen durch die Rhön getrennt, ist der Landstrich nach Coburg hin orientiert. Kulturell ohnehin zugehörig zu Niederfranken prosperiert der Landstrich durch seine Nähe zu Bayern. Viele Pendler wohnen im günstigeren Thüringen und arbeiten im bayerischen Freistaat. Insofern sieht Architekt Florian Kirfel, Schlossherr von Bedheim und Stadtrat, die zunehmende Landschaftszersiedlung und den damit verbundenen Verlust traditioneller Haufendörfer als ein strukturelles Problem seiner Region an.

Letztlich waren es auch städtebauliche Erwägungen, die ihn bewogen, das Projekt Sch(l)afstall anzugehen. Der Neubau fußt auf Fundamenten eines früheren, baufällig gewordenen Schafstalls, den er eigenhändig abriss. Danach war das Grundstück hinter der Dorfkirche mehr als 15 Jahre lang eine Brache. Den Architekten vom Studio Gründer Kirfel waren hier v. a. die Wiederherstellung der einstigen Gebäudeensembles wichtig.

Der Neubau wird als Gemeinschaftsunterkunft von einem gemeinnützigen Verein getragen. Gruppen mit bis zu zwölf Teilnehmern können in einem Saal im OG unterhalb des offenen Dachstuhls mit Matratzen auf dem Boden schlafen. Zudem gibt es ein Einzelzimmer für etwaige Betreuer. Im EG befinden sich die Sanitärräume und diesen im Foyer vorgelagert ein langgestreckter Waschspülstein. An der westlichen Gebäudeseite liegt die große Gemeinschaftsküche mit einem Esstisch.

Der Bau ist eine Holzkonstruktion, für die nur Fichtenholz in Standardgrößen verwendet wurde, das äußerlich mit Holzteer versiegelt und innen weiß gestrichen ist. Die zweischalige Außenwand besitzt keine Dampfsperre, vielmehr wurde der Hohlraum mit Tongranulat verfüllt, ein atmungsaktives Material, das zudem die Feuchtigkeit bindet. Diese Tondämmung wurde über das Dach bis hinauf zum First geführt.

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Der Autor studierte Architektur in Aachen und war anschließend planerisch tätig.
Seit 2004 dokumentiert er Architektur als Publizist und Fotograf.