UIA-Weltkongress 2005 in Istanbul

Wasserpfeife und Bakhlava

Der eigentliche Star des XXII. Weltkongresses des Internationalen Architektenverbandes UIA 2005 war Istanbul selbst. Gelegen an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien, Christentum und Islam, aber auch Nord und Süd, arm und reich, satt und hungrig fasziniert diese Stadt durch ihre Lage am Wasser und ihre hügelige Topo- grafie, durch die sie immer wieder zum Amphitheater wird. Hinzu kommen die zahlreichen großen byzantinischen und islamischen Monumente der Architekturgeschichte. Nicht zuletzt betört das intensive Stadtleben, das von der Lebenslust der Menschen und der Vitalität ihrer Kultur zeugt.

In dieser Kultur nimmt die Gastfreundschaft einen besonderen Stellenwert ein, wie die Teilnehmer des Kongresses genussvoll erfahren durften – sei es bei den Feiern zur Eröffnung und zum Abschluss des Kongresses, bei einer Schifffahrt über den Bosporus oder bei einem Konzertabend mit dem Perkussionisten Burhan Öçal. Was es den Organisatoren erleichterte, ihre Gastfreundschaft unter Beweis zu stellen, war die großzügige finanzielle Unterstützung durch Staat, Stadt und Wirtschaft, angesichts des geplanten EU-Beitritts. Das sehr junge und international ausgerichtete Publikum zeigte sich dankbar und war bereit, über kleinere Pannen bei der Durchführung des Pflichtprogramms hinwegzuschauen. Laut Organisatoren nahmen an dem Kongress rund 7000 zahlende Architekten und Studenten aus 112 Ländern teil, davon dreißig Prozent aus der Türkei; augenscheinlich waren Osteuropa, Asien und Afrika stärker vertreten als vor drei Jahren in Berlin.
Im Vergleich zu den überwiegend jungen Teilnehmern war das Durchschnittsalter der insgesamt 26 so genannten Keynote-Speakers realtiv hoch, darunter viele, vielleicht zu viele Altmeister – offensichtlich wollten die Organisatoren auch in dieser Hinsicht nichts falsch machen. Als Lokalmatador trat Cengiz Bektas an; neben ihm durfte Denise Scott Brown samt Robert Venturi die USA repräsentieren, Moshe Safdie Israel, Glenn Murcutt Australien, Tadao Ando (der die UIA-Goldmedaille erhielt) Japan, Charles Correa Indien, CICA-Präsident Joseph Rykwert die Architekturkritiker und Zaha Hadid die globale Medienwelt – mit rund 4000 Zuhörern brach sie alle Rekorde; wie gesagt, das Publikum war jung, sehr jung. Aus deutscher Sicht fiel auf, dass unter den »keynoters« kein Landsmann war.
Dafür schnitten deutsche Architekten bei den Auszeichnungen überraschend gut ab, dort also, wo handfeste Leistungen im Vordergrund standen: der Auguste-Perret-Preis ging an Werner Sobek (Stuttgart), eine Sir-Patrick-Abercrombie-Anerkennung an Hermann Sträb (Dresden), ein Sir-Robert-Matthew-Preis an Stefan Forster (Frankfurt am Main), eine Anerkennung »Celebration of Cities« an Brigitte Holz (Darmstadt) sowie im Rahmen der »Student Competition« weitere Preise an Katie Schakat sowie an Alberto Cobos Alvarez, Julian Arons und Anton Georg Schenkel.
Inhaltlich stand der Kongress unter dem Motto »Stadt und Architektur«. Besonders Jaime Lerner, der scheidende UIA-Präsident, der als Bürgermeister von Curitiba und Gouverneur des Staates Paraná in Brasilien beachtliche Fortschritte im Bereich der Verkehrsplanung, des Städtebaus und der Architektur einleitete, unterstrich die Notwendigkeit, die Stadt »als letzten Zufluchtsort der Menschen in einer globalisierten Welt« vernünftig weiterzuentwickeln. Um dabei bestehende Qualitäten nicht zu zerstören, empfahl er – im Gegensatz zu den sonst üblichen, oft brutalen Amputationen, Implantaten und Schönheitsoperationen – eine Politik der »Akupunktur«.
Wo die Chancen liegen, machte auch der Vortrag von Michael Sorkin aus den USA deutlich, der über die ökologischen Konsequenzen heutiger Lebensweisen in den Industriestaaten sinnierte. Er äußerte Gedanken zu der im Zuge der Globalisierung erfolgenden Übernahme des energieinten- siven »american way of life« durch bevölkerungsreiche Länder wie China und Indien. Was im internationalen Kontext als wich- tiger Beitrag zu werten ist, veranlasste die deutschen Teilnehmer ein wenig zum Schmunzeln. Denn die zweifellos nach wie vor höchst aktuellen Warnungen erinnerten genauso wie der dramatische Tonfall und die gezeigten, ganz in Rosa und frischem Grün gehaltenen naiven Bilder einer besseren Welt nur zu gut an die Gründerzeit der grünen Bewegung in den achtziger Jahren. Offensichtlich sind die Entwicklungen, die hier zu Lande stattgefunden haben, kaum nach außen gedrungen; jedenfalls scheinen die Fragestellungen von damals erst jetzt und nur allmählich die US-amerikanische Öffentlichkeit zu erreichen.
In dieser Situation liegen enorme Chancen. Durch großmaßstäbliche Aktionen der letzten Jahrzehnte wie die IBA Emscher Park und zahllose kleine Projekte haben sich deutsche Planer und mit ihnen die Bauwirtschaft insgesamt einen Wissensvorsprung erarbeitet, der sich mit etwas Geschick und Geschäftstüchtigkeit in Aufträge und Anerkennung umsetzen lassen dürfte – vorausgesetzt, es bewegt sich etwas, bevor dieser Vorsprung dahingeschmolzen ist. Große Märkte wie der US-amerikanische bieten sich genauso als Ziel an wie die kleineren in den Schwellenländern, die angesichts steigender Energiepreise auf die Implementierung energieeffizienter Lebensformen und Architekturen dringend angewiesen sind. Um diese Chancen zu nutzen, emp- fiehlt sich ein gemeinsames Vorgehen von Architekten, Fachingenieuren, Publizisten, der Industrie und der Baufirmen nach französischem Vorbild, bei dem die einen die guten Ideen und die anderen das für überzeugende Präsentationen notwendige Kleingeld bereitstellen. Unter den derzeit sich im Umlauf befindenden Ausstellungen hätte sich übrigens aus inhaltlichen Gründen die des DAM zum Werk von Thomas Herzog bestens geeignet, die deutschen Stärken im Umweltbereich gestalterisch überzeugend zu kommunizieren – wie so etwas geht, machte Spanien vor, das das Werk von Campo Baeza unter dem Motto »Light is more« in der byzantinischen Kirche Hagia Eirene spektakulär präsentierte. Warum sollten wir so etwas nicht auch können? Die nächste Chance dafür bietet sich – spätestens – auf dem UIA-Kongress 2008.
Aus deutscher Sicht scheint die hier zu Lande schon lang anhaltende Depression des Berufsstandes allmählich neuen Kräften zu weichen. Jedenfalls regt sich einiges: Dank der Initiativen der Bundesarchitektenkammer BAK und ihres Netzwerkes Architekturexport NAX, des BDA und auch des Bauhaus Dessau kam ein beachtliches Paket an Veranstaltungen zusammen. Im Zentrum stand die Ausstellung »Zwei deutsche Architekturen: 1949–1989«, eine inhaltlich solide und gut inszenierte Schau, die wegen der gemeinsamen Darstellung von BRD und DDR ihre Berechtigung hat, als Retrospektive aber in Istanbul fehl am Platz war. Gerade in bewegten Zeiten wie der heutigen gilt das Interesse nicht allein der Jugend, sondern allen Belangen, die in die Zukunft weisen.
In der zum Abschluss des Kongresses verabschiedeten »Istanbul Declaration« zeigte sich die UIA überzeugt, dass »ein Städtebau und eine Architektur, die sich dem inneren Frieden und dem Glück einer Gesellschaft verschreiben, dazu beitragen können, den Weltfrieden zu sichern.« Kritisiert wurde der Krieg, durch den immer wieder Städte und damit der Lebensraum der Menschen systematisch zerstört werden. Kritisiert wurde auch, dass immer wieder wirtschaftlichen Interessen der Vorrang vor sozialen und kulturellen zugestanden wird, was zu den bekannten Konflikten zwischen Stadtplanung und Architektur führt. Weiterhin sprach man sich gegen eine Globalisierung aus, die auf »Verbrauch statt auf Produktion, auf Gleichschaltung statt auf Stärkung der kulturellen Identität, auf Krieg statt auf Frieden, auf Herrschaft statt auf Zusammenarbeit, auf Besitzen statt auf Teilen« setzt. Das alles waren Worte, die – in einem jungen und internationalen Kontext gesprochen – an Bedeutung und Kraft gewonnen haben. Manuel Cuadra
Manuel Cuadra widmet sich als Architekt der Architekturgeschichte, -theorie und -kritik; er lebt in Frankfurt/M.