tag der Architektur – Eine vertane Chance?

Der Tag war ein voller Erfolg: Rund viereinhalb Millionen Besucher machten sich 2008 zur bundesweiten Besichtigungstour auf. Zu

~Jürgen Tietz

sehen waren: Scheunen, Schlösser, Monumente. Der alljährlich im September veranstaltete Tag des offenen Denkmals besitzt eine atemberaubende Magnetwirkung beim Publikum. Da schreckt es auch nicht ab, dass sich die Besucher zu manchen Denkmalführungen extra anmelden mussten!
Von solch einer Besucherresonanz muss der ebenfalls jährlich durchge-führte Tag der Architektur derzeit noch träumen. Auf der Webseite der Bundesarchitektenkammer sind für 2008 gerade einmal 143 000 Besucher verzeichnet. Als Erfolg gilt die jeweils am letzten Juniwochenende von den Architektenkammern der Länder durchgeführte Veranstaltung dennoch. Offenbar sind die deutschen Architekten weitaus bescheidener als die Denkmalschützer, was die Resonanz der Öffentlichkeit auf ihre Arbeit angeht. So beteiligten sich 2008 insgesamt 706 Städte und Gemeinden am Tag der Architektur – das ergibt gerade einmal 202 Besucher pro Stadt. Für die »publikums- und medienwirksamste Architekturveranstaltung in Deutschland« ist das ein entlarvendes Ergebnis. Doch woran liegt der begrenzte Publikumszuspruch? Besitzt die neu gebaute Umwelt tatsächlich so viel weniger Anziehungskraft als historische Bauwerke? Oder liegt es am Konzept der Veranstaltung?
Zwar wird der Tag der Architektur bundesweite durchgeführt, doch vieles an ihm ist dem föderalen Proporz geschuldet. So findet die zentrale Auftaktveranstaltung jedes Jahr in einem anderen Bundesland statt – genauso wie beim Tag des offenen Denkmals. 2009 ist Rheinland Pfalz an der Reihe. Unter dem Motto »Zeichen setzen« lädt das Land auf die »Wiege der deutschen Demokratie« ein, das Hambacher Schloss. Doch jenseits dieses nationalen Auftakts wird mit dem »Tag der Architektur« vor allem das Publikum vor Ort angesprochen: mit Haus- und Atelierbesichtigungen, Führungen, Bustouren, Ausstellungen und Vorträgen. Dabei geht freilich jedes Bundesland eigene Wege – und stellt mal höhere und mal niedrige Hürden auf, ehe die Besucher zum Architekturgenuss kommen: In Baden-Württemberg gilt es drei Klicks im Internet plus ein Telefonat zu überwinden, ehe man sich zu einer der kostenlosen Touren durch die Region einer Kammergruppe anmelden kann. In Brandenburg stehen derweil 44 Objekte zu festgelegten, besucherfreundlichen Terminen zur Besichtigung offen.
Aber nicht nur bei der Anzahl der Gebäude und ihrer Zugänglichkeit herrscht Uneinheitlichkeit, sondern auch bei den Auswahlkriterien. So werden im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen 538 Objekte ins Rennen um die Besichtigungsgunst geschickt. Doch sind tatsächlich alle Bauten besichtigungswürdig, die in den taschenbuchdicken Führer aus NRW aufgenommen wurden? In anderen Bundesländern wird dagegen mehr oder weniger großzügig juriert, was die Architekturinteressierten später besichtigen. Aber selbst hier gehen die Länder unterschiedlich vor: Denn manchmal bestimmen die Vertreter der Kammern selbst, was gezeigt wird, manchmal werden externe Juroren für die Auswahl hinzugezogen.
Doch solange Auswahl und Präsentation der Objekte nicht vereinheitlicht werden, muss eine bundesweit wirksame Vermarktung des »Tags der Architektur« scheitern. Eine stärkere Lenkung seitens der Bundesarchitektenkammer (BAK) ist daher unverzichtbar, um eine höhere Aufmerksamkeit für die Marke Tag der Architektur zu generieren. Dazu gehört auch, übergreifende Themenschwerpunkte zu setzen, die zusätzliches Interesse wecken und sich – ganz nebenbei – auch medial besser vermitteln lassen. Ein Gegensatz zum regionalen Besichtigungsangebot entsteht dadurch nicht, sondern vielmehr eine Ergänzung. Eine Lenkung durch die BAK setzt allerdings voraus, dass dies von den Länderkammern auch zugelassen wird. Doch sind diese dazu auch bereit?
Unverzichtbar ist ebenfalls die Vernetzung mit anderen baukulturell-aktiven Organisationen, allen voran mit der Schwesterkammer der Architekten – den Ingenieuren. Birgt doch gerade die Ingenieurbaukunst ein großes Neugierpotenzial beim Publikum. Dafür müssten die Ingenieure allerdings Selbstbewusstsein beweisen und ihre alte Angst zurückstellen, dass sie bei gemeinsamen Veranstaltungen mit den Architekten in die zweite Reihe gedrängt werden.
Bisher bestimmt beim Ringen um die (begrenzte) öffentliche Aufmerksamkeit ein ausgeprägtes Vorgartendenken das Bild: Wie anders ist es zu erklären, dass Bund Deutscher Architekten und Werkbund ihre Jahresevents 2009 eine Woche vor dem Tag der Architektur veranstalten? Und auch die Bundesstiftung Baukultur ist noch immer nicht im gemeinsamen Architekturboot. Bei der Baukultur, so scheint es, ist sich jede Institution selbst die Nächste. Da hilft ein erneuter Blick auf den Tag des offenen Denkmals: Dort arbeiten die (private) Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Denkmaleigentümer und Landesdenkmalämter trotz interner Reibereien seit Jahren höchst erfolgreich zusammen – und ziehen damit Jahr für Jahr Millionen Besucher an. Da kann die zeitgenössische Architektur von den Denkmalen nur lernen.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.