St. BIG’s Cathedral

~Jay Merrick

Der eben eröffnete Sommerpavillon [9] von BIG vor der Serpentine Gallery in London dürfte der schönste und architektonisch ambitionierteste von allen sein, seit die jährliche Pavillonschau im Jahr 2000 begann. Sein Schöpfer, das 42-jährige dänische Wunderkind Bjarke Ingels, weiß außerdem, wie man Eindruck schindet: Just am Tag des Presserundgangs verkündete er, dass sein Büro eine nicht allzu kleine Dépendance in London eröffnet hat.
Der Pavillon besteht aus 1 800 eckigen, von Aluminiumklammern gehaltenen Glasfaserprofilen, die nach Plänen des Ingenieurs Hanif Kara so gestapelt wurden, dass sie zwei asymmetrisch fallende Flächen bilden [10]. Kara beschreibt die Formen als »Wand gewordene Sinuskurven«. Im Innern erzeugt dieses Gebilde zahllose Modulationen von Licht, Volumen und Ausblick, die ein erhabenes Gefühl wie in einer Kirche hervorrufen und zur gleichen Zeit herrlich kindlich anmuten. Ein naheliegender Spitzname wäre: St. BIG’s Cathedral. Aber auch der Gedanke an Ikea liegt nahe, sind die Glasfaserboxen doch mit einem Regalsystem verwandt, das BIG zurzeit entwickelt. Obwohl das kleine Gebäude aus so einfachen Materialien besteht, entwickelt es die sinnlichste Wirkung aller bisherigen Serpentine Pavilions; das Gefühl für Innen und Außen verschwimmt und so kommt an seine außergewöhnliche Atmosphäre höchstens die des Pavillons von SANAA (2009) heran.
Dieses Jahr wurden zusätzlich zum Sommerpavillon vier kleinere Sommerhäuschen in Auftrag gegeben. Sie stehen 200 m entfernt, um »Queen Caroline’s Temple« herum – eine »folie« aus dem 17. Jahrhundert von William Kent und sollen für mehr Besucher sorgen. Das Projekt von NLÉ [11] ist eine »neue Ruine«, deren Schnitt auf dem zerlegten Grundriss des Tempelchens beruht.
Asif Khan schuf eine raffiniert gestaltete Nische mit Moiré-Effekt und sich verschiebenden Ausblicken; Barkow Leibingers Sommerhaus besteht aus wirbelnden Sperrholzschleifen, deren spielerische Geometrie ein sich ständig wandelndes Rätsel aus Licht und Schatten erzeugen; und die metallenen Schnörkel von Yona Friedman bilden eine Ausstellungskonstruktion, die von seinem Projekt »La Ville spatiale« aus den 50er Jahren inspiriert ist. Leider wirken diese Satelliten wie riesige Modelle für einen eher vage formulierten Architekturwettbewerb. Logischer wäre es gewesen, ein einziges Projekt als Gegenüber des Tempelchens zu beauftragen. Trotz seiner leicht bizarren postmodernen »ruinenlust«-Aura ist NLÉs Projekt die konzeptionell am besten nachvollziehbare Antwort auf das Original.
Bis zum 9. Oktober finden rund um die Serpentine Gallery Events von der Lesung bis zur Musiknacht statt.