Notizen aus der Provinz

Ein Vierteljahrhundert Museum Abteiberg Mönchengladbach, ein Jahr Museum X – und eine traurige Aussicht: Nur wenige Monate nach seinem 25-jährigen Geburtstag wird das Geburtstagkind sich nach einem Jahr Instandsetzungsarbeiten ab Anfang November wieder der Öffentlichkeit präsentieren. In neuem Glanz und mit dem Wunsch, am Kulturleben der Stadt zukünftig mehr Anteil zu gewinnen. Akzeptanzprobleme in der Stadt hatten es in den letzten Jahren etwas ins Abseits geraten lassen. Die Freude über den neuen Glanz einer architektonischen Ikone des zwanzigsten Jahrhunderts wird jedoch getrübt durch unausweichlich drohenden Abriss eines weiteren architektonisch bedeutenden Baues, des Stadttheaters von Paul Stohrer.

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Mönchengladbach, das ist (mittlerweile) niederrheinische Provinz. Das war nicht immer so. Seit dem 19. Jahrhundert hatte sich hier schwunghaft eine Textilindustrie entwickelt und der Textilmaschinenbau etabliert. Die als »Rheinisches Manchester« bekannte Stadt und ihre »Gladbacher Textilbarone« ereilte allerdings das gleiche Schicksal wie ihre große Schwester. Die blühende Industrielandschaft verkümmerte, als Ende der sechziger und in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Krise der Textil- und Bekleidungsindustrie einsetzte. Die Produktionsstandorte sind mittlerweile in Asien zu finden – und auch die ehemals erfolgreiche Fohlenelf hat sich in die Zweite Liga verabschiedet.
Die Zahl der im Joint Headquarter der Rheinarmee stationierten, mehrheitlich britischen Soldaten wurde seit Jahren radikal reduziert, der endgültige Abzug ist für 2012 geplant. Außerhalb der Stadt liegt – fast einem potemkinschen Dorf gleich – als eigener Stadtteil, wenn auch im Besitz des Bundes, deren Hauptstützpunkt, dessen Bausubstanz mit dem Begriff sanierungswürdig zu beschreiben, noch einem Euphemismus gleichkommt. In der ehemals stadtnahen Dependance, dem heutigen Nordpark, wurde mittlerweile neben dem neuen Stadion eine Gewerbe- und Industrienutzung angesiedelt. Das Gebiet um das ehemalige Bökelbergstadion wartet auf seine Erschließung als Wohngebiet; viele städtebauliche Baustellen und Probleme auf engstem Raum.
Heute zählt die Stadt, die 1975 mit ihrer Nachbarstadt Rheydt »fusionierte«, etwa 266 000 Einwohner, die Arbeitslosenrate liegt bei fast 14 Prozent. Im Amtsdeutsch liest sich ihre katastrophale wirtschaftliche Situation als »Übergangswirtschaft« nach Paragraf 81 der GO NW.
Museum abteiberg
Als die Planungen für das Museum 1972 begannen, sah die Situation noch anders aus. Der von seinem charismatischen damaligen Direktor Johannes Cladders engagiert und beharrlich vorgebrachten Forderung nach einem Neubau hatte sich die Stadt auf Dauer nicht verschließen können. Und Cladders erreichte noch mehr. Das von ihm für ein neues Haus entwickelte, neue kuratorische Konzept, sei, so wusste er zu überzeugen, nur mit Hans Hollein als Architekt zu realisieren. Dieser entwarf in enger Kooperation mit Cladders das 1982 eröffnete Gebäude – einschließlich der Inneneinrichtung, von den Wandverkleidungen über die Beleuchtung bis hin zu den Möbeln – das, einem Manifest gleich, richtungsweisend für den Museumsbau wurde. Programmatische Ausstellungen und seine Architektur brachten ihm und der Stadt weithin sowohl in Architekten- als auch Kunstkreisen Bekanntheit und Aufmerksamkeit. Leider konnte die im ursprünglichen Konzept vorgesehene direkte Anbindung an die Stadt aufgrund wirtschaftlicher Probleme dann schon nicht mehr realisiert werden.
Im Laufe der Jahre mehrten sich zwar außerhalb der Stadt die Anerkennung und der Ruf des Museums, in Gladbach selbst aber nahm das Interesse allmählich bis auf engagierte Kreise ab. Knappe Kassen ließen auch die kontinuierliche Instandhaltung auf das Notwendigste beschränken. Die Sandsteinfassaden wurden zur Spielwiese von Graffitikünstlern, die auch vor den Titanzinkfassaden nicht Halt machten. Skateboardkünstler probten rund um den oberen Eingang ihre Künste und testeten die Stabilität des Belags – die Außenanlagen und damit der Gesamteindruck bot ein Bild zunehmender Verwahrlosung. Vandalismus tat ein Übriges: Und auch im Inneren waren die Spuren nicht zu übersehen: verschrammte Wände, Stockflecken aus ungenügenden Abdichtungen, abgetretene Teppiche.
Als sich die Sandsteinfassadenplatten allmählich aus ihrer Halterung lösten, war der Handlungsbedarf unübersehbar, da eine akute Gefahr für Besucher und Passanten bestand.
In dieser Phase hatte das Museum dann in zweifacher Hinsicht Glück. Es bekam mit Susanne Titz eine neue, engagierte Direktorin, die das Museum verstärkt wieder in das kulturelle Leben der Stadt einbinden will und ihre Zusage auch davon abhängig machte, dass die Stadt eine Sanierung in Aussicht stellte, und sie fand im Dezernat Planung und Bauen der Stadt sowie im Fachbereich Ingenieurbüro und Baubetrieb Verbündete, die ihre Begeisterung für das Gebäude teilten.
Den damaligen Baukosten von über 31 Mio Euro stand für die Sanierung »nur« die Summe von 5 Mio Euro entgegen, die angesichts der leeren Kassen im Rat bewilligt zu bekommen, auch auf Seiten der städtischen Verantwortlichen sehr viel Engagement erforderte. ›
›Das bedeutete die Konzentration auf dringend notwendige Arbeiten, wie die Erneuerung des Brandschutzes und der Haustechnik sowie der Bauwerksabdichtung, aber auch den kompletten Austausch der Steinfassade. Hier wurde, in enger Abstimmung mit Hollein, ein dem ursprünglichen Sandstein farblich und in der Maserung sehr ähnlicher Stein höherer Festigkeit ausgewählt. Aus Erfahrung klug, wurde er zum Schutz vor Vandalismus in den unteren Bereichen um zehn Millimenter dicker ausgeführt.
Die prägnante, wellenförmige Fassade war in gleicher Bauweise nicht mehr lieferbar, und eine neue hätte das Erscheinungsbild maßgeblich beeinträchtigt. So musste sie in mühsamer Kleinarbeit auseinandergeschraubt, gereinigt und, mit einer neuen Anforderungen entsprechenden Dämmung und Dichtung versehen, wieder montiert werden. Hier wie an vielen weiteren Stellen traf man während der Arbeiten auf unliebsame Überraschungen und Schäden, die mit viel Kreativität und dem festen Budget vor Augen bewältigt werden mussten. Diese Herausforderungen haben aus Direktorin, dem Bauleiter Winfried Comans und dem technischen Beigeordneten der Stadt ein Team gemacht, dessen Stolz und Begeisterung über das Erreichte beim Rundgang über die Baustelle deutlich wird.
Der fünfundzwanzigste Geburtstag wurde schon einmal vor erneuerter Kulisse am 23. Juni mit den beiden nach wie vor stolzen Vätern als Ehrengästen im Skulpturengarten des Museums gefeiert; und selbige gleich mit.
Museum x – Foyer ins Nirgendwo
Wenn man Susanne Titz fragt, wie sie ihre Aufgabe versteht, ist die Antwort sehr klar. Sie will die sehr besondere Identität des Museums vermitteln, »besonders«, dieses Wort fällt im Gespräch immer wieder und bezieht sich sowohl auf die Geschichte des Bauwerks als auch auf Cladders fast manifestartige räumliche und programmatische Konzeption, alle Strömungen der bildenden Kunst darzustellen. Im Hinblick auf die Stadt bedeutet das, »wir müssen an der Vermittlung arbeiten, aber dürfen die Inhalte nicht verändern«. Dem Haus müsse vor Ort die Bedeutung zukommen, die es verdiene und andererorts auch erfahre.
Damit während der über ein Jahr dauernden Generalsanierung und der damit verbundenen Schließung des Museums dieses nicht ganz aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden würde, beauftragte sie Ende 2005, unterstützt vom M:AI Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW, das Berliner Büro realities:united mit einer Kunstinstallation zum Thema Museum – und erhielt ein neues Museum sowie, nicht ganz unerwartet, ein vielschichtiges Politikum. Dass sich Titz an die Berliner wandte, beruhte neben einer früheren Zusammenarbeit auf der Tatsache, dass die beiden Büroinhaber Tim und Jan Edler gebürtige Mönchengladbacher sind und sich im vielfältigen städtischen Geflecht auskannten. Dies zeigte sich unter anderem an dem gemeinsam für die Installation gewählten Ort, dem ehemaligen Stadttheater.
Der vom Stuttgarter Architekten Paul Stohrer zwischen 1957 und 59 errichtete Bau, auf der Hälfte der steilen einstigen Renommiereinkaufmeile der Stadt gelegen, steht, mit einer kurzen Unterbrechung seit fast zwölf Jahren verwaist; ein spätes Opfer der kommunalen Neugliederung des Jahres 1975. Beide Städte brachten in ihre Zwangsehe eigenständige Kultureinrichtungen ein, die in den folgenden Jahren parallel betrieben wurden. Angesichts maroder Haushaltslage war dies in den neunziger Jahren nicht mehr finanzierbar. Stadt- und Interessenspolitik ließen den Rheydtern ihr Theater – fast ein Danaergeschenk, so will es heute scheinen. Denn schon kurz nach der Stilllegung kamen erste Pläne auf, in Mönchengladbach mittels eines Investors an Stelle des Theaters ein Shopping-Center zu errichten. Das rief, neben dem sich in seiner Existenz gerade auch in Rheydt bedroht sehenden Einzelhandel, viele Bürger auf den Plan, die sich für den Erhalt des Theaters stark machten und mögliche Umnutzungskonzepte entwickelten. Einer der Vertreter der alsbald gegründeten Bürgerinitiative war der Vater der Edlerbrüder. Die Initiative scheiterte, die Stadt konnte den Hamburger Projektentwickler ECE anlocken und dieser kam mit seinem Schrecken verkündenden Versprechen einer »Lebendigen Stadt«.
In diesem spannungsreichen Umfeld inszenierte realities:united die Interimslösung Museum X; brachte das abwesende Abteiberg-Museum mitten in das Herz der Stadt. Sie »verkleideten« die gläserne Schauseite des Gebäudes mit textilbespannten Paneelen, auf die eine Waschbetonstruktur gedruckt ist und gaben dem Bau für seine Abschiedsvorstellung somit eine unübersehbare, massige Präsenz. Museum steht darauf, und man glaubt es. Im zurückgesetzten Erdgeschoss markiert ein querliegendes X aus Leuchtstoffröhren auf grünem Grund den Eingangbereich, ein doppeltes Zitat der charakteristischen Deckenbeleuchtung des Holleinbaus und seiner im Auditoriumsbereich manieristisch akzentuierten Farbigkeit. Wer nach diesem Auftakt erwartet, ein großräumiges Museum zu betreten, steht im durch Einbauten auf 180 Quadratmeter verkleinerten ehemaligen Garderobenbereich, der sich mit Empfangstresen und Shopbereich als Eingangshalle eines Museums »kostümiert« hat. Aber das Museum fehlt, denn, über diesen Bereich geht es nicht hinaus. Der Raum wird während der Interimszeit von Künstlern bespielt. Beleuchtet ist er ebenfalls mit X-förmig angeordneten Neonröhren, die im Wechselspiel mit dem schiefwinkligen und geneigten Mobiliar eine fast surreale Atmosphäre entstehen lassen.
So scheinbar einfach der Eingriff sich darstellt, so komplex ist seine Botschaft: Das Museum X ist Platzhalter der doppelten Abwesenheit von Museum und Theater sowie Mahner des drohenden Verlustes. Es ist eine Inszenierung, deren Kraft und Vieldeutigkeit man sich nicht entziehen kann. Und alles andere als »provinziell«. •