Mythos der Moderne

Geschichte und Mythos der Moderne

Bei Architekten ist Tel Aviv untrennbar mit der Bauhaus-Moderne verbunden. Die Weiße Stadt gilt als bauliches Zeugnis der Aufbruchstimmung, die in den 30er und 40er Jahren in der damals noch jungen Stadt herrschte. Der Mythos lebt bis heute, aber die Bausubstanz hat gelitten. Etliche der ca. 4 000 Gebäude wurden bereits vor Abriss und Verfall bewahrt, aber der Druck durch den Immobilienmarkt in der boomenden Metropole am Mittelmeer ist immens.

~Bernhard Schulz

Tel Aviv ist, um das mindeste zu sagen, eine pulsierende Metropole. Wohl alle Lobeshymnen, die in der Tourismusbranche gesungen werden, treffen dem Augenschein nach zu: Die Stadt ist weltoffen, geschäftig, sie ist jung und ausgehfreudig, sie hat dank des herrlichen Sandstrands am warmen Mittelmeer einen enormen Freizeitwert.

Aus architektonischer und v. a. denkmalpflegerischer Perspektive ist allerdings genau das ihr Problem: Tel Aviv ist attraktiv. Die Stadt hat Geschichte, doch im Vergleich zum nur 60 km entfernten und so grundverschiedenen Jerusalem dann doch wieder fast keine… So verhält sie sich auch oder hat sich jedenfalls viele Jahre lang so verhalten.

Denn das, was die Stadt als historisches Erbe aufweist, ist jung. Von Jaffa abgesehen, der eingemeindeten, alten arabischen Stadt im Süden – von ihr wird noch zu sprechen sein –, beginnt Tel Avivs Geschichte so recht erst in den frühen 30er Jahren des nun schon vergangenen Jahrhunderts. Und aus dieser Zeit, den 30er und 40er Jahren, stammt ihr bedeutendstes und auch quantitativ bei Weitem größtes Erbe, die »Weiße Stadt«. Die Weiße Stadt, das sind die insgesamt etwa 4 000 Bauten, die im Zuge der Yishuv, der jüdischen Besiedelung von Palästina von den Neuankömmlingen in Auftrag gegeben und von fortschrittlich gesonnenen Architekten entworfen und gebaut wurden; später sprach man von Bauhaus-Architektur oder auch »bauhaus vernacular«, also einer ins ortstypische verallgemeinerten und zweifellos auch verwässerten Bauhaus-Moderne. Beide Seiten, Bauherren und Architekten, stammten vorwiegend aus Mittel- und Osteuropas und hatten in Deutschland studiert; sie bildeten den Kern des künftigen Staats Israel. Die neue Stadt Tel Aviv, gegründet erst 1909, wurde zum Symbol des neuen Staats, der als Ganzes einen Neuanfang, eine Zäsur nach 3 000 oder mehr Jahren jüdischer Geschichte darstellt.

Das sind keine bloßen Floskeln. Nichts in Israel ist einfach so, alles hat im weitesten Sinne politische Bedeutung. Die Bauten der Weißen Stadt sind das sichtbarste Zeichen des Neubeginns, und dies bereits vor der Katastrophe der Shoah, die wiederum den unmittelbaren Anschub zur Gründung des Staates gab. Seit 2003 zählt die Weiße Stadt, eingegrenzt auf zwei größere Areale, zum Unesco-Weltkulturerbe. Darüber hinaus sind rund 1 600 Bauten auf städtischer Seite denkmalgeschützt. Und doch markiert die Aufnahme in die Welterbeliste die dringend nötige Abkehr von jahrelanger Vernachlässigung, von Abriss und Bauspekulation, der zahlreiche der an begehrten Lagen angesiedelten Bauten zum Opfer gefallen waren. Nicht, dass Spekulation und Abriss zum Erliegen gekommen wären; der Renditedruck auf die nunmehr alten Moderne-Bauten ist unverändert hoch und führt vielfach zu Kompromissen, die aus denkmalpflegerischer Sicht bedenklich zu nennen sind.

Auf der anderen Seite hat der Unesco-Titel zu bemerkenswerten Erhaltungskampagnen geführt, sind – nicht zuletzt mit deutscher Hilfe aus dem Bundesbauministerium, aber auch aus Berlin, wo sechs Siedlungen der Moderne Unesco-Würde tragen – v. a. die bis dahin fehlenden Bauuntersuchungen begonnen worden, die vor der Einleitung substanzerhaltender Maßnahmen stehen. Der ununterbrochene und rege Gebrauch der zumeist drei- bis vierstöckigen, oftmals kubischen und einzeln, doch in engem Abstand stehenden Häuser hat zu Veränderungen und Überformungen geführt, die bisweilen das ursprüngliche Aussehen der Gebäude bis zur Unkenntlichkeit verändert haben – der erste Schritt zur völligen Vernachlässigung und dem irgendwann unausweichlichen Abriss.

Das ist inzwischen nicht mehr das größte Problem; die Attraktivität der Stadt, die boomenden Zukunftsbranchen wie IT und die Kaufkraft jüngerer professionals haben den Druck auf die Innenstadtbereiche enorm erhöht: Tel Aviv ist richtig teuer. So lohnen sich Sanierungsvorhaben wie jüngst beim Haus Aharonowitsch von Yitzhak Rapoport aus dem Jahr 1933, das mit seiner wellenförmig geschwungenen Fassade eine Straßenecke am repräsentativen, von mehreren Baumreihen beschatteten Rothschild-Boulevard markiert. Es ist eines der typischen Gebäude der Weißen Stadt. Ihre wiederkehrenden Elemente sind glatte, ornamentlose Fassaden – die sie vom vorangehenden, eklektischen Orientalismus der frühesten jüdischen Einwanderung absetzen –, zumeist liegende und im Verhältnis zur Fassadenfläche schmale Fenster, wahlweise über Eck geführte oder in die Fassade eingezogene Balkone, teils mit steinernen, teils metallenen Brüstungen, belichtete Treppenhäuser, kenntlich oft an durchgehender »Thermometer«-Befensterung sowie – meist ein Opfer von Um- und Zubauten – Dachterrassen und -aufbauten. Im Laufe der Zeit fand der Typus des auf pilotis stehenden Hauses starke Verbreitung, der Durchlüftung unter der Gebäudemasse und damit der Kühlung halber. Aber weiß mussten die Gebäude sein! Weiß verputzt und damit dem Idealbild jener »Ozeandampfer«-Moderne entsprechend, wie sie in Ferienvillen der Cote d’Azur zu finden ist. Weißer Putz bildet aber auch das Gegenstück zu dem, noch zur britischen Mandatszeit verordneten gelblichen Naturstein Jerusalems.

Ein weiteres typisches Mehrparteienwohnhaus ist das Haus Bruno von Ze’ev Haller, einem der produktivsten Architekten der Moderne. Auch hier bilden die herumgezogenen, im hinteren Gebäudeteil wellenförmig versetzten Balkone mit ihren hohen Brüstungen und zum Schutz gegen die Sonne heruntergezogenen Seitenwänden des darüber liegenden Stockwerks das markante Merkmal. Haus Bruno ist ein Beispiel für den Kompromiss der städtischen Politik, die den Aufsatz von ein bis zwei weiteren Geschossen auf ältere Bauten erlaubt, wenn gleichzeitig die Sanierung des Bestandsbaus vorgenommen wird. So hat Haus Bruno jetzt eine leicht zurückgesetzte, voll verglaste Etage und dazu einen penthouse-artigen weiteren Teilaufbau bekommen. Die Verglasung verrät die Neuzeit: die älteren Bauten kannten keine Klimaanlagen und waren auf Minimierung der Fensterflächen ausgerichtet.

Den Mischtyp von Wohnbau mit Geschäftsnutzung im EG repräsentiert das Haus Leon Recanati an einer belebten, heute nach Menachem Begin benannten Straße. Salomon Liaskowsky und Jakov Ornstein sind die Architekten des 1935 fertiggestellten Gebäudes. Dessen zickzackförmige Fassade wird durch im Viertelkreis gerundete Balkone mit charakteristischen Sonnenschutzdächern gegliedert, die bei der südlich hochstehenden Sonne ein lebhaftes Schattenspiel hervorrufen.

Wie warm, ja heiß es im Gebäudeinnern werden kann, sobald man Fenster oder Balkontüren öffnet, kann der Besucher im »Cinema Hotel« ausprobieren. Das Hotel ist im ehemaligen Kino Esther eingerichtet, einem der gerundeten Begrenzungsbauten des Zina-Dizengoff-Platzes – früher so etwas wie das städtebauliche Zentrum von Tel Aviv. Das Kino – ein weiteres steht schräg gegenüber am Platz – wurde 1939 nach Plänen von Yehuda und Raphael Magidowitsch errichtet.

Der Kinosaal ist verschwunden, das Foyer und das anschließende, großzügige Treppenhaus blieben ebenso erhalten wie die platzseitige Front mit ihren nunmehr als Hotelzimmer dienenden Räumen. Erhalten sind auch die stählernen Fensterrahmen mit selbstverständlich einfacher Verglasung. Davor verlaufen – in fast allen Bauten des Platzes – durchgehende Balkone mit einem charakteristischen, ebenfalls durchgezogenen Lüftungsschlitz in Fußhöhe. Der Dizengoff-Platz, als Schmuckplatz mit zentraler Brunnenfontäne angelegt und später dem Autoverkehr zuliebe verunstaltet, wird gerade rückgebaut. Yehuda Magidowitsch übrigens, und auch das ist charakteristisch, stammt aus der Ukraine, hat in Odessa studiert und verließ das Land 1919 nach der bolschewistischen Machtergreifung auf einem Emigrantenschiff voller jüdischer Intellektueller. Sein Kino-Bau bildet das Ende einer langen Reihe von Häusern in Tel Aviv seit 1920, in denen er erst im Laufe der Jahre zum »Internationalen Stil« fand.

Nördlich schließt sich ein Kerngebiet der Weißen Stadt an; Wohnhaus steht neben Wohnhaus. Der üppige Pflanzenwuchs, der viele Häuser fast ganz den Blicken entzieht, und die Nähe zum Meer machen diese Gegend zu einer der gefragtesten und dementsprechend teuersten der Stadt. Dabei befinden sich gerade hier zwei Wohnanlagen, die für »einfache«, einkommensschwächere Mieter gedacht waren. Eine stammt von Arieh Sharon, der nun ein waschechter Bauhaus-Schüler war: Er, bereits berufstätig, studierte bei Gropius und Hannes Meyer am Dessauer Bauhaus. Von dort hat er den Impuls des sozialen Bauens nach Palästina getragen. Seine Wohnanlage Me’onot Hod, die mit ihrem geschlossenen Grundriss an Wohnhöfe des »Roten Wien«, im Aussehen an Berliner Sozialsiedlungen erinnert, fügt sich in die von Stadtplaner Patrick Geddes gezogenen Straßen und Baufluchtlinien ein und bildet ein längliches Rechteck. Die Kargheit der balkonlosen Außenfassaden lässt an die Berliner Mietshäuser Mies an der Rohes an der Afrikanischen Straße denken. Sharon (1900-1984) stammt aus Jaroslaw, damals zum Russischen Reich gehörig, und ging als junger Mann nach Eretz-Israel, um in einem Kibbutz zu arbeiten. 1926 kam er ans Bauhaus, ab 1929 arbeitete er in Meyers Berliner Büro, bis er 1932 nach Palästina zurückging, wo er v. a. mit öffentlichen Bauten, wie Krankenhäusern oder Kinos und eben einigen wenigen Großwohnanlagen hervortrat.

In jüngerer Zeit hat das strahlende Bild der Weißen Stadt Flecken bekommen. Die Bauhistorikerin Ines Sonder spricht in einem viel beachteten Aufsatz zur »Bauhaus-Architektur in Israel« von einem »Mythos«. Arieh Sharon, der später als erster Planungsdirektor Israels enormen Einfluss ausübte, war einer von lediglich neun Bauhaus-Schülern, die nach Palästina gingen – verglichen mit 470 jüdischen Architekten, die bereits zuvor in Palästina tätig waren und auch für das verantwortlich zeichneten, was Sharon nach seiner Rückkehr 1932 entsetzt als den »armseligen Stil Osteuropas« bezeichnete. Das Bauhaus war lediglich eine der Quellen der modernen Architektur in Palästina; eine andere verweist auf Le Corbusier, ersichtlich am weiten Gebrauch der Rundstützen, auf denen die Gebäudemasse ruht.

Die Kennzeichnung von Tel Aviv als »weiß« ist älter als die dortige Architektur der Moderne, hat sich aber im Laufe der Zeit ganz auf ebendiese Moderne gelegt. Darüber geriet die tatsächliche Stadtgeschichte, die das uralte Jaffa als arabisch-palästinensische Stadt einbeziehen muss, ins Abseits. Tel Aviv war ursprünglich als »Gartenstadt« konzipiert für Zuwanderer, die selbstverständlich in Jaffa arbeiten sollten. Das verschob sich mit dem Umfang der Immigration. Was heute als Weiße Stadt zum Welterbe zählt, ist nicht mehr das Original, sondern die Überformung einer Siedlung, die einst tatsächlich »mitten im Sand und den Dünen« – wie es die Legende will – am Ufer des Mittelmeers errichtet worden ist, die aber in den Jahrzehnten seither zu einer hochhausdurchsetzten Metropole herangewachsen ist.

Der Autor ist Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegel Berlin.