Corona oder Spanische Grippe?

Gläserne Trennwände heute und vor 100 Jahren

Erinnern wir uns: Die gläsernen Trennwände, die uns seit Ausbruch der Corona-Pandemie wieder überall begegnen, waren früher allgegenwärtig! Erst zu Anfang dieses Jahrtausends verschwanden sie aus der Post: Trennwände galten als unpersönlich, ein unmittelbarer Kundenkontakt war gewünscht. Nun aber haben sie eine in der Geschwindigkeit rekordverdächtige Renaissance erlebt. Die heutigen Exemplare sind allerdings ausgesprochen unattraktiv, denen man sofort ansieht, dass Pragmatik die gestaltende Hand war und keine ästhetisch geschulte. Letztere ist aber zweifellos gefordert und wird mit Sicherheit, wie unlängst in der Haute Couture mit den Schutzmasken, bald das Heft übernehmen.

Waren die gläsernen Schalterabtrennungen, die in den 20er Jahren aufkamen, eine Reaktion auf die damals grassierende Spanische Grippe? Diese Theorie zerschlägt sich leider bei der ersten Anfrage an das Deutsche Postmuseum: Ganz im Gegenteil, sie stellten die erste Stufe eines Rückbaus dar! Im 19. Jahrhundert waren Kunde und Verkäufer ausschließlich über eine kleine Ausgabeöffnung in Kontakt und befanden sich in vollkommen separaten, hermetisch von einander getrennten Raumeinheiten. Wollte man Blickkontakt aufnehmen, musste man sich tief zum Ausgabeschalter hinunterbeugen. Gut erinnerlich ist diese Bewegung aus zahllosen Fahrkartenkaufszenen der Schwarzweiß-Film-Ära. Der Ursprung dieser separierenden Architektur liegt in den jenseits verwahrten Werten, denn das Bargeld galt es vor räuberischem Zugriff zu schützen.

Dennoch ist die Annahme, Glastrennwände bedienten ein gesteigertes, grippebedingtes Hygienebedürfnis, nicht weit hergeholt. Zwar harrten vor gut 100 Jahren die Viren noch einige Jahre ihrer wissenschaftlichen Entdeckung, dennoch empfahlen die Gesundheitsbehörden schon damals eine gesteigerte Reinlichkeit. So war seinerzeit im von der Spanischen Grippe besonders schwer getroffenem Seattle das Tragen von Mundschutz – insbesondere in der Straßenbahn – obligat. Im Wikipedia-Eintrag dazu findet sich beispielsweise das Foto eines Mannes, dem der Tramzutritt verwehrt wird – eben weil er keine Maske trägt. Geschichte wiederholt sich: Im April wurde der Autor wegen des Nichttragens von Mundschutz eines Ladenlokals verwiesen.

~Robert Mehl