Bliebe doch alles, wie es ist

Mittlerweile ist der Wutbürger zu einer festen Figur der politischen Folklore geworden. Es gab ihn schon

~Bernhard Schulz

länger, nur hat man ihn früher nicht so genannt. Protestler, Hausbesetzer, Startbahngegner, das waren einige der gängigen Termini. Doch der Wutbürger meint etwas anderes. In Stuttgart hat er es zu massenhafter Erscheinung gebracht: der wohlsituierte Bürger jenseits der Adoleszenz, der an den Angelegenheiten der Stadt Anteil nimmt, ein veritables zoon politikon, das sich nicht technokratisch mundtot machen lässt.
Dass es in Berlin kein Bürgertum mehr gibt, hat nicht erst, aber besonders eindringlich Wolf Jobst Siedler beklagt, und man muss ihm auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung der Stadt und ihres enormen Bevölkerungswandels Recht geben. In Berlin gibt es keine Wutbürger, sondern Wüteriche, die alles und jedes bekämpfen, was ihre gewohnten Lebensumstände zu gefährden droht. Eine Baulücke soll geschlossen werden? Aber nein, da stehen drei Bäumchen drauf! In Wahrheit geht es darum, dass man sich nicht die Aussicht verbauen lassen will, wie es ein geschlossenes Straßenbild nun einmal mit sich bringt. Und bei passender Gelegenheit wird dann wieder Wohnungsbau gefordert und die Untätigkeit der Politik gegeißelt.
Nun ist Berlin gewiss eine der weniger gut verwalteten deutschen Kommunen, um das Mindeste zu sagen. Jeder große Wurf wird zu Kleinklein zerredet, an dem tausendundein Partikularinteressen ihren Anteil haben. Jüngstes Streitobjekt ist das Tempelhofer Feld, die 300 ha, die die Schließung des Flughafens Tempelhof der Stadt hinterlassen hat. Fertig mit Rollbahnen und kärglichem Rasen. Denn ein Flughafen ist nun mal kein romantisches Eisenbahngelände, wie es in den vergangenen Monaten und Jahren mit dem Grünzug rings um den U-Bahnhof Gleisdreieck Gestalt angenommen hat und ungeteilten Zuspruch findet.
Ende Mai fand eine Volksentscheid statt, deren Ergebnis bei der Abfassung dieses Beitrags naturgemäß noch nicht abzusehen war. Man darf aber prophezeien, dass der Volksentscheid über einen Mobilisierungserfolg nicht hinausgedrungen ist. Immerhin müsste ein Viertel der stimmberechtigten 2,4 Mio. ihre Kreuzchen an der richtigen Stelle machen, und schon das ist eine Wissenschaft für sich. Die Kehrseite der Partikularinteressen, die an jeder Straßenecke mit großer Verbissenheit verfolgt werden, ist ihre mangelnde Mehrheitsfähigkeit. Nicht einmal der Lärm des ewig notreparierten Flughafens Tegel – der übrigens gerade 40 Jahre besteht, davon die Hälfte als Schließungskandidat – bewegt eine deutliche Bevölkerungsmehrheit, wie die Beliebtheitsumfragen zum hauptstädtischen Flugverkehr Mal um Mal belegen.
Was will der Berliner Senat? Eine Randbebauung des Geländes, die man je nach politischer Orientierung moderat oder überdimensioniert nennen mag. Wohnbebauung im Norden und Osten, Gewerbe im Süden – gegen die dicht vorbeiziehende Stadtautobahn, und als Zuckerl für den Regierenden Bürgermeister der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), der in der südwestlichen Ecke des Geländes errichtet werden soll. Die Aufregung um die exorbitanten Kosten der ZLB hat sich ein wenig gelegt, während es jetzt ums große Ganze geht: die totale Freihaltung des Tempelhofer Felds. Der Senat spricht von lediglich 70 ha Baufläche, aber kaum jemand will daran glauben, wenn erst einmal die Kräne stehen. Die Erfahrungen mit öffentlichen Bauvorhaben sind nicht nur in Berlin, dort aber besonders deprimierend.
Da sprudeln nun die Ideen. Die Grünen fordern mehr Obstbäume in Berlin. »Fantastisch, wunderbar so stellen wir uns das vor«, jubelte die Initiative 100 % Tempelhofer Feld. Gemeinschaftsgärten gibt es bereits auf einem kleinen Abschnitt, und die Großstädter, die vermutlich kaum einen Obstbaum vom anderen unterscheiden können, finden unter dem Begriff »Urban Gardening« eine Seligkeit, die jedem Kleingartenvereinsmitglied wohl zu Gesicht stünde. Der im Landessportbund organisierte Vereinssport hingegen pocht auf »überdachte Sportanlagen«. Im Klartext können das nur Hallen sein; etwas, mit dem Radler, Skater und Jogger naturgemäß nichts anzufangen wissen. Eine Wasserfläche am Rande des Areals für Kite-Surfer wurde schon einmal ad acta gelegt, das war nicht mehr als eine Sternschnuppe am Himmel der Berliner Politik. Nur die Jungs, die Drachen steigen lassen und verdächtig oft in den idyllischen Bildern von der selbstverwalteten Freifläche – »Größer als der Tiergarten!« – auftauchen, die brauchen keine Investitionen. Denn die heutige Freizeitgestaltung ist längst bis an ihre unscheinbarsten Ränder durchkommerzialisiert.
Jede Bebauung hat mit dem Problem der Erschließung zu kämpfen. In der Tat lassen die Senatspläne mit zwei ringförmigen Straßen nichts allzu Gutes ahnen. Andererseits: 1 700 Wohnungen – im Endausbau gegen 2020 sogar 4 700 – benötigen Zugang, die Gewerbebauten sowieso, und auch die ZLB kommt nicht ohne Autoverkehr aus, und sei es nur für den Büchertransport. Immerhin hat der Senat zugesichert, kein Baufeld an private Investoren abzugeben. Landeseigene Gesellschaften sollen den Zuschlag bekommen – Sozialer Wohnungsbau durch die Hintertür. Die angestrebten »Partner stehen für Miete und nicht für Eigentum«, wie Stadtentwicklungssenator Michael Müller verzweifelt betont. Was die Bürgerinitiative naturgemäß nicht glaubt. Sie sieht das Gelände künftig mit ebenso schmucken wie teuren Stadtvillen zugestellt.
»Ist in Berlin perspektivisch noch Bebauung und Entwicklung möglich?«, hat Raed Saleh, der machtbewusste SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, das politische Problem auf den Punkt gebracht. Es ist dutzende Male beschrieben worden, so lange, wie es Bürgerbeteiligungen und andere Formen der direkten Demokratie gibt. Die Verteidigung eines von Brachen und Freiflächen durchzogenen Berlin – wie Detroit, nur nicht so mörderisch – zählt zu den Projektionen, die die Stadt auf sich gezogen hat, als Pendant ihres Mangels an handfester Ökonomie. Die Berliner Politik, die mehr und mehr nach den Pfeifen wechselnder Aktionsbündnisse tanzt, wird mit dem Tempelhofer Feld auf die Probe gestellt. An ihr wird zu erkennen sein, ob sich die Stadt noch als politisches Gemeinwesen begreift oder nur mehr als Ansammlung disparater Gruppierungen, die Kiez für Kiez das Recht des Stärkeren in Anspruch nehmen.
Der Autor ist Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegel, Berlin.