Berliner Traditionen

Anfang Januar sind die Baufirmen angerückt, um mit dem Abriss des Palastes der Republik zu beginnen. Gut ein Jahr soll es dauern, dann ist das Gelände frei geräumt zu einer Carte Blanche wie 1950, als Ulbricht das Stadtschloss sprengen ließ. Damals war man mit den Planungen und Beschlüssen schon viel weiter als heute, doch es dauerte über zwanzig Jahre, bis die Neubebauung begann. Und zwischendurch prägte ein zugiger, öder Platz Berlins Mitte. Frühestens 2012 wird man jetzt mit einem Neubauprojekt beginnen können, fünf Jahre Brache sind also bereits garantiert.

Der Palast der Republik war keine be- sonders gelungene Architektur und mit der Asbestsanierung äußerlich ziemlich heruntergekommen. Dem Inneren hatte der Rückbau recht gut getan: großartige Räume von gigantischer Tiefe und eine imposante Stahlkonstruktion, deren Faszination sich niemand entziehen konnte. Aber vor allem ist es ein historischer Ort, der in der öffentlichen Debatte seit Jahren präsent ist wie kein zweiter, und in seiner Sperrigkeit auch ein typischer Berliner Ort. So ist für einen Architekturkritiker der New York Times der Abriss »eine Schande und ein überdeutlicher Beweis dafür, wie groß der Minderwertigkeitskomplex der Stadt ist. (…). Ständig guckt die Stadt über ihre Schulter nach Rom, London oder New York, anstatt ihre erstaunliche Einzigartigkeit zu feiern.«
Nicht nur im Ausland stößt das hiesige Vorgehen auf Kopfschütteln. Auch 60 Prozent der Berliner sprachen sich bei einer Umfrage Anfang letzten Jahres dafür aus, den Palast solange stehen zu lassen, bis mit einer Neubebauung des Schlossareals begonnen werden kann. Und selbst die Expertenkommission, die vor vier Jahren mit ihrer Empfehlung den Stein ins Rollen brachte (obgleich sie durchaus empfahl zu prüfen, in wie weit Teile des Palastes in den Schlossneubau integriert werden könnten), votierte Ende letzten Jahres mehrheitlich und mit deutlichen Worten gegen den jetzigen Abriss. Doch die Abgeordneten des Bundestags erwiesen sich als beratungsresistent. Mit großer Mehrheit stimmten sie Mitte Januar abermals für den Abriss und ließen sich auch nicht davon irritieren, dass die Abweichler Eichel, Zypries, Däubler-Gmelin und Hendricks keine verqueren Hinterbänkler waren. Welche zwingenden Gründe verleiteten die Politiker zu ihrem Votum? Einen Hinweis gibt ein Ausspruch von Angela Merkel kurz vor der letzten Bundestagswahl. Sie begrüßte den Abriss des Palastes, »denn erst wenn er abgerissen wird, wird sich die Sehnsucht nach dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses voll entfalten.« Mit anderen Worten: Erst mit dem Abriss wird die städtebauliche Situation so unerträglich, dass endlich ein Handlungszwang entsteht. Denn der Beschluss für die Rekonstruktion der Schlossfassade von 2002 hatte keine wirkliche Begeisterung in der Gesellschaft ausgelösst, die eine solche Investition rechtfertigen könnte. Bezeichnenderweise wurde der Abriss auch nicht schon 2002 beschlossen, sondern erst 2003 just in dem Moment, wo man sich eingestehen musste, dass man eine Neubebauung sich vorläufig nicht leisten kann. Während die Expertenkommission noch vorzurechnen versuchte, dass sich der Neubau größtenteils aus privatem Geld finanzieren ließe, und die Investitionen der öffentlichen Hand durch anderweitige Ersparnisse letztendlich ein Nullsummenspiel sei, war das Kartenhaus nach Prüfung durch das Finanzministerium in sich zusammen gefallen. Inzwischen hat man die öffentliche Nutzung halbiert und geht von Baukosten von 700 Millionen Euro aus. Das ist nicht nur ein Vielfaches der Kosten für irgendein Großbauvorhaben in Berlin der letzten Jahr und Jahrzehnte, für die öffentliche Hand entstünden Kosten von deutlich mehr als einer Milliarde und mithin mehr, als der Bund für den gesamten Stadtumbau Ost zu geben bereit ist. Doch kein Aufwand scheint zu hoch, damit Berlin endlich eine anständige europäische Hauptstadt wird, mit einem Schloss in der Mitte, so wie in Paris, London oder Warschau.
Die Berliner Abrisswut als Versuch, eine ungeliebte Vergangenheit abzuschütteln, und das Bild einer neuen Identität zu schaffen. Sie entstand mit dem Wilhelminismus und dem Palast benachbarten Monstrum des Berliner Doms, für den eine Schinkelkirche platt gemacht werden musste. Philipp Oswalt
Der Autor ist Architekt und Publizist in Berlin