Das Präsentationsjahr der Regionale 2016 im westlichen Münsterland

Leise Grösse

Alle zwei bis drei Jahre findet in Nordrhein-Westfalen eine sogenannte Regionale statt. Unter einem gemeinsamen Motto werden in Städten und Gemeinden Projekte gefördert, die beispielhaft Zukunftsfragen der Region beantworten. Dabei geht es auch darum, einen »Mehrwert« zu schaffen – sei er ideell oder ganz konkret. Acht Jahre läuft eine Regionale maximal, gegen Ende stellen sich die Projekte während eines Präsentationsjahrs vor – im westlichen Münsterland, dem »ZukunftsLAND«, noch bis Sommer 2017. Zur Nachahmung empfohlen!

~Dagmar Ruhnau

Leise Grösse
Die Regionalen sind eine nordrhein-westfälische Besonderheit. Ganz knapp gesagt, handelt es sich bei ihnen um ein Strukturprogramm, das in der Nachfolge der IBA Emscher Park steht und von verschiedenen Landesministerien getragen wird. Ein eigenes Budget gibt es nicht, es geht darum, vorhandene Fördermittel des Landes, des Bundes und der EU so einzusetzen, dass ausgesuchte Projekte den entscheidenden Impuls bekommen, Wirklichkeit zu werden. Initiativen, die sich bewerben wollen, müssen einen Qualifizierungsprozess durchlaufen, den eine für die Laufzeit der jeweiligen Regionale gegründete Agentur betreut. Dabei stehen u. a. die Innovationskraft und Übertragbarkeit der Projekte im Vordergrund. Seit 2010 die Regionale Westmünsterland startete, wurden Hunderte von Bewerbungsgesprächen absolviert, qualifiziert haben sich bislang 43 Projekte in 35 Gemeinden. Nächster Bewerbungstermin ist der 12. Dezember.
Die Größe der Projekte ist ganz unterschiedlich, sie reicht von kleinen Interventionen – nicht alle sichtbar – bis zum Umbau eines ganzen Stadtareals. So erhielt die Stadt Vreden (Abb. 4) Ende September 967 000 Euro für die Umgestaltung und Erneuerung der Innenstadt plus 48 000 Euro für die interkommunale Zusammenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit mit benachbarten Kommunen. Beide Beträge stammen aus der Städtebauförderung, laut Agentur-Geschäftsführerin Uta Schneider das zentrale Instrument der Regionale. Nicht vergessen sollte man dabei den Hauptsponsor, die Sparkasse Westmünsterland. Als Gesellschafterin der Regionale trägt sie 20 % der Kosten.
Die Regionale »ZukunftsLAND«
Zu Beginn stand die Feststellung: Die Region hat sich verändert und wird sich weiter verändern. Wer früher auf seinem Hof gearbeitet hätte, fährt heute mit dem Auto zur Arbeit und die Kinder zu ihren Freizeitbeschäftigungen. Während vor hundert Jahren die landwirtschaftlichen Produkte ins nahe Ruhrgebiet geliefert wurden, kommen heute die Menschen von dort zur Erholung ins Münsterland. Die Flüchtlingswelle der Nachkriegszeit mündete in viele Einfamilienhausgebiete, der Strukturwandel in der traditionellen Textilindustrie hat neue, hochspezialisierte Unternehmen hervorgebracht. Kurz: Dem Münsterland geht es gut, und so soll es auch bleiben. Einen Grund dafür sehen die Beteiligten in ihrer Mentalität: bodenständig, verlässlich, beharrlich.
Ein Beispiel dafür ist »Unser Leohaus« (Abb. 3) in der 12 000-Einwohner-Stadt Olfen. 1929 als katholisches Gemeindezentrum erbaut, gehört es zum kollektiven Gedächtnis der Einheimischen: Hier haben sich Ehepaare bei der Tanzstunde kennengelernt, hier war der Standort zahlreicher Vereine, eine Zeitlang gab es sogar öffentliche Baderäume. Vor zehn Jahren gab die Kirche den Standort auf, doch es war für die Olfener unvorstellbar, ohne diesen zentralen Treffpunkt zu sein. Um das Haus zu kaufen, gründeten Bürger, Vereine und die Stadt Olfen die Bürgerstiftung »Unser Leohaus« und sammelten Spenden in Form von Geld, Maschinen und über 6 400 Stunden Arbeit für den Umbau samt energetischer Sanierung (Planung nach Wettbewerbsgewinn 2012: dreibund architekten, Bochum). Heute beherbergt das Haus Vereine und soziale Gruppen als Dauermieter, Räume mit Küchen für große und kleinere Feiern, Jugendräume und – ganz wichtig auf dem Land und für die älter werdende Bevölkerung – die Mobilitätszentrale für den Bürgerbus.
Der demografische Wandel stand auch im Mittelpunkt der Überlegungen für den Umbau der Gemeinde Legden (sprich: Lechden, Abb. 1), diesmal initiiert von der Gemeinde selbst. Der Ortskern soll barrierefrei werden, gegenwärtig wird das Vorhaben mit dem Umbau der Hauptstraße komplettiert. Hier liegen die zentralen Einrichtungen wie Rathaus, Ärztehaus, Apotheke sowie ein paar Geschäfte und Lokale. Gleichzeitig gibt es gebündelte Angebote zu Gesundheits- und Altersthemen. Ein wichtiger Baustein ist auch der »Dahliengarten«. Der völlig verwilderte Pfarrgarten war eine (auch gedankliche) Leerstelle mitten im Dorf. Trotz der Skepsis mancher gegenüber einem innerörtlichen Park mitten auf dem Land wurde in Workshops eine vielfältige Nutzung entwickelt, die v. a. auf die Bedürfnisse Demenzkranker, aber auch Kinder und »ganz normaler« Bürger eingeht. Sie reicht von Bewegungsangeboten (gewundene Wege, Balancierstämme) über eine Büchertauschbox und Beeten mit 120 Dahliensorten bis zur freien WLAN-Nutzung. Nicht nur Gehandicapte fühlen sich hier geschützt und wohl: In der letzten Zeit ›
› sind so viele junge Familien hergezogen, dass ein zweiter Kindergarten gebaut werden muss – damit ist das Kalkül des »ZukunftsDORF«s im Sinne des Universal Design voll aufgegangen.
Neues Leben für die Innenstädte
Jede ländliche Gemeinde hat heute ihr Gewerbegebiet. In früheren Zeiten siedelte sich die Industrie, insbesondere die florierende Textilindustrie, in den Städten an – wo ihre baulichen Hinterlassenschaften nun Probleme bereiten. In Bocholt etwa, heute mit ca. 70 000 Einwohnern, stehen zahlreiche große und kleine Werkshallen in Ziegelarchitektur, aus deren Dächern heute teils schon Bäume wachsen. Mit dem »kubaai« (Kulturquartier Bocholter Aa und Industriestraße) werden 25 ha (!) Innenstadtfläche, die fast 130 Jahre lang nicht öffentlich zugänglich waren, wieder Teil der Stadt. Beidseitig des Flusses Bocholter Aa sollen Flächen für Wohnen, Arbeiten und Bildung entstehen – 30 000 Arbeitsplätze bietet die Stadt schon, auch als Einkaufsort übt sie große Anziehungskraft, bis in die nahen Niederlande, aus. Die Abrissarbeiten auf der Fläche für die 350-400 geplanten Wohnungen haben im April begonnen. Bereits realisiert ist das TextilWerk nebenan, das aus einer ehemaligen Spinnerei (Abb. 2) und einer Weberei besteht (Planung: Atelier Brückner, Stuttgart). Die Spinnerei wurde weitgehend in dem Zustand belassen, in dem sie bei ihrer Schließung war, und zeigt neben teilweise noch funktionstüchtigen Spinnereimaschinen auch Ausstellungen moderner Kunst. Zwischen beiden Museen soll man über eine Brücke flanieren können, die über den noch zu befreienden Fluss mitsamt neuer Aue führen wird.
Am Fluss
Das Regionale-Gebiet ist von Flüssen durchzogen – von der Bocholter Aa im Südwesten bis zum Dortmund-Ems-Kanal im Nordosten. Die Anrainergemeinden haben immer öfter mit Hochwasser zu kämpfen und sind außerdem verpflichtet, die Wasserrahmenrichtlinie der EU umzusetzen, die einen guten ökologischen und chemischen Zustand aller europäischen Gewässer fordert. Im Projekt »Gesamtperspektive FlussLandschaften« wurden mit den betroffenen Kommunen übergreifende Strategien entwickelt. Dabei entstanden vier Flussraumtypen als Vorstellung für die Weiterentwicklung hinsichtlich Naturschutz, Hochwasservorsorge und Landschaftsbild bzw. Flusserlebnis – von »Wilder Fluss/Bach« bis »Artifizieller Fluss/Bach«. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Coesfeld, die gemeinsam mit Stadtlohn, Gescher und Vreden an der Berkel liegt. Das Flüsschen wurde nach einer verheerenden Überschwemmung 1946 erbarmungslos kanalisiert, in großen Teilen auch überdeckelt, geradezu aus dem kollektiven Bewusstsein verbannt. Beim jetzt notwendigen Umbau wurden die verschiedenen Wasserläufe im Stadtgebiet den unterschiedlichen Zwecken gewidmet – als »NaturBERKEL« und »Urbane BERKEL«. Sichtbar ist die Veränderung zurzeit v. a. an der Freilegung des Wasserlaufs im Schlosspark, der anschließend attraktiv umgebaut werden soll.
Bevor die Berkel 35 km weiter flussabwärts die Grenze zu den Niederlanden passiert, fließt sie durch Vreden (Abb. 4). Die Stadt mit dem mittelalterlichen Grundriss war im Verlauf ihrer Geschichte kirchliches und industrielles Zentrum und besaß sogar einen Hafen. Nun soll sie »zentraler Kulturort« des Kreises Borken werden, und so entsteht zwischen Fluss und Stadtzentrum bis zum Frühjahr das »KULT«, das Kulturhistorische Zentrum (Planung: Pool Leber Architekten, München). Es vereinigt zwei ältere Bauten, in denen bislang u. a. das Heimatmuseum untergebracht war, und ergänzt sie um einen großen Anbau. Nach der Neuordnung wird in dem Gebäude die Vredener Kulturgeschichte allumfassend dargestellt und vermittelt werden können. Neu und Alt sind durch separate Giebel und leichte Versprünge voneinander unterscheidbar, gestalterisch zusammengebunden werden sie durch die Aufnahme des für die Gegend typischen bräunlichen Klinkers. Städtebaulich bildet der Bau zusammen mit zwei Kirchen und der Bibliothek einen Schwerpunkt der neuen Kulturachse, die vom Stadtkern über die Berkel bis zur Rundsporthalle (in der auch Konzerte stattfinden) am Stadtausgang führt.
Nicht nur diese Projekte sind eine Reise ins westliche Münsterland wert. Die Protagonisten sind sehr stolz auf ihre Errungenschaften und – anders als die gängige Vorstellung – sehr zugänglich. Es muss auch nicht heute oder morgen sein, viele Projekte werden erst über die nächsten Jahre fertig.