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Unseriös und scheinheilig

Diskurs
Unseriös und scheinheilig

Wenn sich jemand, der für eine Sache Verantwortung trägt, darüber beklagt, dass diese Sache nicht gut gemacht wird, klingt das merkwürdig, kann aber

~Christian Holl

dennoch sinnvoll sein. So darf sich ein Kämmerer darüber beklagen, dass er neue Schulden machen muss, weil andere mit dem Geld viel zu leichtfertig umgehen, und ein Hochschullehrer darüber beschweren, dass seine Ausbildung nicht auf das vorbereitet, was von Absolventen verlangt wird, beispielsweise, weil andere seinem Fach zu wenig Wert beimessen.
Doch der Fall, um den es hier geht, liegt etwas anders: Zwei Professoren, von denen der eine schon lange, der andere seit Kurzem nicht mehr lehrt, außerdem zwei Professoren des selbsternannten Deutschen Instituts für Stadtbaukunst sowie drei weitere Hochschullehrer bemängeln, was sie zu verantworten haben: die Städtebau-Ausbildung. Sie tun dies in der »Kölner Erklärung«, die den Titel »Die Stadt zuerst!« trägt. Unsere Stadträume seien »noch nie so armselig« gewesen, weil »die Hauptverantwortlichen« aneinander vorbeiplanten. Dass städtebauliches Wissen nicht mehr in der notwendigen integrativen Weise gelehrt werde, steht da, und dass den kommunalen Verwaltungen städtebaulich befähigtes Personal fehle. Damit Letzteres nicht bezweifelt werden kann, haben auch zwei Baudezernenten, die aus Köln und Hamburg, mitunterzeichnet. Sonst niemand.
Es sind also nicht viele, v. a. nicht die, die man als Verbündete braucht, um tatsächlich eine integrierte Ausbildung zu erreichen. »Städtebau benötigt den Austausch mit den Gesellschafts-, Wirtschafts-, Politik- und Umweltwissenschaften«, heißt es. Vertreter dieser Wissenschaften scheinen das nicht so zu sehen, jedenfalls haben sie sich dem Aufruf nicht angeschlossen. Vielleicht hat man sie gar nicht erst gefragt, oder sie sind skeptisch, wenn Städtebauer »Die Stadt zuerst!« rufen und als Ziel der Städtebauausbildung die Gestaltung des Stadtraums als übergreifendes Ziel ausgeben. Überzeugender wirkte der Appell zudem, hätten die meisten oder wenigstens viele der deutschen Städtebau- und Stadtplanungslehrer die Erklärung unterstützt. Haben sie aber nicht.
Im Gegenteil. Einige von ihnen haben Gegenpositionen verfasst. Eine davon nennt sich »100 % Stadt«. Für sie fanden sich nicht nur fast dreimal so viele Unterzeichner, sondern im Gegensatz zur Kölner Erklärung auch Frauen. Dass damit öffentlich sichtbar nicht die Einigkeit herrscht, die man braucht, um Forderungen überzeugend einklagen zu können, haben die Verfasser der Kölner Erklärung wohl mehr als billigend in Kauf genommen, haben sie doch mit einer Breitseite gegen die Planer geschossen, die sich nach all den Protesten, nach Gängeviertel, Media-Spree und Stuttgart 21 darum bemüht haben, Verständnis und Verfahren zu entwickeln, damit die Belange derer, die beplant werden, besser berücksichtigt werden. »Stadtplaner planen die Organisation von Prozessen, statt Stadträume zu entwerfen«, heißt es in der Kölner Erklärung – als ob man nur das eine oder nur das andere tun könnte. Wie will man die Ausbildung verbessern, wenn man die Kollegen öffentlich brüskiert? Die Verkehrsplaner, die man gewinnen müsste, um gemeinsam auszubilden, wurden übrigens auch erst einmal beschimpft, die Architekten ebenso. Doch damit nicht genug. Es ist nämlich überhaupt nicht ersichtlich, was eigentlich tatsächlich gefordert wird. Wer soll hier eigentlich was tun? Sollen sich die Fachbereiche zusammenraufen? Soll die Politik wirken? Was soll denn passieren, damit es eine integrative Ausbildung gibt?
Inhaltlich dünn, strategisch unklug, polemisch und suggestiv statt konkret und präzise: Das alles wäre katastrophal, wenn es tatsächlich darum ginge, die Ausbildung zu verbessern. So dumm können die Verfasser und Unterzeichner aber nicht sein. Dann aber kann das nur heißen, dass es ihnen genau nicht um die Ausbildung geht; mag das auch einer der Verfasser in einem Internetforum noch so eindringlich behaupten.
Die Verfasser und die Unterzeichner von 100 % Stadt haben sehr genau gespürt, worum es geht: Es geht um Deutungshoheit und um Selbstverständnis. Sie haben skizziert, welche Vorstellung von Stadt sie selbst haben, welche Defizite sie sehen und haben damit den Kölner Erklärern den Spiegel vorgehalten. Sie haben zudem sichtbar gemacht, wie augenscheinlich wenig den »Stadt zuerst!-Forderern« daran lag, einen breiten Austausch mit den Kollegen und mit Vertretern anderer Wissenschaften zu suchen, sich mit denen auseinanderzusetzen, die nicht ohnehin der gleichen Meinung sind. Welches Bild jemand von der Stadt haben muss, der so vorgeht, möge sich jeder selbst ausmalen. Die – gemessen an dem vorgegebenen Ziel – haarsträubenden Versäumnisse lassen Schlimmes befürchten. Man muss annehmen, dass es vordringlich darum ging, sich zu positionieren, sich von den Kollegen abzugrenzen, für die eigene Vorstellung von Stadt ein Forum zu suchen. Um Beifall von denen zu bekommen, die man in der dürren Schnelldiagnose über die Verantwortung für unseren angeblich noch nie so armselig gewesenen Stadtraum kaum zufällig außen vorgelassen hat, als seien sie nicht zu den Hauptverantwortlichen zu rechnen: die Bürokraten, die Dezernenten, die Stadtpolitiker, die Wirtschaftsförderer, die Vertreter der Immobilienwirtschaft. Mit einem Wort: Es wird hier ein Spiel um Einfluss und wohl auch um Aufträge gespielt. Auf dem Rücken der Studierenden. Für die Zunft der Stadtplaner war es sehr wichtig, dass dies nicht unwidersprochen blieb; einer Verbesserung der Ausbildung ist man allerdings vorerst nicht näher gekommen.
Der Autor ist Geschäftsführer des BDA Hessen und arbeitet als freier Architekturkritiker.
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