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Nun sag, wie hast du’s mit dem Entwurf?

Kommentar
Nun sag, wie hast du’s mit dem Entwurf?

Foto: Daniel McCullough auf Unsplash
Eine ganze Berufssparte definiert sich über Entwurfsikonen und gestalterische Leuchtturmprojekte, ohne zu merken, dass dieser Habitus oft wie peinliche Exzentrik anmutet und die Realität ohnehin schon lange anderswo abgebogen ist.

~Thomas Lehmann

Besonders deutlich wird diese verkehrte Weltsicht an so vielen Neubausiedlungen, deren Gestaltung nicht vermuten lässt, dass sie jemals einen Architekten oder Stadtplaner gesehen hat, höchstens mal den übereifrigen Kollegen, der sich dort selbst verwirklichen wollte. Investorenprojekte kommen ebenfalls selten über eine gestalterische Absichtserklärung hinaus. An dieser Stelle muss man die provokante Frage stellen, warum wir seit Jahrzehnten Entwerfer ausbilden, aber unsere gebaute Umwelt über weite Strecken eher einer Wüste aus Belanglosigkeiten und geschmacklichen Entgleisungen ähnelt?

Mitverantwortlich dafür ist die ökonomische Situation vieler Bauherren, denn entgegen einer stetig steigenden Wirtschaftskraft in Deutschland sind die real verfügbaren Einkommen deutlich geringer gestiegen. Da zudem die Bau- und Kaufpreise für Wohngebäude explodiert sind, können sich große Teile der Bevölkerung »eine Baukultur« überhaupt nicht leisten. Bei Projekten, die auf reine Flächen- und Gewinnmaximierung kalkuliert werden, verhält sich die Frage nach einem Gestaltungsanspruch ohnehin meist wie ein Oxymoron. Doch auch bei Projekten ohne Budgetgrenze mutet die Gestaltung oft eher wie eine Mehr-ist-mehr-Groteske als eine baukulturelle Haltung an.

Leider ist es zu einfach, diese Misere am Mangel an entwurfskompetenten Architekten zu beziffern, denn die Hochschulen schicken mittlerweile dreimal mehr Absolventen mit Entwurfsschwerpunkt auf den Markt als noch vor 30 Jahren. Doch an welcher Stelle ist das Kind dann in den Brunnen gefallen und wie schafft es die Architektur, sich aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien?

Ein großes Manko ist, Studierende überwiegend schillernde Paläste oder große Stadien entwerfen zu lassen. Wirkliche Kreativität entsteht selten durch völlige Freiheit, die wiederum viele Studierende überfordert. Erst durch klar formulierte Anforderungen und Verständnis für die Zusammenhänge wie beispielsweise das Budget oder den städtebaulichen Kontext beginnt unser Kopf, wirklich kreative Lösungen zu finden. Auf der anderen Seite werden Gebäude und ihre Anforderungen immer komplexer, sei es in der Gebäudetechnik oder in der Nachhaltigkeit, sodass diese Faktoren als entwurfsbeeinflussende Größen verstanden und berücksichtigt werden müssen. Hinzu kommt, dass Arbeitsprozesse und ihre Werkzeuge durch die digitale Vernetzung völlig neue Kompetenzen erfordern.

Als Worst-Case-Resümee könnte man daraus schließen, dass die Ökonomie gute Architekturentwürfe unterbindet und die Digitalisierung eine Massenvervielfältigung ermöglicht, sodass der kreative Architekt fast ausnahmslos wegrationalisiert werden kann.

Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall, wir brauchen mehr Architektur denn je, mehr Architekturbewusstsein, auch für ein sich veränderndes Selbstverständnis. Um uns dieser Dystopie entgegenzustellen, brauchen wir mehr vernetzt denkende Generalisten, für die ein guter Entwurf und eine städtische Baukultur genauso wichtig sind wie das technische Verständnis von Ökobilanzen und Betriebskostenkalkulationen im Rahmen einer BIM-Strategie. Ohne diese systemisch und technisch gut ausgebildeten Fachleute wird sich die Architektur langfristig nicht dem Heer an rationalen, rein zahlenbezogenen Wirtschafts-, Umwelt- und BIM-Ingenieur-Vertiefungen entgegenstellen können, für die Begriffe wie Gestaltung, Entwurf oder Baukultur keine wirkliche Entscheidungsgrundlage sind. Fachliche Vertiefungen als Gegenentwurf sind allerdings auch nicht zielführend, denn dadurch entfernt man sich vom Generalismus. Jenem Generalismus, der uns Architekten vor allen anderen auszeichnet und für den wir fachübergreifend geschätzt werden. Daher ist es auch nicht ausreichend, den Kenntniserwerb zum Bauen im Bestand, digitalen Planen und Bauen oder der Materialökologie lediglich optional anzubieten, sondern es braucht eine systemische und kreative Vernetzung aller Inhalte.

Natürlich benötigen wir auch gestalterische Visionäre und Stilikonen, um diese Prozesse und unser Architekturselbstverständnis immer wieder zu hinterfragen. Generationen an Studierenden aber als solche auszubilden, heißt die Realität zu verkennen und zu ignorieren, wie divers die Architektentätigkeit ist. Das bedeutet auch zu akzeptieren, dass der größte Teil von uns als technischer Sachbearbeiter enden wird, der in dieser Funktion trotz alledem die Architektur beeinflusst. Neben dem Generalismus ist es die Kreativität und der Gestaltungswunsch, die es uns ermöglichen, ergebnisoffen, holistisch und sowohl mit technischem als auch gestalterischem Anspruch dem Entwurfs- und Planungsprozess zu begegnen. Und genau so sollten wir unseren Berufsstand begreifen und lehren: kreativ, systemisch und divers!

Der Autor beschäftigt sich seit Jahren mit der Zukunft der Architektur und ihrem Selbstbildnis und leitet aktuell das Aachener Wettbewerbsteam beim Solar Decathlon SDE21.

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