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Im imaginären Raum der Zeichnungen

Installation der Skulptur »The Hermitage« am NAi in Rotterdam
Im imaginären Raum der Zeichnungen

Kaum jemand scheint zu wissen, dass der durch seine fantastischen Zeichnungen bekannt gewordene US-Amerikaner Lebbeus Woods auch gebaut hat – wenn auch nicht im üblichen Sinn: Er entwarf und realisierte 1999 für die TU Eindhoven und die MU Art Foundation die Skulptur »The Hermitage« (Die Einsiedelei), die nach zwei Jahren der Präsenz im öffentlichen Raum und nach fast ebenso langer Zeit des Wartens in einem La-ger dem Nederland Architektuurinstituut (NAi) in Rotterdam geschenkt wurde. Hier, am von Jo Coenen entworfenen Gebäude, wurde sie kürzlich installiert und – unter Beteiligung der Kunstinitiative »Mama« – feierlich enthüllt. NAi-Direktor Aaron Betsky nannte den dabei anwesenden Woods »einen der bedeutendsten amerikanischen Architekten der Gegenwart«, und das war weder übertriebene Höflichkeit, noch überschwängliche Würdigung. Betskys Worte sind eher als Ablehnung des Star-Architektentums zu lesen, das auch in den Niederlanden eine Heimstatt hat. Wie man weiß, ist es gerade der Erfolg, der nicht nur hohen Tribut fordert, sondern auch korrumpiert. Woods ist eben kein Star – und doch Architekt: ein Gestalter vornehmlich im imaginären Raum der Zeichnungen, aus dem seine wenigen Modelle und Skulpturen stammen, und dessen sich bekanntermaßen der größte Teil aller Architekten bedient.Daran seien diejenigen erinnert, die allein mit »Funktionen« versehene Bauwerke als Architektur gelten lassen wollen. Bei vielen, die sich gern Praktiker nennen, und manchen, die an Universitäten lehren, klingt der Begriff »Papierarchitekt« nur abschätzig.

Wenn einer etwas zu sagen hat, ist es nicht entscheidend, welche Medien er benutzt, sondern was durch sie zum Ausdruck kommt. Um Woods Arbeiten zu verstehen, muss man kein großartiges Theoriegebäude errichten, etwa versuchen, ihn über den »Dekonstruktivismus« zu legimitieren. In einem Vortrag zum besagten Anlass im NAi hat er einiges zu seinen Motiven und deren Wandlung über die Jahre verdeutlicht. Ein anwesender Architekt aus dem Publikum betonte im Nachhinein, das er trotz Kenntnis der Woodsschen Zeichnungen zum ersten Mal eine Ahnung bekam, was diese bedeuten können. Darum dürfte es sich lohnen, einige der von Woods angeführten Begriffe im Gedächtnis zu behalten: der sokratische Geist im Zweifeln, Zeitlichkeit und Wandel, Misstrauen gegenüber dem Optimismus der Projektentwickler, Fragmentcharakter, Möglichkeiten des Lebens in einer zerstörten Welt …
So sehr »The Hermitage« auf den ersten Blick an ein Insekt oder die heute allgegenwärtigen Bildwelten der Science Fiction erinnern mag – die Skulptur ist Sinnbild der Einsamkeit, in die sich der Einzelne zurückziehen muss, will er noch Reflektionen über die ihn bedrängende Fremdgesetzlichkeit anstellen. Die Form ist fragmentiert, gleichsam aus den Trümmern der Vergangenheit gebildet. Woods ist darin Romantiker und er verheimlicht das keineswegs. Von ihm wird jedoch keine Traumwelt illustriert, sondern das sich darin Einrichten thematisiert, ein Bauen in und aus Trümmern. In »The Hermitage« erkennt man nicht so sehr die aggressiven Durchdringungen von Gebäuden, wie sie in Woods Zeichnungen oft erscheinen, sondern das von ihm ebenso oft verwendete Motiv fliegender Formen: »The Hermitage« ist die im Begriff des Abhebens befindliche Form – oder die für kurze Zeit Gelandete. Das Motiv der Durchdringung des Bestehenden findet seine Fortsetzung im Motiv des Fliegens: beide verbinden sich zur einer Bewegung in die Freiheit, sei es die Freiheit des Eremiten, sei es die seiner dann mobilen Zuflucht. Hier sei an Woods Projekte »Das unterirdische Berlin« von 1988 und »Das Paris der Lüfte« von 1989 erinnert, wo der Übergang solcher Sinnbilder offenbar wird. Fraglos sind diese Werke und auch ein weiteres, benannt mit »Berlin Free Zone« von 1990, von den weltpolitischen Veränderungen dieser Zeit inspiriert. Das gilt zugleich für die Zeichnungen und das Modell des, der »Einsiedelei« recht nahen, allerdings bewohnbar konzipierten Projektes, dem »Solo House« von 1988/89. Woods plante dessen Realisierung, hielt sie aber nicht für entscheidend. In den 1990er Jahren war Woods offenbar noch an beherbergenden Räumen interessiert, was im Zusammenhang steht mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien und den Zerstörungen durch Erdbeben: Hier gewinnt das Sich-Einrichten in Ruinen und das Weiterverwenden von Trümmern ein geradezu pragmatisches Moment. Dass in »The Hermitage« beherbergender Raum fehlt, und dass Woods’ neuere Zeichnungen sich von der gegenständlichen Abbildung entfernen, zeigt eine Verschiebung seines Interesses in Richtung Skulptur und abstrakter Malerei. Aber das muss das architektonische Interesse an seinen Grenzgängen nicht schmälern – im Gegenteil. Vielleicht sind die Grenzen der Architektur sogar ihr Innerstes. Knut Birkholz
Knut Birkholz ist freier Autor in den Bereichen Kunstinterpretation und -kritik, Aphoristik und Essayistik. Er lebt und arbeitet in Rotterdam.
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