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Diskurs
Das Unmögliche verlangen

Der ganze Stolz des Départements Aveyron: die sieben Seil-Harfen des Viaduc de Millau über dem Tarntal Foto: Daniel Jamme, Millau
Pünktlich zum Jahresbeginn ist eine neue Marketingwelle zur WM 2006 angelaufen. Ebenso pünktlich hat die Stiftung Warentest vorab die Ergebnisse ihrer Tests der Februar-Ausgabe zur Betriebssicherheit der WM-Stadien mit Siegern und Verlierern veröffentlicht – und alle haben verloren. Bis auf die Stiftung Warentest, deren Verkaufsauflage sich sicherlich deutlich gegenüber Ausgaben über Körperpflegemittel-Tests steigern wird. Kurz vorher stürzte das Dach der Eissporthalle in Bad Reichenhall ein und in der Parallelität der Ereignisse entbrannte eine unsachlich vermengte Diskussion um Sicherheit und Kontrolle von Bauwerken, verbunden mit dem Ruf nach weiteren staatlichen Sicherheitsverordnungen.

Dacheinsturz und Testergebnisse, zwei völlig verschiedene Ereignisse. Und trotzdem: Die Bilder der Katastrophen im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 und im Sheffielder Stadion von 1989 wurden wieder heraufbeschworen. Nachdem sie in den letzten Jahrzehnten durch eine Euphorie im europäischen Stadienbau verdrängt worden waren, boten sie sich jetzt geradezu als unsachliche Argumentationshilfen an.
Wenn man die Diskussionen dennoch zusammenbringen will, dann sollte der gemeinsame Nenner ein nachvollziehbarer sein: Sicherheit. Der Wunsch nach Sicherheit geht jedoch über den Schutz vor Gefahr hinaus, er birgt eine politische Komponente. Sicherheit, Kontrolle, Überwachung – eine gefährliche Trias, in die der wichtigste Faktor keinen Eingang findet: Verantwortung beziehungsweise Eigen- verantwortung.
Worüber wir tatsächlich sprechen, sind Ängste und Panik. Beide stehen auch in einem Zusammenhang mit Bauwerken, aber nur in einem bedingten. Sie existieren außerhalb jeder Einordnung als eine »conditio humanis«. Panik, ein Zustand äußerster Angst vor einer wirklichen oder vermeintlichen Bedrohung, schränkt die besonnene Aufmerksamkeit ein oder schaltet sie aus und im Hirn archaische Notfallprogramme an: Flucht, Kampf oder Starre. Dann geht die Gefahr vom Menschen aus. Durch planerische und bauliche Maßnahmen zur Betriebssicherheit kann hier nur Schadensbegrenzung erreicht werden. Deren Wichtigkeit und Notwendigkeit ist jedoch unumstritten.
Den sachlichsten Beitrag zur Debatte der Standsicherheit von Gebäuden nach dem Einsturz in Bad Reichenhall hat, so zynisch es klingt, Frei Otto in seinem Interview mit der Stuttgarter Zeitung vom 11. Januar eingebracht: »Ein Haus ist erst dann wirklich stabil, wenn es eingestürzt ist.«
In Zeiten gleichzeitiger gesellschaftlicher Verunsicherung durch die Angst vor Anschlägen und wirtschaftlicher Ungewissheit wohnt dem Thema Sicherheit eine irrationale Komponente inne und führt zur Vermengung von Ursachen.
Verantwortung muss von jedem getragen werden, von den Planern gleichwohl wie den Nutzenden, nicht zu vergessen, den Bauherren und Betreibern. Wer die Nutzer Glauben machen möchte, dass sie von dieser Last befreit sind, ihnen mögliche Gefahren vorenthält, beraubt sie ihrer originären Entscheidungsfreiheit, nämlich ein Risiko einzugehen oder es eben zu vermeiden.
Die Verantwortlichkeit der Planer und Bauherren ist in Regelwerken verankert. Sie sind unter anderem zur mängelfreien Errichtung von Bauwerken verpflichtet. Die Verpflichtung der Eigentümer aber auch Betreiber einer Immobilie umfasst vor allem die Pflege und den Erhalt ihrer Betriebssicherheit und – als gesellschaftliche Veranwortung – den Werterhalt. Die Verpflichtung des Nutzers liegt in der sachgerechten, Schäden vermeidenden Nutzung eines Bauwerks. Darüber hinaus sollte er aber auch über die Risiken aufgeklärt werden, die er odere andere in einem Bauwerk hervorrufen könn(t)en.
Allerorts ist die Diskussion nach einer Baukultur im Gange. Das ist erfreulich, in welcher Form diese letztendlich auch Gestalt annehmen wird. Dem voranzustellen wäre aber die Diskussion um eine Verantwortlichkeitskultur, Eigenverantwortlichkeit sowie Verantwortlichkeit gegenüber anderen. Zur Eigenverantwortlichkeit, um beim Nächstliegenden zu bleiben, gehört wahrheitsgemäße Aufklärung. Und damit kommt wieder ein mit moralischen Werten belastetes (Un)Wort in die Diskussion. Wann wird endlich jemand den Mut finden zu sagen, dass kein Bauwerk der Welt hundertprozentige Sicherheit bieten kann, dass die eigenverantwortliche Entscheidung des Einzelnen, ob er ein Stadion, ein Kaufhaus oder ein anderes Gebäude besucht, ihm nicht abgenommen werden kann. Wenn jetzt im Zuge einer neuen Marketingkampagne die in puncto Betriebssicherheit positiv bewerteten Stadien mit dem Prädikat »sicher« werben, dann ist das unverantwortlich.
Der Ruf nach der totalen Sicherheit ist nicht nur illusionär, sondern auch grob fahrlässig. Denn eine hundertprozentige Überwachung und Kontrolle ist weder möglich noch erstrebenswert. Wer sie trotzdem fordert oder verspricht, sollte seine Motive erläutern.
Sie ist ein unmögliches Verlangen.
Elisabeth Plessen
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