Erweiterung und Sanierung eines Ausstellungsgebäudes in Thun (CH)

Zusammen eigenständig

Einem verschlossenen zylindrischen Solitärbau eine Erweiterung hinzuzufügen, birgt viele Möglichkeiten des Misslingens. Graber und Steiger Architekten haben sich bei der Erweiterung des »Thun Panorama« für eine bestechend ausgewogene Kombination aus baulicher Verschmelzung und gegensätzlicher Konstruktionsprinzipien entschieden. Sie verhelfen damit dem Ausstellungsort des ältesten erhaltenen Panoramagemäldes der Welt zu der Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

  • Architekten: Graber und Steiger Tragwerksplanung: Dr. Schwartz Consulting
  • Kritik: Martin Höchst Fotos: Dominique Marc Wehrli; Gottfried Keller-Stiftung, Christian Helmle
Thun im Berner Oberland glänzt sowohl durch eine perfekt restaurierte Altstadt als auch durch seine reizvolle Lage an Aare und See, inklusive majestätischer Alpenkulisse. Die Touristenströme halten sich dennoch, zumindest beim Besuch im Oktober, in Grenzen. Im Ortsteil Scherzlingen, der sich mit Industrieanlagen und Fragmenten des vormaligen Dorfs recht heterogen zeigt, liegt auch der öffentlich zugängliche Park rund um das historisierende Schloss Schadau (1852), in dem sich mittlerweile ein Restaurant und ein Gastronomiemuseum befinden.
In der ruhigen Atmosphäre der gepflegten Grünanlage direkt am Seeufer mit Blick auf steil ansteigende, schneebedeckte Berggipfel stößt man eher beiläufig auf eine kleine Dependance des Kunstmuseums Thun, das sogenannte Thun Panorama. Bis 2014 wurde es von Graber und Steiger Architekten aus Luzern erweitert und saniert, nachdem sie ein prominent besetztes Auswahlverfahren unter sieben eingeladenen Büros für sich entscheiden konnten. Gut 50 Jahre nach der letzten Restaurierung des hier ausgestellten ältesten Rundgemäldes der Welt, das eine Stadtansicht Thuns zeigt, sollten zu dessen 200-jährigem Bestehen Schadstellen ausgebessert und einen neuer Firnis aufgebracht werden. Auch seine denkmalgeschützte bauliche Hülle von 1961 sollte zum Jubiläum frisch saniert, und um ein zeitgemäßes Eingangsgebäude ergänzt, erstrahlen.
Vergessene Unikate
Der industrielle Charakter des Bestandsgebäudes mit seinem sichtbarem Stahlbetonskelett und Ziegelausfachungen, das eher an einen Wasserhochbehälter als an ein Ausstellungsgebäude erinnert, galt bei seiner Einweihung als Affront. Und dies, obwohl der für die damalige Planung verantwortliche Stadtbaumeister Thuns Karl Keller (1920-2003) die knapp 12 m hohe ›
› Rotunde mit einem Ø von ca. 14 m inmitten hohen Baumbestands und mit deutlichem Abstand zu Schloss und Seeufer platzierte. Die Unauffälligkeit des kleinen Ausstellungsorts machte sich jedoch an den geringen Besucherzahlen bemerkbar und so erhielt das Rundgemälde erneut, wie schon kurz nach seiner Fertigstellung 1814, nicht die gewünschte Aufmerksamkeit.
Der Basler Künstler Marquard Wocher (1760-1830) hatte es nach zwei Aufenthalten vor Ort, bei denen er – auf einem Dach inmitten des Stadtkerns sitzend – Skizzen von Stadt und Landschaft ringsum gemacht hatte, in fünfjähriger Arbeit in Basel geschaffen. Über das ein oder andere Detail der Stadtansicht, dass es noch zu klären galt, tauschte er sich währenddessen mit einem Bekannten in Thun per Brief aus. In einer damals eigens in Basel errichteten Holzrotunde sollte zahlendes Publikum das auf 285 m² Büttenpapier gemalte Ölgemälde bestaunen. Doch die Rechnung Wochers ging nicht auf und er starb schließlich verarmt. Nach seinem Tod gelangte das Panorama in den Besitz der Stadt Thun und geriet danach über die Jahre in Vergessenheit. Erst in den 50er Jahren entdeckte man es wieder. Karl Keller erkannte die kulturelle Bedeutung des Kunstwerks für die Stadt und ließ es auf gekrümmte Holzwerkstoffplatten aufziehen und restaurieren. Um es auch als Ganzes wieder ausstellen zu können, forcierte er die Errichtung der Rotunde im Schadaupark.
Fortgeführt
Die eingeschossige Erweiterung des Baus übt sich in Respekt vor der vorgefundenen elegant kargen Gestaltung der Rotunde, ohne sich jedoch ihr anzubiedern. Tangential aus dem Umriss des Bestands heraus leiten konkave Schwünge zu einer rechteckigen Form über. Dadurch wird sowohl der alte Baumbestand geschont als auch der Eingang deutlich und einladend definiert. Verbindendes Element von Alt und Neu ist der Dachrand des Annex aus Ortbeton, der die Waagerechte des Rotunden-Betonskeletts ohne Dehnungsfugen fortführt. Mit einer Ansichtsbreite von 40 cm und in gleicher Weise geschalt war er der Ausgangspunkt für weitere konstruktive und räumliche Entscheidungen. So wurde u. a. der Boden des Veranstaltungs- und Ausstellungsraums abgesenkt, um die geforderte Raumhöhe von 3 m zu erreichen. Anders als beim Bestand, an dem sichtbare Stützen die Lastabtragung in der Fassadenebene veranschaulichen, schwebt das begrünte Flachdach der Erweiterung vermeintlich über der ›
› geschosshohen Verglasung. Tatsächlich ruht die gesamte Stahlbetondecke auf einem von den Fassaden ringsum abgelösten innenliegenden Stahlbetontisch, der Empfang, Bewirtungstheke, Toiletten, Technik und Garderoben aufnimmt. Um die beeindruckende Auskragung (8 m!) der Decke im Bereich des Veranstaltungssaals zu bewältigen, wurden vier vorgespannte Unterzüge eingebaut, deren geringe Abmessungen nur in enger Abstimmung mit dem Tragwerksplaner zu erzielen waren.
Sämtliche Oberflächen im Innern sind in Anlehnung an den Bestand einfach ausgeführt. So wurden keine aufwendigen Betonschalungen verwendet, die Fußböden erhielten einen grauen Anstrich und sämtliche Einbauten sind in weiß beschichtetem Holzwerkstoff ausgeführt. Dies steht im Kontrast zu der edlen in Teilen gekrümmten Glasfassade ohne sichtbare Profile. Je nach Lichteinfall wirkt sie entweder immateriell und lässt den Park im Innern sehr präsent werden oder aber bietet ein komplexes Reflexionsspiel dar. Durch das ausgewogene Miteinander einfacher und edler Materialien entsteht ein spannungsvoller Kontrast mit hohem ästhetischem Reiz. Zudem ist eine gewisse Robustheit der Oberflächen in Anbetracht der regelmäßigen Besuche von Schulklassen und – in deutlich größeren Abständen bei Hochwasser – des Thuner Sees vonnöten.
Im Dienste des Exponats
Temperierung von Rotunde und Erweiterung sind streng voneinander getrennt, was sich auch an den beiden Windfängen, zum einen am Haupteingang und zum andern zwischen Foyer und Rotunde, bemerkbar macht. Während die Erweiterung dank Dreischeiben-Isolierverglasung, guter Dämmung, einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sowie einer Wärmepumpe für die Versorgung der Fußbodenheizung dem Schweizer Minergie-Standard entspricht, bleibt die Rotunde völlig untemperiert. Hier wird mittels zweier Luftentfeuchter lediglich die ideale Luftfeuchtigkeit für das Exponat gewährleistet. Dies hatte sich in den letzten 50 Jahren aus restauratorischer Sicht bewährt und so wurden Überlegungen zu einer Dämmung der einschaligen Bestandskonstruktion verworfen.
Beim Betreten der im Herbst sehr kühlen Rotunde unter dem Gemälde hindurch zeigt sich der Raum mit verputzten Wandsegmenten zwischen den Sichtbetonstützen wie sie auch an den Außenfassaden des EG zu finden sind. Erhellt durch ein über Kopfhöhe umlaufendes schmales Lichtband findet hier, in abgelöst von der Architektur aufgestellten Schaukästen und auf Tischen eine Dauerausstellung zu Details und Geschichte des Panoramas ihren Platz. Der Rotunde folgend führt eine geschwungene Treppe hinauf auf die frei eingestellte erhaltene Empore, die ebenfalls aus Stahlbeton elegant detailliert ist und deren Oberflächen sorgfältig saniert wurden. Die erhöhte Position auf ihr eröffnet dank der dreifachen Staffelung auch einer ganzen Schulklasse gleichzeitig den Rundumblick auf das Panorama, das vor den Außenwänden abgehängt ist. Um den aktuellen Normen zu entsprechen, wurden die bestehenden Brüstungselemente aus Metall in Anlehnung vorhandener Details angepasst. Viel weitreichender waren jedoch die Anpassungen an die verschärften Bestimmungen zur Erdbebensicherheit. So wurden vormalig gemauerte Wandscheiben im EG durch Stahlbeton ersetzt und mittels Stahlplatten mit dem bestehenden Stahlskelett kraftschlüssig verbunden. Zudem verstärken an der Innenseite in geringem Abstand übereinander waagerecht eingebaute, gebogene Stahlträger die Ziegelausfachungen der oberen Skelettkonstruktion. Seit der Sanierung erstrahlt das Exponat auch in besserem Licht: zenitales Tageslicht, das über die ersetzte Kunststofflichtkuppel im Zentrum des leicht gewölbten Kuppeldachs fällt, wird jetzt über eine abgehängte Scheibe zum Panorama hin gelenkt und kann bei Bedarf sensorengesteuert mit Kunstlicht verstärkt werden. So bedacht wie sämtliche Nachrüstungen und Ertüchtigungen ausgeführt sind, erscheint die Rotunde lediglich sehr gut saniert und nahezu unangetastet.
Die besondere Herausforderung dieses Projekts sei es gewesen, so Niklaus Graber, »den drei starken Protagonisten – dem Park, dem Rundgemälde und dem Bestandsbau Kellers – gleichermaßen gerecht zu werden«. Einfühlsamer und eigenständiger hätte dies wohl kaum gelöst werden können. Die positiven Rückmeldungen »aus wirklich allen Richtungen«, wie Graber berichtet, sowie die erheblich gestiegenen Besucherzahlen sprechen für sich. •
  • Standort: Seestraße 45 F, Schadaupark, CH-3602 Thun Bauherr: Einwohnergemeinde Thun, Amt für Stadtliegenschaften Architekten: Niklaus Graber und Christoph Steiger, Luzern Mitarbeiter: Urs Schmid (Projektleitung), Karin Ohashi Bauleitung: Gassner & Leuenberger, Thun Tragwerksplanung: Dr. Schwartz Consulting, Zug HLK-Planung: Ingenieurbüro Peter Hanimann, Zweisimmen Elektroplanung: Rüegg + Partner, Thun Bauphysik: Ragonesi Strobel & Partner, Luzern Fassadenplanung: Metallprojekt, Kerns Restauration Rundbild: H.A. Fischer, Bern Denkmalpflegerische Beratung: Dr. Ueli Habegger, Luzern BGF: 251 m² Bestand, 215 m² Erweiterung BRI: 1 741 m³ Bestand, 931 m³ Erweiterung Baukosten: ca. 2,2 Mio. Euro Bauzeit: Juni 2013 bis August 2014
  • Beteiligte Firmen: Bauunternehmer: Fruttiger, Thun, www.frutiger.com Glasfassade: Peter Soltermann, Thun, www.soltermann.ch Kunststofflichtkuppel: Rotaver Composites, Lützelflüh, www.rotaver.ch Sonnenschutz: Schenker Storen, Herzogenbuchsee, www.storen.ch Leuchten: Erco Lighting, Zürich, www.erco.com; XAL Schweiz, Luzern, www.xal.com
  • 1 Eingang 2 Foyer 3 Veranstaltung, Wechselausstellung 4 Dauerausstellung
  • 1 Dachaufbau Begrünung/Substrat, 90 mm Dränschutzmatte, 20 mm Wurzelschutzbahn, 1,3 mm Abdichtung, zweilagig
PUR-Dämmung mit Gefälle und Kaschierung aus Vlies, 40-160 mm PUR-Dämmung, 140 mm Dampfbremse Stahlbetondecke 2 Flüssigkunststoff 3 Attika, Ortbeton 4 Regenrinne in Bitumen 5 Holzbrett zur Auflage der Dämmung 6 Stahlträger, HEA 100, auf Dachseite geschraubt, in Attika einbetoniert 7 Ankerschiene als Halterung für den Sonnenschutz 8 Sonnenschutz, textil 9 Blechblende, demontierbar 10 Metall-Fensterrahmen 11 Vorhangschiene mit transparentem Akustikvorhang 12 Dreifach-Isolierverglasung, vertikal profillos gestoßen 13 Brüstung, Ortbeton 14 Abdichtung mit Flüssigkunststoff 15 Flachstahl zur Montage von Stützen zum Schutz vor Hochwasser 16 Styrobeton 17 Stahlkonsole, L-Profil, 80/150 18 XPS-Kerndämmung 19 Brüstung, Ortbeton 20 Fugenstern 21 Bodenaufbau: Zementestrich, gestrichen, mit Bodenheizung, 80 mm Trennlage Dichtungsbahn Wärmedämmung, 40 mm
Bodenplatte, als weiße Wanne ausgebildet, min. 400 mm XPS-Dämmung, 280 mm
Magerbeton, 50 mm

Thun (CH) (S. 52)

Graber und Steiger
Niklaus Graber
1968 in Luzern (CH) geboren. 1988-95 Architekturstudium an der ETH Zürich. 1993-94 Studienaufenthalt an der Columbia University, New York (USA). 1995 Mitarbeit bei Herzog & de Meuron, Basel. Seit 1995 Architekturbüro mit Christoph Steiger. 2008-11 und 2013-15 Lehraufträge an der Hochschule Luzern.
Christoph Steiger
1968 in Luzern (CH) geboren. 1988-95 Architekturstudium an der ETH Zürich. 1991-92 Studienaufenthalt in London (GB). 1995 Mitarbeit bei Herzog & de Meuron, Basel. Seit 1995 Architekturbüro mit Niklaus Graber. 2008-11 und 2013-15 Lehraufträge an der Hochschule Luzern.
Martin Höchst (~mh)
1968 in Herrenberg geboren. 2001 Diplom an der Universität Stuttgart. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. Volontariat bei der db, seit Juli 2012 Redakteur.