Temporäres Seminargebäude der RWTH in Aachen

Gut getarnt

Auch auf den zweiten Blick lässt sich nicht erkennen, dass sich hinter dem transluzenten Metallschleier ein Modulbau verbirgt. In nur acht Monaten schuf das Architekturbüro Hahn Helten ein temporäres Seminargebäude, das ganz und gar nicht provisorisch wirkt.

Gut getarnt

Architekten: Hahn Helten + Assoziierte ArchitektenTragwerksplanung: B. Walter Ingenieurgesellschaft
Kritik: Claudia HildnerFotos: Jörg Hempel, Hahn Helten + Assoziierte Architekten
Nicht standardisierte Raumeinheiten mit festen Maßen, sondern speziell für diesen Zweck gefertigte Module formen das sogenannte SemiTemp der RWTH Aachen. Für das eingeschossige Gebäude, das das ortsansässige Büro Hahn Helten auf einem ehemaligen Parkplatz geschaffen hat, war ursprünglich eine Nutzungsdauer von fünf Jahren vorgesehen. Nach dem Ablauf von zweieinhalb Jahren zeichnet sich ab, dass das Provisorium sehr viel länger Bestand haben könnte.
Referenz und Gegenpol
Nötig geworden war der Bau v. a. wegen Verzögerungen beim Bau eines neuen Hörsaalgebäudes. Das Büro Hahn Helten wurde daraufhin direkt beauftragt – u. a., da die Architekten Referenzen im Modulbau, wie etwa ein Dienstwohngebäude für die Deutsche Botschaft in Kabul, vorzuweisen hatten. Neben der ausdrücklichen Vorgabe, dass der Bau innerhalb eines vorgegebenen Kostenrahmens zum Beginn des Sommersemesters im April 2014 fertiggestellt sein musste, legten die Bauherren auch Wert auf architektonische Qualität. Dabei liegt das Seminargebäude zwar unweit des Hauptgebäudes der RWTH und ist gut zu erreichen, befindet sich aber dennoch in zweiter Reihe und ist nur für jene erlebbar, die sich gezielt in diese v. a. von Rückseiten und den Bahngleisen begrenzte Hinterhofsituation begeben. Dennoch befindet sich das SemiTemp in bester Gesellschaft, denn es wurde im rechten Winkel zum 2002 fertiggestellten »Baumhaus« (Baum & Voigt Architekten, Aachen) platziert, das Arbeitsplätze für Architekturstudenten bietet.
Dieser Bau diente den Architekten als Referenz: Zum einen sollte das raffiniert aufgeständerte Gebäude nicht komplett verstellt werden, zum anderen zeugt die Wahl von Stahl als Konstruktions- und Blech als Fassadenmaterial von einer gewissen Annäherung an die Erscheinung des Nachbarn. Das ›
› dreigeschossige Baumhaus öffnet sich mit einer Stahl-Glas-Fassade den sich nähernden Besuchern über die gesamte Höhe und Breite. Im Kontrast dazu erscheint das Seminargebäude als geschlossenes Volumen auf einem massiven Betonsockel. Auch bei genauerer Betrachtung könnten die Bauten unterschiedlicher nicht sein: Das Baumhaus, das ebenfalls vergleichsweise günstig verwirklicht werden konnte, setzt mit sichtbaren Installationen und reduzierter Technik demonstrativ auf Einfachheit und darauf, die Konstruktion möglichst sichtbar zu belassen. Beim Seminargebäude hingegen wurden alle verfügbaren Mittel genutzt, um die Bauweise zu verschleiern.
Module hinterm Schleier
Der Eingang des Seminargebäudes ist mittig auf der nordöstlichen Gebäudelängsseite angeordnet. Er orientiert sich zu den Rückseiten der Institutsbauten hin, die über Durchgänge und Verbindungen die Erschließung des Hinterhofs ermöglichen. Der Grundriss des Riegels gliedert sich über die Gebäudebreite in drei Bereiche: Nebenräume im Nordosten, ein Flur sowie eine Reihe von acht Seminarräumen im Südwesten. Insgesamt wurden 28 Module verbaut: 24 Module mit Maßen von 12 x 2,75 x 3,4 m und vier Module mit 16,44 x 2,75 x 3,20 m. Drei der kürzeren Raumeinheiten bilden – an den Längsseiten gekoppelt – jeweils einen Seminarraum mit angeschlossenem Erschließungsbereich. Quer dazu nehmen die vier längeren Module u. a. die Nebenräume mit bereits im Werk vorinstallierten Sanitärräumen auf. Die Module wurden teilweise mit Spezialtransporten angeliefert und vor Ort mithilfe eines mobilen 350-Tonnen-Krans versetzt. Sie lagern an den Modulstößen auf vorgefertigten Betonsockeln, die wiederum auf der Bodenplatte aus Ortbeton montiert sind. Letztere war aufgrund des schwierigen Baugrunds – z. T. Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg – nötig. Die Module wurden mittels Unterlegplatten auf der Betonplatte ausgerichtet und anschließend miteinander verschweißt.
Die Vorfertigung der Raumeinheiten umfasst das gesamte Tragwerk, die Wandkonstruktion sowie weite Teile des Innenausbaus. Auch die Kunststofftüren und -fenster wurden bereits im Werk eingesetzt. Ungenauigkeiten und Maßabweichungen konnten vermieden werden, indem die Planer die Module ›
› bereits im Werk in zwei Clustern in ihrer endgültigen Position zusammenstellen ließen und so die Passgenauigkeit prüfen konnten. Anschließend wurde die Dachabdichtung für die beiden Gebäudeteile aufgebracht, für den Transport modulweise eingeschnitten und vor Ort wieder miteinander verklebt. Die vorgefertigten Außenwände bestehen – von innen nach außen – aus einer Gipskartonplatte, einer Dampfsperre, dem Stahl-Ständerwerk inklusive Mineralwolldämmung sowie einer imprägnierten Gipsfaserplatte. Vor Ort wurden die Unterkonstruktion sowie die Fassadenbekleidung – schwarze Aluminium-Verbundplatten und Loch-Trapezbleche – aufgebracht. Die Bekleidung orientiert sich dabei nicht an der Modulaufteilung, sondern am harmonischen Erscheinungsbild der Fassade in ihrer Gesamtheit. Die für die Gebäudetechnik nötigen Installationen im Flurbereich, die abgehängte Rasterdecke sowie der Linoleum-Belag des Fußbodens wurden ebenfalls vor Ort eingebracht.
Entscheidend für die Wahl der Leichtmetallfassade war u. a., dass sich das Material bei Bedarf leicht demontieren und entsorgen bzw. weiterverwerten lässt. Die Loch-Trapezbleche legen sich u-förmig wie ein Mantel um das Volumen und sorgen dafür, dass es – egal, von welcher Seite her man sich dem Bau nähert – geschlossen erscheint. Nur im Eingangsbereich ist die Metallbekleidung als Schirm den Glastüren vorgelagert; diese Zone scheint sich dadurch wie eine Schublade nach außen zu schieben. Entlang des Dachrands ragt das Trapezblech leicht über den Bau hinaus, sodass die Transluzenz des Materials auch bei Tageslicht erlebbar ist. Nach Einbruch der Dämmerung – das Gebäude ist zwischen 20 und 24 Uhr als Lernraum geöffnet – werden durch das Kunstlicht im Innern auch die Öffnungen der Nebenraumzone als leuchtende Felder auf der Fassade sichtbar.
An der Südwestfassade ist das Gebäude offener gestaltet, geschosshohe Fenster bzw. Fenstertüren sind hier im Wechsel mit schmaleren, wiederum mit Trapezblechen bekleideten Bereichen angeordnet, hinter denen sich die dezentralen Lüftungsgeräte mit Zu- und Abluftöffnungen verbergen, wobei jeweils 3 Geräte die Lüftung und Heizung für einen Seminarraum sicherstellen.
In Rekordzeit
Der Zeitfaktor war ausschlaggebend für den Entwurf, denn zwischen Projektstart und Eröffnung lagen gerade einmal acht Monate. Bereits vier Monate nach Planungsbeginn, im Januar 2014, wurde mit dem Bau der Bodenplatte und der Vorfertigung der Module begonnen. Ein effizienter Entwurfsprozess, eine kompetente Projektsteuerung, ein unkompliziertes Genehmigungsverfahren durch die Stadt sowie eine rechtzeitige Auftragsvergabe durch die Bauleitung waren für den reibungslosen Ablauf entscheidend. Die Architekten loben darüber hinaus den Modulbauer, der in kurzer Zeit qualitativ hochwertige, passgenaue Raumeinheiten lieferte. Diese konnten bereits im Februar 2014 innerhalb von fünf Werktagen auf der Bodenplatte montiert werden. Für die Montage der Fassade, den Innenausbau und die Haustechnik verblieben – bis zum Semesterstart – noch zwei Monate. Auf Brandschutzmaßnahmen, die über einen minimalen Schutz der Konstruktion im Brandfall hinausgingen, konnte weitgehend verzichtet werden. Entscheidend war, dass alle Büro- und Seminarräume eine direkte Fluchtmöglichkeit ins Freie bieten. Der Neubau erfüllt die Anforderung der EnEV 2009 an die Begrenzung des Jahres-Primärenergiebedarfs bzw. unterschreitet sie mit einem Wert von 202 kWh/(m²a) sogar. Die statische Zentralheizung ist an das Fernwärmenetz der RWTH angeschlossen. In die Fenster und Fenstertüren an der Südwestfassade wurde eine Sonnenschutzverglasung mit g ≤ 0,40 eingesetzt, ihre Verschattung erfolgt durch außenliegende Raffstores.
Im Moment lässt sich ein Trend zum Bauen mit fertigen Raumeinheiten feststellen – das erlebt auch das Büro Hahn Helten, das vor wenigen Monaten zwei Kindertagesstätten in Neuss mithilfe der Modulbauweise fertiggestellt hat. Nicht immer ist dabei Konstruktionsehrlichkeit gefragt – mit den vermeintlich widrigen Bedingungen der Entstehung wollen die Nutzer wohl nur in wenigen Fällen konfrontiert werden. Das Seminargebäude in Aachen zeigt, dass mit dem raffinierten Kaschieren von Übergängen und der Wahl von entsprechenden Fassadenbekleidungen trotz Kostenlimit und Bauzeitbeschränkung aus Modulen ansprechende Architektur entstehen kann.

Standort: Schinkelstraße 15, 52062 Aachen
Bauherr: Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen
Architekten: Hahn Helten + Assoziierte Architekten, Aachen
Bauleitung: Hahn Helten + Thiemann Bauleitungs Gesellschaft, Aachen
Mitarbeiter: Harald Schäfer ( Entwurf und Konzeption), Frank Borkowitz (Projektleitung) , Dieter Meyknecht (Bauleitung)
Tragwerksplanung: B. Walter Ingenieurgesellschaft, Aachen
Projektsteuerung: wbc-baucontrolling, Aachen
HLS-Planung: GT-Plan, Frechen
Elektroplanung: Aust Ingenieure, Ratingen
Brandschutz: Ingenieurbüro für Brandschutz Thomas Reifenrath, Aachen
Bauphysik: Ifas, Aachen
BGF: 1 050 m²
BRI: 4 297 m³
Baukosten: 2,65 Mio. Euro (KG 200-700)
Bauzeit: November 2013 bis März 2014
Beteiligte Firmen:
Generalunternehmer Modulbau: BOLLE System- und Modulbau, Telgte, www.bolle-modulbau.de
Sauberlaufmatte Fabrikat: Entrada, Braunschweig, www.entrada-matten.de
Fassadenbekleidung: Alucobond, Singen/Hohentwiel, www.alucobond.com
Aluminiumtüren: Hueck, Lüdenscheid, www.hueck.com
Dachbbdichtung: Sika, Stuttgart, http://deu.sika.com
Securanten: ABS Safety, Kevelaer, www.absturzsicherung.de
Kunststoff-Fenster: Schüco, Bielefeld, www.schueco.com
Fensterbeschläge: Hoppe, Müstair, www.hoppe.com
Sonnenschutz Fabrikat: Flexallum, Düsseldorf, www.flexalum.de
Abgehängte Decke: Rockfon, Gladbeck, www.rockfon.de
Holz-Innentüren: Reinaerdt, Saterland, www.reinaerdt.de
Linoleumbelag: DLW Flooring, Bietigheim-Bissingen, www.dlw.de
WC-Trennwandanlagen: Meta, Rengsdorf, www.meta.de
Fliesen: Villeroy & Boch, Mettlach, www.villeroy-boch.de;
Cersanit, Kielce, www.cersanit.com.pl

Der Blick in die nahegelegenen Ateliers, in denen Architekturstudenten fleißig an ihren Modellen bastelten, weckte bei unserer Kritikerin Claudia Hildner Erinnerungen an eigene durchgemachte Nächte und das Gefühl von Holzleim an den Fingern.

Aachen (S. 36)

Hahn Helten + Assoziierte Architekten
Günter Helten
1957 in Bocholt geboren. 1978-85 Architekturstudium an der RWTH Aachen. 1986 Mitarbeit im Architekturbüro Walter von Lom, parallel freie Tätigkeit. Seit 1993 eigenes Büro mit Ulrich Hahn, 2004 als Hahn Helten + Assoziierte Architekten.
Ulrich Hahn
1955 in Hamm geboren. 1976-84 Architekturstudium an der TU Berlin, RWTH Aachen und der Kunstakademie Düsseldorf. 1985-89 Diplom und wiss. Mitarbeit an der RWTH Aachen. 1989-90 Stipendium der Villa Massimo. Seit 1993 Büro mit Günter Helten. Seit 2000 Professur an der FH Aachen.
Claudia Hildner
1979 in München geboren. 1999-2005 Architekturstudium an der TU München und der Universität von Tokio. 2006-07 redaktionelle Tätigkeit beim »Baumeister«. 2007-11 freiberufliche Tätigkeit als Redakteurin in Stuttgart, Tokio und München, seit 2014 in Düsseldorf.