Restaurant »Cavos Taverna« in Stuttgart

Restaurant-Bar-Hybrid

Turbulente Tavernen-Atmosphäre, gutes Essen, gesellige Runden, Feierlaune bis in die Morgenstunden – dieser gastronomische Hybrid in der Innenstadt von Stuttgart vereint Essen, Trinken, Feiern und Tanzen unter einem Dach. Die einfache, klare und dennoch anheimelnde Raumgestaltung zitiert dabei gekonnt und z. T. eigenwillig den Stil traditioneller griechischer Tavernen.

    • Design: Panagiotis Desfiniotis

  • Kritik: Ulrike Kunkel Fotos: Brian Michael Seyum; Nico Sukup
Die griechische Taverne »Cavos« in Stuttgart Mitte ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Adresse »gemacht wird« und nicht von vornherein besteht; und – vielleicht etwas ernüchternd – dass es, wenn Restaurant- und Raum-Konzept stimmen, auf die architektonische Hülle nicht ankommt, um in der Gastronomie erfolgreich zu sein. Das Konzept einer quirligen Taverne, die Restaurant, Club und Bar miteinander vereint und in der erst gegessen und später (auf den Tischen!) getanzt und gefeiert wird, mag zunächst überraschen und ist sicher auch nicht jedermanns Sache, in sich stimmig und konsequent umgesetzt ist das Konzept im Cavos aber allemal. Und der Erfolg gibt den Betreibern Florian Faltenbacher und Petros Bakirtzis Recht: Erst im Oktober letzten Jahres eröffnet, ist das Lokal, das sich hinter einer wenig einladenden dunkelbraunen, kupferbekleideten Fassade in der Lautenschlagerstraße 20 fast ein wenig versteckt, an den Wochenenden bereits auf lange Zeit ausgebucht.
Individuell und Massgeschneidert
Das Gestaltungskonzept basiert auf dem Einsatz natürlicher, »griechischer« Materialien und heller, naturverbundener Farbtöne, kombiniert mit einigen wenigen Pastelltönen, meist Blau. Stoffbezüge in hellem Braun-Grau, beigefarbenes Korbgeflecht, weiße Tische, Wände und Textilien, Bambusrohr, Dielenböden und Theken aus Eiche prägen den großen, sich über zwei Ebenen erstreckenden Gastraum. Im oberen Bereich wird er durch einen »Barblock« ›
› mit wunderbar luftiger Lichtdecke aus vielfach eng zusammengenommenem, weißem Vorhangstoff und im ebenerdigen durch eine lang gestreckte prominent gegenüber vom Eingang platzierte Bar zusätzlich gegliedert. Ein Hingucker ist hier aber v. a. die hinterleuchtete, farbige Flaschenwand der Münchener Designerin Nadja Belg, die die gesamte, in diesem Teil des Lokals beachtliche Raumhöhe nutzt. Die weiß gestrichenen Holzstühle mit hoher Rückenlehne und handgeflochtenem Sitz wurden in Griechenland, in einem der beiden letzten Betriebe, die diese traditionellen Stühle noch komplett von Hand fertigen, in Auftrag gegeben. Kombiniert mit den ebenfalls weiß gestrichenen Massivholztischen, die statt mit Tischtüchern mit Packpapier eingedeckt sind, entsteht eine angenehm gastliche Atmosphäre mit edler Note und rustikalem Touch. Der klare, einfache Einrichtungsstil sowie das gastronomische Gesamtkonzept orientieren sich an dem Stil traditioneller griechischer Tavernen; interpretieren und transformieren ihn aber geschickt in eine zeitgemäße und nordeuropäische Sprache. So sitzt man auf der oberen Ebene des Gastraums z. B. unter einer Lichtdecke, bei der das Kunstlicht durch weiß gestrichene Bambusstäbe fällt und einen zwangsläufig an die schattenspendenden »Bambussegel« griechischer Bars denken lässt. Man spürt die Sonne förmlich. Es handelt sich aber nicht nur um ein schönes Zitat, sondern verleiht dem in diesem Bereich relativ niedrigen Raum zudem eine gewisse Großzügigkeit. Im Gastraum auf Straßenniveau sitzt man unter einer originellen, dicht an dicht gehängten Korb-Leuchten-Decke.
Mittlerweile haben die Inhaber gemeinsam mit ihrem Designer Panagiotis Desfiniotis offensichtlich ein gutes Gespür dafür entwickelt, was funktioniert und was nicht, welcher Standort und welche Gestaltungsrichtung zu ihrem Konzept passen. Bereits vor 20 Jahren eröffneten sie ihr erstes Lokal in München, wo sie inzwischen drei Tavernen nach demselben Muster betreiben. Die gestalterische Grundlinie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Lokale, wird aber jeweils individuell ausgestaltet. »Kein Design von der Stange«, das ist ihnen wichtig; nach ersten, eher groben Planzeichnungen werden Materialien und Details vor Ort auf der Baustelle mit dem Designer entwickelt und im Weiteren von diesem mit einem bewährten Handwerkerteam umgesetzt. »Rock and Roll-Style« nennt Florian Faltenbacher diese Art zu »entwerfen«. Dabei wird viel diskutiert, experimentiert, ausprobiert und wieder verworfen. So waren für das Cavos z. B. bereits 100 m² Spiegel bestellt und vom Glaser geliefert und montiert worden. An Ort und Stelle entsprach die Spiegelwand dann aber doch nicht den Vorstellungen, »sie war einfach zu schick für unser Konzept, also ließen wir sie wieder entfernen«. Kostengünstig plant man so natürlich nicht, aber auf jeden Fall mit einer Menge Spaß an der Sache! ›
Geschickt gegliedert
Mit rund 600 m² ist die Taverne relativ weitläufig; durch geschickte Zonierungen nimmt man als Gast die Größe aber nicht als unangenehm wahr. Der Bereich vor den Toiletten bildet eine Art Übergangszone zwischen Restaurant und dem sich anschließenden Club-/Barbereich, in dem geraucht werden darf. Mit Raum- und Nutzungswechsel ändert sich auch die Gestaltung: Im hinteren Teil herrschen dunkle Farben vor; man verlässt in gewisser Weise Griechenland, wie es der Designer umschreibt. Wand- und Thekenbekleidungen sind hier aus dem afrikanischen Holz Abachi; von Panagiotis Desfiniotis handgebürstet und mit verdünnter blauer Tinte lasiert, bis es die gewünschte Oberflächenbeschaffenheit und Farbe hatte. Hinterleuchtet werden die Holzbekleidungen mit farbigen LEDs. Das gesamte Lichtkonzept basiert auf einer Kombination aus unterschiedlichen Lichtquellen und Leuchtmitteln. Auf bloße Raum-Dekorationen wurde erfreulicherweise vollständig verzichtet. Lediglich einige aussagekräftige Schwarz/Weiß-Fotografien, wie die eines lebenslustigen Opas, der sich in allen Lokalen der Betreiber findet, sowie ausgewählte Kunstwerke hauptsächlich griechischer Künstler setzten wohlüberlegte Akzente.
Doch was hat es nun mit dem eingangs erwähnten »Tanz auf den Tischen« auf sich? Nun, wenn man an einem Donnerstag, Freitag oder Samstag im Cavos ist, klärt sich die Frage schnell. Gegen 23 Uhr wird der Wechsel von Restaurant zu Partylocation eingeläutet: Die Musik wird lauter und zunächst griechischer, das Licht dunkler, die Kellner sammeln Geschirr und Kerzen ein und beginnen damit (auf den Theken stehend), eine Unmenge weißer Papierservietten in die Luft zu werfen! Wie ich mir von einem griechisch-schwäbischen Kollegen bestätigen ließ, die harmlose, da gefahrlose Variante der seit den 60er Jahren in Griechenland praktizierten und beliebten Sitte, in den Lokalen Teller oder später zumindest noch Blumen zu werfen. Am Ende dieses herrlich dekadenten Spektakels, bei dem es natürlich ordentlich mitzumachen gilt, steht man fast kniehoch in Servietten und viele der Gäste bereits auf den Tischen. Wer mag, kann dann bis in die Morgenstunden weiter feiern und tanzen – auch gerne auf Tisch und Stuhl.
Egal ob nur essen oder essen und feiern – auch nur feiern ist am späteren Abend erlaubt – es sei empfohlen, in nicht zu warmer Kleidung zu erscheinen. Denn während der Raucherbereich gut be- und entlüftet wird, sodass er sogar für Nichtraucher erträglich ist, wird es im großen Gastraum doch relativ warm und stickig – und das nicht erst, nachdem er zum Tanzparkett erklärt wurde. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass Akustikmaßnahmen eine untergeord- nete Rolle spielen. Zur Tavernen-Atmosphäre gehört ein gewisser Geräuschpegel eben dazu. Wer also einen ruhigen Abend verbringen möchte, sollte sich besser für ein anderes Restaurant entscheiden. Wer aber ausgehen und sich in geselliger Runde amüsieren möchte, der kann in der »Cavos Taverna« einen durchaus besonderen Abend erleben und das begleitet von sehr gutem, nicht ausschließlich griechischem Essen zu angemessenen Preisen – ab dem Sommer (hoffentlich) auch draußen, die Terrasse ist derzeit jedenfalls in Planung. •
  • Standort: Lautenschlagerstraße 20, 70173 Stuttgart Bauherr: CAVOS Stuttgart GmbH Design: Panagiotis Desfiniotis, München Kontaktarchitektin: Stockwerkdesign, Sandy Krauss, Stuttgart Design Flaschenwand: Nadja Belg, München Kunstwerke: Klaus vom Bruch, Andrea Savva, Stathis Katsarelis Fläche Gastraum: 600 m²; 330 Sitzplätze (ohne Bar) Flächen Küche, Lager etc.: 600 m² Baukosten: keine Angabe Bauzeit: Januar bis Oktober 2012
  • Beteiligte Handwerker: Leuchtenkörbe: Handfertigung in den Bergen um Krakau Wandleuchten, Lampenschirme: Fritz Feil, Stuttgart Tische, Stühle: Handfertigung, Georg Athanasopoulos, Athen Maßanfertigung Polster, Vorhänge, Loungemöbel: Giorgios Giorgu, München »Cavos« sind übrigens spezielle Taue zum Festmachen der Schiffe an Land
1 Gastraum 2 Küche 3 Bar 4 Gastraum mit Tanz 5 Bar/Raucherbereich

Stuttgart, Lautenschlagerstr. (S. 34)

3078851

Panagiotis Desfiniotis
1960 in Athen (GR) geboren. 1978-85 Kunststudium. 1985-93 selbstständige Berufstätigkeit im Bereich Wandmalerei/Fresko. Seit 1989 eigenes Restaurant im Skigebiet Arrachova (GR). Seit 1993 Außen- und Innendesign für Gastronomieprojekte. Seit 2009 außerdem Spezialisierung auf Leuchten und Objektkunst.
Ulrike Kunkel (uk)
1969 in Berlin geboren. Studierte Germanistik, Architektur, Städtebau, Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und am IUAV di Venezia. 1998 Diplom. 1999-2004 Kuratorin am Vitra Design Museum; 2002-04 Assistentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Seit 2005 Redakteurin der db, seit 2009 Chefredakteurin.