Großzügige, helle, ineinander übergehende Bereiche sind ein wesentliches Merkmal der Reggio-Pädagogik
Das Erdgeschoss des denkmalgeschützten ehemaligen Pfarrhauses wurde zur Kindertagesstätte umgebaut
An einigen Stellen wurden Fenstertüren eingesetzt, um einen größeren Bezug zwischen innen und außen herzustellen
Weiße Wände, spärliches Mobiliar und hellbraune Fußböden tragen zur ruhigen Ausstrahlung der Räume bei
Die Waschräume sind klar und hell und wirken fast etwas aseptisch
Die »Piazza« mit Küchenbereich bildet den zentralen Begegnungsort der Kita
Maßanfertigung: Regale aus dezent braunen Faserplatten, in denen die Kinder ihre Sachen verstauen
Ausblick, Durchblick, Blickkontakt: Das Bild symbolisiert eine wesentliche Konzeptidee dieser Kita
Lageplan, M 1:1000
Schnitt, M 1:300
Grundriss EG, M 1:300
A bestehende Kita
B Erweiterung im EG
C Spielrasen
D Spielgerätehaus
E Klettergerüste
F Sandkasten
1 Piazza
2 Atelier
3 Gruppenraum I
4 Gruppenraum II
5 Loggia
Kindertagesstätten-Erweiterung in Leipzig

Vom Kirchenarchiv zum Kindergarten

Was tun mit leeren Archivräumen, für die sich keine neuen Nutzer finden lassen? Eine ungewöhnliche Antwort kann im Gemeindezentrum der Evangelisch- Lutherischen Kirchgemeinde Leipzig-Lindenau-Plagwitz besichtigt werden, denn hier wurde ein ehemaliges Archiv zu einem Kindergarten nach dem Konzept der Reggio-Pädagogik umgebaut. Die besondere Herausforderung für die Architekten war dabei, dieses, auf Offenheit und Klarheit setzende pädagogische Konzept in dem denkmalgeschützten Bau von 1897 umzusetzen.

  • Architekten: Graalfs Architekten Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Henneker
  • Kritik: Matthias Grünzig Fotos: Werner Huthmacher
Am Anfang des Umbaus stand ein Leerstandsproblem. Das 1888 erbaute Gemeindezentrum an der Weißenfelser Straße in Leipzig-Lindenau- Plagwitz umfasst die Heilandskirche, ein Altenpflegeheim und einen Kindergarten. Alles wird rege genutzt. Sorgen bereitete hingegen das Pfarrhaus, in dem jahrzehntelang das Gemeindebüro, Wohnungen und das Leipziger Kirchenarchiv untergebracht waren. Doch 2007 hatte das Archiv einen derartigen Umfang erreicht, dass es in ein größeres Gebäude umziehen musste.
Das Erdgeschoss des Pfarrhauses fiel fortan dem Leerstand anheim. In dieser Situation entstand die Idee, die Archivräume für eine Erweiterung des Kindergartens von 88 auf 128 Plätze zu nutzen. Die Umnutzung bot ganz nebenbei außerdem die Chance, Zuschüsse der Stadt für die Erhaltung des denkmalgeschützten Gebäudes einzuwerben.
Hohe Anforderungen
Das mit den Umbauarbeiten beauftragte Büro Graalfs Architekten aus Leipzig sah sich mit ehrgeizigen Ansprüchen konfrontiert: Gefordert wurden zwei Gruppenräume für je 20 Kinder im Alter zwischen ein und sechs Jahren, ein Speiseraum mit Lehrküche, Waschräume und ein Atelier für Bastelarbeiten. Außerdem sollten die neuen Räume den Anforderungen der Reggio-Pädagogik genügen, die für den Kindergarten eine zentrale Rolle spielt. Dieser pädagogische Ansatz setzt vor allem auf den natürlichen Wissensdrang der Kinder. »Wir geben keinen Lehrstoff vor, sondern ermuntern die Kinder, ihre eigenen Ideen umzusetzen«, erklärt Kindergartenleiterin Anne-Kathrin Puchta das Credo ihrer Einrichtung. Die Räume dienen dabei als »dritter Erzieher«; sie sollen die Entdeckerfreude der Kinder herausfordern. Verlangt wurden deshalb fließende Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen, Möglichkeiten für die kreative Entfaltung der Kinder sowie Rückzugsräume. Weiterhin mussten die gesetzlich festgelegte Kostenobergrenze von 440 000 Euro eingehalten und die Denkmalschutzauflagen beachtet werden. ›
Schwierige Umbauarbeiten
Für die Architekten brachten diese Forderungen fast unlösbare Schwierigkeiten. Beispielsweise war das Archiv in mehreren kleinen Räumen untergebracht, die für die Kindergartennutzung ungeeignet waren. Um die geforderten großen Räume zu schaffen, mussten tragende Wände beseitigt und durch Stützen aus doppelten Stahlträgern ersetzt werden.
Ungeeignet für die neue Nutzung waren auch die Fenster, die, entsprechend den Bedürfnissen des Archivs, sehr klein gehalten waren. Die Fenster mussten vergrößert werden, um mehr Helligkeit in die Räume zu bringen, aber auch um die nach der Reggio-Pädagogik geforderten Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen wenigstens im Ansatz zu schaffen. Ein Teil der hofseitigen Fenster wurde bis zum Fußboden erweitert und um eine vorgelagerte Terrasse ergänzt. Andere Fenster mussten allerdings aufgrund der Denkmalschutzauflagen unverändert bleiben. Zudem gab es ursprünglich keinen direkten Übergang vom Archiv zum bereits vorhandenen Kindergartengebäude, weshalb an der Hofseite ein neuer Eingang eingefügt wurde, der einen direkten Zugang zum Kindergarten-Altbau herstellt.
Die vorhandenen Stuckdecken wurden auf Betreiben der Denkmalbehörden zwar denkmalgerecht saniert, das Problem war allerdings, dass die Holzbalkendecken weder den Brandschutz- noch den Lärmschutzvorschriften entsprachen. Daher mussten unterhalb der Stuckdecke noch eine Brandschutzdecke und eine schallschluckende Akustikdecke eingezogen werden, die nun die Stuckdecken verdecken. Besonders viel Kopfzerbrechen bereitete das Thema Energieeinsparung. Die vorhandene Klinkerfassade durfte aus denkmalrechtlichen Gründen nicht mit einer Wärmedämmfassade verkleidet werden, eine Innendämmung schied aufgrund raumklimatischer Nachteile aus. Auch die vorhandenen Kastendoppelfenster mussten aus Gründen des Denkmalschutzes erhalten bleiben. Lediglich in die vergrößerten Fenster konnten neue Isolierglasscheiben eingebaut werden. Folgerichtig ist die Energiebilanz des Altbaus nicht optimal.
Und schließlich sorgten auch die denkmalgeschützten Zäune, die das Grundstück des Pfarrhauses zur Straße hin abgrenzten, für Probleme. Ihre Spitzen stellten für die Kindergartenkinder eine Verletzungsgefahr dar. Am Ende mussten die Zäune doch durch weniger unfallträchtige ersetzt werden. Trotz all dieser Schwierigkeiten gelang es den Architekten, mit Baukosten von 436 000 Euro auszukommen – knapp unter dem vorgeschriebenen Satz.
Ordnung und Klarheit
Das Ergebnis dieser Umbauten ist ambivalent. Auffallend ist die Klarheit und Übersichtlichkeit, die in allen Räumen zu finden ist. Schon der Flur wirkt ausgesprochen ordentlich. Weiße Wände schaffen eine fast schon aseptische Atmosphäre. Eine sparsame und dennoch funktionale Möblierung unterstreicht das aufgeräumte Erscheinungsbild. Die Regale, in denen die Kinder ihre Sachen ablegen können, wurden extra für den Kindergarten aus mitteldichten Faserplatten angefertigt. Eine Pinnwand ermöglicht das geordnete Anbringen von Mitteilungen oder auch von Urlaubspostkarten. Diese Aufgeräumtheit setzt sich in den Gruppenräumen fort. Auch hier dominieren weiße Wände und spärliches Mobiliar. Die dezenten Brauntöne der Möbel und des Fußbodens tragen ihren Teil zur ruhigen Ausstrahlung der Räume bei. Diese Nüchternheit ist Absicht. Denn dadurch wird eine »leere Bühne« geschaffen, auf der die Kinder ihre Ideen entfalten können. Hier werden Rollenspiele eingeübt, Lieder gelernt, oder Kochrezepte ausprobiert. ›
› In den Räumen sind immer wieder Durchblicke zu finden, die die Neugier der Kinder herausfordern sollen. So gewähren kleine Fenster Sichtbeziehungen vom Gruppenraum 1 über den Flur zum Gruppenraum 2. Der Gruppenraum 1 wurde mit einer Galerie versehen, die Ausblicke auf den benachbarten Speiseraum ermöglicht und zugleich als Rückzugsbereich für die Kinder dient. Eine große Öffnung verbindet den Gruppenraum 1 mit dem Speiseraum, die nach Bedarf durch eine Ziehharmonikatür geschlossen werden kann. Doch gleichzeitig offenbaren die neuen Räume auch Schwächen. Trotz der vergrößerten Fenster wirken sie relativ dunkel. Auch die angestrebten fließenden Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen sind nur bedingt gelungen. Ein Blick auf die benachbarte Straße ist für die Kinder jedenfalls nicht so einfach möglich. Letztendlich sind die neuen Kindergartenräume sicher nicht optimal, doch ohne Kompromisse ist die Umnutzung eines denkmalgeschützten Altbaus eben nicht zu haben. •
  • Bauherr: Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde, Leipzig-Lindenau-Plagwitz Architekt LPH 1+2: Lutz Schilbach, Leipzig Architekt LPH 3–8, Außenanlagenplanung: Graalfs Architekten, Uwe Graalfs, Leipzig Mitarbeiter: Philipp Hesse (Projektleitung LPH 3–4), Sven Packbauer (Projektleitung LPH 5–8) Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Henneker, Leipzig Haustechnikplanung: TZP Leipzig Planungsgesellschaft für Energie- und Versorgungstechnik, Leipzig Bruttogrundfläche: 294 m² BRI: 1296 m³ Bausumme: 436 000 Euro Bauzeit: Dezember 2008 bis Juni 2009
  • Beteiligte Firmen: Wandabdichtung: WEBAC® Chemie GmbH, Barsbüttel, www.webac.de Brandschutz-/Dämmputz: Daussan, Woippy (F), www.webac.de Brandschutz-, Akustikdecken: Saint-Gobain Rigips GmbH, Gelsenkirchen, www.webac.de Blendschutz: Warema Renkhoff GmbH, Marktheidenfeld, www.webac.de Linoleum-Böden: Armstrong DLW AG, Bietigheim-B., www.webac.de Faltwand: DORMA Hüppe Raumtrennsysteme GmbH + Co.KG, Westerstede, www.webac.de Pendelleuchten: BELUX AG, Birsfelden (CH), www.webac.de Stufenbeleuchtung: ROPAG High-Tech, Rodgau, www.webac.de Wandleuchte: Zumtobel AG, Dornbirn (A), www.webac.de Deckenleuchten: RZB Rudolf Zimmermann, Bamberg GmbH, www.webac.de Pollerleuchten: BEGA Gantenbrink-Leuchten KG Deutschland, Menden, www.webac.de Elektroobjekte: Popp / Reitzgruppe, Bad Berneck, www.webac.de Wandfilz: Filzfabrik Wurzen GmbH, www.webac.de Wandfliesen: Villeroy & Boch AG ,Mettlach, www.webac.de Waschrinne Varicor: Spectra, Gaggenau, www.webac.de Badausstattung: HEWI Heinrich Wilke GmbH, Bad Arolsen, www.webac.de Wand- und Deckenfarben: Brillux GmbH & Co. KG, Münster, www.webac.de Schließanlage: ABUS August Bremicker Söhne KG, Wetter, www.webac.de