Katholische Kirche in Dietenhofen

Transluzenz statt Transzendenz

Das Licht spielt im Kirchenbau seit jeher eine wesentliche Rolle. Schon die Glasfenster der Gotik dienten dazu, theologische Inhalte wie mystische Stimmungen zu vermitteln – Licht galt und gilt als Medium des Immateriellen, Glas als ein besonderer Baustoff. Die Ganzglasfassaden von heute haben die Möglichkeiten hier enorm gesteigert: In dieser modernen Kirche auf elliptischem Grundriss taucht man in einen Licht-Raum jenseits der Bilder und Symbole. Nicht nur im Klerus umstritten, zeigt diese freie und zugleich fremde Form aber auch die Ambivalenzen des Baustoffs auf.

  • Architekt: Karl Frey Tragwerksplanung: Sailer Stepan und Partner
  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Christoph Stepan, Carl Lang, Isolar
Egon Eiermanns Berliner Gedächtniskirche (1957-61) habe sich ihm als ein Ort großer innerer Ruhe eingeprägt, gesteht der Architekt Karl Frey, nach Vorbildern befragt. Nicht transzendent, sondern transluzent, lichtdurchflutet, stellte er sich deshalb auch die Kirche vor, die er im mittelfränkischen Marktort Dietenhofen westlich von Nürnberg zu entwerfen hatte. In einem langen Prozess entstand so ein höchst unorthodoxes Gebäude für 125 Gläubige, der erste Kirchenneubau im Bistum Eichstätt seit über 20 Jahren und das erste energieautarke Gotteshaus Deutschlands.
Im traditionell evangelisch geprägten Nürnberger Land waren die rund 800 Dietenhofener Katholiken bislang in einer Notkirche am Ortsrand zusammengekommen. Da die Gemeinde gegen den Trend gewachsen und der Altbau marode geworden war, stellte die Diözese im fernen Eichstätt 1992 einen Neubau in Aussicht. Man erwarb das Gelände einer ehemaligen Fleischerei am westlichen Rand der Altstadt, in Sichtweite der alten evangelischen Kirche, die das Ortsbild prägt. Das Terrain fällt gen Süden um einige Meter zur Landstraße ab, die hier, einer grünen Bachaue folgend, zur Hauptstraße wird. Rückseiten von Gewerbebauten im Norden, ein schmuckes barockes Stadthaus im Osten, das ist der Kontext des Entwurfs.
Auf einer um wenige Stufen abgehobenen Terrasse, einen Riegel aus Nebenräumen im Rücken, platzierte der Baumeister ein Objekt, das rasch als »Silo«, »Seelengarage« oder »Kühlturmarchitektur« angefeindet wurde, noch dazu mit einem »Wassertank auf Stelzen« als Glockenturm. Es ist die abstrakte, konsequent industriell realisierte Kehrseite eines schlüssigen, wegweisenden Innenraumkonzepts: »Draußen lästern die Leut`, drinnen werden sie still«, sagt der Architekt.
Die Crux: Eine Zylinderellipse ist als Kirche nicht »lesbar«. In der Tradition der Moderne als »reine Form unter dem Licht« realisiert, verweigert sie ›
› sich den Bildvorstellungen und soll statt dessen auf das »ganz Andere« verweisen – und dies sichtbar machen: Gerade die Fremdheit des Objekts werde dem historischen Umfeld gerecht, betont sein Erfinder. Außerdem spricht sie auch Menschen an, die mit herkömmlicher Kirchensymbolik nichts zu tun haben wollen.
Schuppenhaut und Waldesdämmern: die zweischichtige Fassade
Ein Kranz aus 24 Stahlstützen umschließt den im Grundriss 16 x 24 m messenden Raum. 10 m hoch, wurden die leiterartig verdoppelten Stützen im Plateau eingespannt, so dass keine diagonale Aussteifung nötig ist. Der Kranz trägt eine ebenfalls stählerne, 50 t schwere Deckenkonstruktion, deren verschweißtes Rippennetzwerk im Innenraum sichtbar ist. Sie ihrerseits trägt zu Speicherzwecken eine ebenso schwere flache Betonplatte, auf der Dämmung und Dichtung angebracht sind.
Die bauphysikalisch wirksame Hülle in der Vertikalen bildet das ortsbildprägende, vom Boden bis zur Dachkante reichende Schuppenkleid aus 384 bedruckten Glaselementen – tatsächlich kennt man solche »blinden« Glaskonstruktionen inzwischen von allerlei Zweckbauten. Hier handelt es sich indes um eine ausgeklügelte Sonderkonstruktion: Die im Siebdruckverfahren vierfach bedruckten ebenen Scheiben (insgesamt 550 m²) verdecken die Stahlkonstruktion komplett. Eine Scheibe reicht jeweils von Stütze zu Stütze, was den Ellipsenzylinder zu einem 24-kantigen Polygon-Körper macht. Nach Art von Gewächshäusern überlappen die Scheiben einander in der Vertikalen wie Schuppen. Jedes Glaselement besteht aus zwei Scheiben heißgelagertem Einscheibensicherheitsglas (ESG-H). Dabei ist die äußere – äußerlich für »die Lebendigkeit der Reflexion« (Architekt) quer geriffelte – innen ätzweiß bedruckte Scheibe 8 mm dick; die hinter 16 mm gasgefülltem Scheibenzwischenraum folgende Innenscheibe ist klar und 6 mm dick. Mit einem U-Wert von 1, 1 und einem g-Wert von 27 ist die Konstruktion thermisch wirksam. Sichtbar gefasst werden die Scheiben von seitlichen Pressleisten aus Alu, die wiederum über Stahlpfosten und -riegel auf angeschweißte Stege der Stahlkonstruktion geschraubt sind. Untereinander dichten elastische Gummistreifen das Schuppenkleid ab. Einzelne Scheiben in der untersten und zweitobersten der 12 Lagen der Fassade sind quergeteilt und mittels Scharnieren klappbar, um eine Hinterlüftung der Konstruktion zu gewährleisten. Sobald die Temperatur einen bestimmten, frei regelbaren Wert überschreitet, öffnen sich diese Klappen, um die Warmluft aus dem Zwischenraum der Fassade abziehen zu lassen. Dies also ist die kühle, die kantig-kristallene Schicht der Fassade, die sich der Architekt gern noch differenzierter gewünscht hätte. Tatsächlich hätte eine noch feinere Stückelung des Schuppenkleids wohl eine homogenere, fremdartigere Wirkung entfalten können. Und die in der dritten Lage integrierte »Kunst am Bau«, ein Kreuzweg, bleibt schlicht unverständlich: Die veränderte Siebdruckstruktur wirkt, als sei das Glas hier provisorisch mit Zeitungen abgeklebt worden.
288 einfache Glasscheiben bilden die innere Schale der Fassade. Sie wurden im Gegensatz zur äußeren Haut nicht industriell, sondern von Hand bearbeitet: Sichtbar ungleichmäßig ziehen sich schwarze Streifen quer über die Fläche, die, nach der Bemalung sandgestrahlt, völlig matt wirkt. Auch diese Schale ist schuppenartig leicht geneigt montiert, doch lassen ein paar fingerbreit Abstand Luft und Geräusche hindurch dringen. Die braun lackierte Konstruktion ist hier sichtbar.
Die Stimmung eines Walddickichts in der Abenddämmerung schwebte dem Architekten vor, als er diese Schicht entwarf. Tatsächlich lässt die Glasfassade die wechselnden himmlischen Lichtstimmungen wundersam gefiltert und gedämpft herein. Akzentuiert durch farbige Streifen mundgeblasenen Glases an den Scheitelpunkten der Ellipse, entsteht ein ätherisches Panoptikum, das tatsächlich – wie im Vorbild Wald – naturreligiöse Züge ›
› trägt. Leider dringen auch die Geräusche der Außenwelt störend herein, zumal bei geöffneten Lüftungsklappen. Keine »feste Burg«, eine dünne Membran umgibt schließlich den Raum. Der enorme Nachhall in dieser harten Höhle mag Kirchenmusiker beflügeln, das gesprochene Wort machte er so gut wie unmöglich. Erst eine Lautsprecheranlage schuf Abhilfe. Bauphysikalisch erfüllt die gläserne Hülle ansonsten weitgehend ihren Zweck. Sechs Erdsonden, deren Pumpen von der Photovoltaikanlage auf dem Dach gespeist werden, sorgen sommers via Lüftungsanlage für etwas Kühlung im aufgeheizten Rund (zur Messe müssen die Lüftungsklappen der Außenhaut aus akustischen Gründen geschlossen werden), im Winter wärmen sie den Raum über eine Fußbodenheizung auf maximal 18 Grad. Die Gemeinde trägt es mit Fassung – dienten doch »Rundhütten und Zelte« dem mittlerweile viel besichtigten Bau als Vorbild.
Offen für Interpretationen: der Innenraum
Mögen Akustik, Temperatur oder auch das Gestühl des Kirchenraums nicht immer angenehm sein, optisch hat Frey in seinem ersten und letzten Gotteshaus für die Diözese – er ging vor Kurzem in Ruhestand – tatsächlich die angestrebte »große innere Ruhe« erreicht: Wenn der Baumeister den Raum als eine »Umarmung« empfindet, lässt sich das durchaus nachvollziehen. Indes drängt sich das Kirchliche, Institutionelle dabei nicht in den Vordergrund. Da die liturgischen Regeln und Bezüge frei interpretiert wurden, etwa durch den allenthalben waltenden Modul 12 cm, die Konnotation der Farben oder den auf wenige Worte reduzierten Kreuzweg, ist der Einzelne frei, zu assoziieren, zu denken, zu fühlen. Und in einer so abstrakten Kirche »ohne Heiligenkitsch und Barocknippes« (Beitrag im Online-Forum kreuz.de) entfaltet dann gar eine einzelne konkrete Marienfigur ihre besondere Wirkung. •
  • Adresse: Herrenstraße 15, 90599 Dietenhofen Bauherr: Diözese Eichstätt; Katholische Kirchenstiftung St. Bonifatius, Dietenhofen Architekten: Karl Frey, Diözesan- und Universitätsbaumeister, Eichstätt mit Richard Breitenhuber, Robert Fürsich Tragwerksplanung: Sailer Stepan und Partner, München Liturgische Konzeption: Bischofsvikar Georg Härteis und Pfarrer Sturmius Wagner Gestaltung der inneren Glashülle: Godi Hirschi, Root, Lukas Hirschi, Kleinwangen Gestaltung der Kreuzwegstationen: Rudolf Ackermann, Eichstätt Fassadenplaner: R+R Fuchs, München Haustechnikplanung: Hausladen, Kirchheim Heizung-Sanitär, Bauleitung: Karl Kluge, Eichstätt Elektrotechnik: Walter Bamberger, Pfünz Akustikplanung: Müller-BBM, Planegg bei München BGF: 335 m² BRI: 3 800 m³ Baukosten inkl. Außenanlagen und Sakristei: 3,5 Mio. Euro Bauzeit: Oktober 2006 bis Juli 2009
  • Beteiligte Firmen: Metallbau: Guttendörfer, Ansbach, www.guttendoerfer.de Glasfassade: ISOLAR, Kirchberg, www.guttendoerfer.de Glashersteller: Glaswerke Arnold, Merkendorf, www.guttendoerfer.de Glassiebdruck: Cristalux, Kirchberg, www.guttendoerfer.de Glasbeschichtung: arcon, Feuchtwangen, www.guttendoerfer.de Glashülle innen: Mayer’sche Hofkunstanstalt, München, www.guttendoerfer.de Altar, Steinboden und Taufbecken: Balz Max, Jura Marmorwerke, Marmorbrüche, Pappenheim, www.guttendoerfer.de
A Kirche
B Sakristei
  • 1 Tabernakel
  • 2 Altar
  • 3 Ambo
  • 4 Taufbecken
  • 5 Osterkerze

Dietenhofen (S. 40)

Karl Frey 1943 geboren. 1967-70 Studium an der FH Nürnberg, Hochbau-Ingenieur. 1970-74 Mitarbeit im Architekturbüro. 1974-77 Architekturstudium an der TU München. 1978-80 städtebauliches Aufbaustudium, Ernennung zum Regierungsbaumeister. 1980-84 freiberufliche Tätigkeit. 1984-89 Stadtbaumeister der Stadt Eichstätt, seit 1989 Diözesan- und Universitätsbaumeister. 1989-2010 Lehraufträge an Fachhochschulen und Universitäten.
Christoph Gunßer 1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989 – 92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Uni Hannover. 1992 – 97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig, zahlreiche Buchveröffentlichungen.