Sternwarte in Northumberland (UK)

SternenGucker

Ebenso ungewöhnlich wie die kastige Form des »Kielder Observatory« für eine Sternwarte ist, erscheint auf den ersten Blick die Wahl seines Konstruktionsmaterials. Doch beides erschließt sich bei genauerem Hinschauen nicht als strenger Formalismus, sondern als präzise Antwort auf eine Vielzahl komplexer technischer, konstruktiver, ökologischer und auch wirtschaftlicher Fragen – ein vielschichtiges Projekt, dessen Baumaterial sowohl mit dem Ort als auch mit selbstgebastelten Observatorien von Hobbyastronomen korrespondiert.

  • Architekten: Charles Barcley Architects Tragwerksplanung: Michael Hadi Associates
  • Kritik: Matthias Castorph Fotos: Charles Barcley Architects
Das »Kielder Observatory« findet sich im englischen Northumberland, nahe der schottischen Grenze. Es ist eine entlegene Region, die offensichtlich nur aus hügeliger Natur und Schafen besteht. Geprägt von den bewaldeten Hügeln und dem »Kielder Water« erscheint sie auf den ersten Blick urwüchsig – doch bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass die Wälder von Menschen gepflanzte Fichtenmonokulturen sind und der See, der das Wasser der Tyne aufstaut, der größte Stausee Englands ist. Wald und See wurden für die Schwerindustrie und den Bergbau angelegt, die aber nun keine wirtschaftliche Rolle für die Region mehr spielen. Daher wurde in den vergangenen Jahren versucht, touristische Anziehungspunkte für Wanderer und Biker als Kompensation zu entwickeln. So ist die Sternwarte in ein »arts and architecture programme« eingebunden, in dem ansonsten Minimalarchitekturen wie z. B. elaborierte Unterstände für Wanderer als architektonische Einraumobjekte die Umgebung dekorieren. ›
Seit 2000 gibt es in der Nähe ein »Skyspace« des amerikanischen Künstlers James Turrell, in dem sich Wolken und Himmel durch eine runde Deckenöffnung künstlerisch überhöht und konzentriert beobachten lassen. So erscheint es passend, wenn am selben Waldweg gelegen und nur in Blickweite entfernt auch der Sternenhimmel beobachtet wird. Doch nicht nur wegen dieser inhaltlichen Verknüpfung ist der Ort ideal. Denn in der Ab- geschiedenheit gibt es kaum Luftverschmutzung und Streulicht, so dass am dunkelsten Fleck Englands ideale Voraussetzungen für die Beobachtung des Nachthimmels existieren. Hier kann sowohl der Hobbyastronom das Universum beobachten als auch professionell geforscht werden. Zudem wurde mit den Astronomen eine weitere Zielgruppe für die »Aktivierung der Region« erschlossen.
Schachtel statt Kuppel
Nähert man sich dem »Kielder Observatory«, erkennt man von Weitem einen langgestreckten, skulpturalen Baukörper, der in eine warmgraue, bereits leicht verwitterte Holzschalung gehüllt ist und in seiner zeichen- haften Silhouette den Linien der Landschaft folgt. Er löst sich mit seinen Stützen leicht vom Hang ab, dem er jedoch noch in seiner Grundform durch eine Abschrägung der Unterseite folgt. Eine mittlere, horizontal verschalte Zone betont die lineare Figur, aus der zwei orthogonale Körper herauszuwachsen scheinen.
Nichts erinnert tagsüber an eine Sternwarte, wie wir sie als relativ durchgängigen Bautyp kennen. Denn bei diesen sind üblicherweise auf massiven Bauten, vorzugsweise möglichst hohen Gebäuden oder Türmen, leichte, drehbare Kuppeln über den Teleskopen errichtet, die sich zur Beobachtung – meist durch Auseinanderschieben der Kugelhälften – öffnen lassen und so einen ungehinderten Blick in den nächtlichen Sternenhimmel ermöglichen.
Hier kann man die Funktion erst im Betrieb erkennen, wenn sich die zwei Aufbauten, die jeweils die Teleskope beinhalten, aus der fassadenbündigen Ruheposition seitlich verdrehen, aufklappen, die Sicht freigeben und so als würfelförmige Beobachtungsschachteln die Funktion der sonst üblichen Teleskop-Kuppeln übernehmen. Die atypische und formal gewollt wirkende Anordnung der Drehtürme hat einen pragmatischen Hintergrund: Da die Räume der zwei Teleskope hintereinander aufgebaut sind, sitzt der Vordere – ähnlich einem Kinogestühl – tiefer, um dem Hinteren die Sicht auch bei einem minimalen Beobachtungswinkel von 5 ° nicht zu verdecken.
Ein abfallender Steg verbindet die beiden Aufbauten, zwischen denen eine horizontale Terrasse liegt. Sie dient Wanderern als Aussichtsplattform und nachts den Hobbyastronomen zum Aufstellen eigener Teleskope. In der Fuge zwischen dem vorderen Aufbau und der Terrasse liegt eine stählerne Fluchttreppe, die direkt auf das darunter liegende Gelände führt. Wenn das Observatorium in Betrieb ist – ein Verein organisiert regelmäßig Veranstaltungen und Events wie z. B. das alle zwei Jahre stattfindende »Star Camp«, zu dem europaweit Enthusiasten quasi ans Ende der Welt pilgern –, gelangt man von der Rampe direkt in den Raum an der Spitze der Plattform. Dort schlängelt sich der Weg bis zum Umgang des Teleskops, von wo aus man durch das Okular in den Himmel blicken kann.
Für die astronomischen Veranstaltungen gibt es aber auch noch einen weiteren Raum, der direkt von der Eingangsrampe zugänglich ist. Von dort wird das zweite Teleskop ferngesteuert und es gibt genug Platz, um in der Gruppe die Beobachtungen gemeinsam zu diskutieren. Ein mit Holz befeuerter Ofen und eine Teeküche sowie eine Komposttoilette ermöglichen einen längeren Aufenthalt für die Astronomen. ›
› Die Drehung der Türme erfolgt archaisch mit Handkurbeln, während sich die Klappen und Schiebeöffnungen über Elektroantriebe öffnen lassen. Für die autarke Energieversorgung der Computer, Teleskope und der Beleuchtung sorgen sowohl ein Windrad mit 2,5 kW, das einige Meter entfernt positioniert ist, sowie Photovoltaik-Elemente, die in das Dach über dem Aufenthaltsraum integriert sind und die Energie in Akkus auf Vorrat speichern.
»Low-tech« für die Hobbyastronomen
Das ganze Gebäude ist fast vollständig aus farblich unbehandeltem Holz errichtet. Nur die Anschlusspunkte der Stützen und die Auflager der Drehtürme sowie die vom Gebäude konstruktiv getrennten Teleskop-Fundamente sind aus Stahl gefertigt. Die massiven Stützen aus Douglasie (250 x 250 mm) stehen mit Stahlschuhen auf den Betonfundamenten und sind mit Stahl-stäben überkreuz ausgesteift. Die auskragenden Douglasiebalken (300 x 125 mm) sind als Zangen an ihnen befestigt. Die Bodenkonstruktion bestimmen hochformatige Holzbalken (250 x 50 mm). Die Aufbauten sind Pfosten- Riegel-Konstruktionen, die an der Decke als Rost sichtbar bleiben und an den Innenwänden mit Birkensperrholz bekleidet sind. Als Außenhaut wurde eine Schalung aus sibirischer Lärche verwendet, die als langsam wachsendes Holz Langlebigkeit und mechanische Widerstandsfähigkeit verspricht. Fein gemachte Details wie z. B. Wasserspeier als kleine Skulpturen an der Fassade oder Leisten in den Fugen der Holzschalung, die eine glatte Fläche für die Pinnwand bilden, runden das Bild ab. Durch die einfache Konstruktion und die Materialwahl konnten die Baukosten von angegebenen 450 000 Pfund gering gehalten werden, ohne den besonderen architektonischen Anspruch aufzugeben.
Charles Barclay Architects, die als Londoner Büro den Wettbewerb mit 230 Teilnehmern für sich entscheiden konnten, hatten sich von Beginn an auf Holz als Konstruktionsmaterial festgelegt – nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen, sondern auch wegen seiner speziellen Eigenschaft, dass es Wärme nicht speichert und so keine nächtliche Wärmeabstrahlung die Beobachtungen stören könnte. Aber besonders wichtig war, Holz als Bedeutungsträger einzusetzen.
So gab es zum einen die Überlegung, das Holz direkt im umliegenden Kielder Forest zu schlagen (was sich jedoch mit der dort angebauten, schnellwachsenden Sitka Fichte und deren mangelnder statischer Belastbarkeit und ungenügender Dauerhaftigkeit nicht realisieren ließ). Zum anderen wollten sie den formalen Bezug als Referenz zu den »pitheads«, den Schachtöffnungen der ehemaligen Kohleminen und den Holzkonstruktionen der Eisenbahnbrücken im weiteren Umkreis schaffen. Und ganz wesentlich kam dazu, dass eine »low-tech«-Ästhetik mit dem vorgebenen »low-cost«-Anspruch der Zielgruppe der Hobbyastronomen korrespondieren sollte. Man benutzte also ein Material, das bei Eigenbau-Observatorien gerne verwendet wird, wenn Gartenlauben aus dem Baumarkt mit Schiebedächern »getunt« werden.
So erklärt sich die anfängliche Irritation über eine hölzerne Sternwarte. Und generell erstaunt es, wie es bei diesem Gebäude gelingt, die vielen Interessen und Anforderungen mit finanziell bescheidenen Mitteln in eine architektonisch sinnfällige Form zu bringen.
Denn in der Summe ist das »Kielder Observatory« eine Landmarke und touristische Attraktion, das sowohl dem wissenschaftlichen Anspruch als auch dem allgemeinen Bildungsauftrag genügt. Dabei ist es unverwechselbar und innovativ, für aktive Events und ruhige Stunden geeignet und auch noch ökologisch korrekt. Ein besonderes, vielschichtiges Objekt, das sich jedoch erst vor Ort und nachts vollständig erschließt. Immer dann, wenn sich die klare und disziplinierte Tagform des Gebäudes unter dem Sternenhimmel in ein bewegtes, aufgelöstes Gebilde transformiert …•
Bauherr: Kielder Partnership Architekten: Charles Barcley Architects, London Mitarbeiter: Charles Barcley, Francesco Pierazzi, Simon Pepper, Samuel McDermott, Antonia D‘ Andria, Noam Oppenheimer Tragwerksplanung: Michael Hadi Associates, London Kostenplanung: Burke Hunter Adams Ltd, London Astronomische Beratung: Charlie Barclay (Director Blackett Observatory) Generalunternehmer: Stephen Mersh NNF: 250 m2 BRI: 1 470 m3 Freiflächen: 141 m2 Baukosten: 650 000 Euro Wettbewerb: 2005 Bauzeit: 2007-08