Besucherhof der Abtei Averbode in Scherpenheuvel-Zichem (B)

Ruhe und Reflexion

Der Besucherhof – die Schnittstelle zwischen Alltag und Klosterleben – der Abtei Averbode erfuhr 2012 eine angemessene Umgestaltung. Dort, wo zuvor ein Parkplatz die Besucher empfing und den Eindruck des historischen Orts schmälerte, hat das Büro OMGEVING mit seiner sensiblen Platzgestaltung einen Ort der Kontemplation geschaffen.

  • Architekten: OMGEVING
  • Kritik: Caroline Helmenstein Fotos: Pol De Wilde
Von Nordosten kommend, weist der Glockenturm der Abteikirche schon von Weitem den Weg zur Klosteranlage Averbode, einer in der belgischen Provinz Flämisch-Brabant gelegenen Prämonstratenser-Abtei mit Ursprüngen bis ins 12. Jahrhundert. In der Abtei, die außerdem ein Besinnungszentrum und ein Gästehaus unterhält, leben und arbeiten derzeit 41 Ordensbrüder.
Durch das dreigeschossige, aus dem 14. Jahrhundert stammende gotische Torhaus, das älteste erhaltene Gebäude der Abtei, betritt man den neu gestalteten Besucherhof von Süden. Zusammen mit den beiden flankierenden Gebäuden aus dem 17. Jahrhundert schirmt es den Ort des Ankommens von der angrenzenden Straße ab. Das Haus des Abts – zweigeschossig und breitgelagert, mit gegiebeltem Mittelrisalit und hohem Krüppelwalmdach – fasst den Vorplatz im Norden. Während sich im Westen zwischen den Baufluchten die Abteimauer aufspannt, nimmt die eindrucksvolle Barockfassade der 1672 geweihten Klosterkirche die vierte Seite des Platzes ein. Rechts der Kirche vervollständigt schließlich ein niedriges Gebäude, in dem ein Buchladen untergebracht ist, mit seinen fünf Arkadenbögen die Platzkanten.
Erst auf den zweiten Blick wird man der sensiblen neuen Platzgestaltung gewahr, für die sich die Abteileitung 2010 nach reiflicher Abwägung entschied: Statt einer Sanierung des vormalig als Parkplatz genutzten Empfangshofs mit seiner Pflasterung aus den 70er Jahren, sollte eine Neuplanung den Gesamteindruck des Vorplatzes aufwerten. Mit den beauftragten Planern von OMGEVING aus Antwerpen, die sich damals in einer Studie mit der näheren Umgebung der Abtei befassten, fiel die Wahl auf ein interdisziplinäres Büro, in dem Architekten, Landschaftsarchitekten und Raumplaner bei der Entwicklung schlüssiger Konzepte für gemeinsame Projekte vielfältige Kenntnisse und Betrachtungsebenen einbringen können.
Ästhetik und Vernunft
Das Herzstück der neuen Außenanlagen des Besucherhofs ist ein quadratisches, ca. 30 x 30 m großes und nur wenige Zentimeter tiefes Wasserbassin, dessen »Ecken« viertelkreisförmig abgerundet sind. Seine Lage und Ausrichtung betonen dabei die Mittelachse der Kirchenfassade. Bei der Umrundung des Bassins wandert der Blick über die den Hof umgebenden Gebäude. Das Erleben dieses Raums erfährt eine weitere Steigerung, wenn bei Windstille das Wasserbecken – gleich einem Spiegel – die historischen Fassaden doppelt. Dieses Schauspiel zwischen Wirklichkeit und Widerschein ist in den Wintermonaten (bis kurz vor Ostern) leider nicht zu beobachten, da zur Vermeidung von Frostschäden das Wasser des Beckens abgelassen wird. Auch im Sommer kann das Becken innerhalb weniger Stunden entleert werden, um das Areal als Veranstaltungsfläche zu nutzen.
Für den Betrieb des »Wasserspiegels« entwickelten die Planer von OMGEVING eine günstige und umweltfreundliche Lösung: Das auf den versiegelten Flächen anfallende Niederschlagswasser wird in vier unter einer Rasenfläche ›
› eingelassenen Speichern gesammelt. Eine Anlage zur Wasseraufbereitung in den Kellerräumen des Abtshauses, die zukünftig auf ein chlorfreies ökologisches Entkeimungsverfahren mittels UV-Licht umgestellt werden soll, pumpt das Wasser wieder nach oben.
Zurückhaltung und Klarheit
Die Ordnung der gesamten Außenanlage fügt sich in das Ensemble der denkmalgeschützten Gebäude ein. So sind in der südlichen Platzhälfte drei Grünflächen angeordnet, deren Begrenzungen ausgewählten Gebäudekanten folgen. Auf diese Weise öffnet sich der Platz hinter dem Torhaus zunächst trapezförmig bis er in die Wegfläche um das Wasserbecken übergeht – eine einladende Geste, die die Besucher geradezu auf das Gelände zieht.
Auch die Farbtöne und Oberflächenqualitäten der gewählten Materialien sind denen des Bestands entlehnt. Auf dem größten Teil der befestigten Flächen, die nunmehr den Fußgängern vorbehalten sind, kamen Pflastersteine aus hellgrauem portugiesischem Granit, in fächerförmigem Muster verlegt, zum Einsatz. Mit dunkelgrauem Basalt belegte Bereiche, wie z. B. die Zwickelflächen zwischen den Kreuzarmen der Klosterkirche, heben sich von dieser Fläche ab und werden geometrisch gefasst. Um eine Stufe angehoben, wirken sie wie ein niedriger Sockel – ein Podest, auf dem die Kirche sich erhebt.
Außer der Kirche, zu der eine kleine Rampe hinaufführt, sind die angrenzenden Gebäude ohne Stufen und behindernde Schwellen zugänglich. Nachts werden sie durch ins Pflaster eingelassene lineare LED-Leuchten illuminiert, die auch als Wegbeleuchtung dienen. Die neun verbliebenen Stellplätze westlich des Torhauses, die sich ebenfalls durch dunkles Basaltpflaster auszeichnen, dienen als Behinderten- und Mitarbeiterparkplätze und sind durch eine Strauchbepflanzung aus dem Blickfeld der Besucher verbannt.
Entlang der Abteimauer aus dem 18. Jahrhundert, die den Vorplatz nach Westen begrenzt, erheben sich fünf ebenso alte Lindenbäume. Sie wurden erhalten und um wirkungsvoll platzierte neue Bäume ergänzt: Zwei Silber-Linden flankieren die Kirchenfassade, drei Säulen-Gleditschien beleben als kleine Baumgruppe die Grünfläche vor dem Buchladen. ›
Herkunft und Zukunft
Erst bei genauem Hinsehen sind auch Details zu entdecken, die einen ganz konkreten Bezug zur Abtei und zum Prämonstratenser-Orden herstellen. So sind z. B. in die Ansichtskanten der Podeste seitlich der Kirchenfassade die Worte eingraviert, mit denen Augustinus in seiner Ordensregel – Grundlage des Zusammenlebens der Prämonstratenser – das Grundideal der Gemeinschaft formulierte: »Één van hart en één van ziel op weg naar god« (Ein Herz und eine Seele auf Gott hin sein).
Die Vorliebe der Gestalter für einfache aber ausgefeilte Details schlägt sich auch in der Gestaltung der Außenmöblierung nieder. Für den Besucherhof der Abtei wurden auf das Wesentliche reduzierte Elemente entworfen, die neben Sitzgelegenheiten auch ein eigens entwickeltes Beschilderungssystem umfassen. In Anlehnung an die Farbigkeit der umgebenden Gebäude – das Torhaus wurde aus dem regionaltypischen rostbraunen Sandstein errichtet, der einen hohen Anteil an Eisenerz aufweist – wurde u. a. schwarzbrauner pulverbeschichteter Stahl mit rauer Oberfläche verwendet. Die Lärchenholzbohlen der Sitzbänke werden mit der Zeit durch Witterungseinflüsse vergrauen und sich somit ebenfalls den Farben der steinernen Umgebung annähern.
Vom ersten Konzept bis zur Fertigstellung wurde das Projekt in weniger als zwei Jahren verwirklicht, da bereits der erste vorgelegte Entwurf sowohl den Vorstellungen des Bauherrn als auch den Vorgaben des Denkmalamts entsprach. Im Sommer 2012 wurde der Besucherhof der Abtei Averbode der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht und wird seitdem den Anforderungen als Schnittstelle und Begegnungsstätte zwischen Klausur und Öffentlichkeit mehr als gerecht.
OMGEVING hat den Geist des Orts und die Haltung der Bauherren offensichtlich so gut erfasst und verinnerlicht, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit ihre Fortsetzung findet: Vier Büros wurden eingeladen, einen Entwurf zur Restaurierung und Umnutzung einiger Wirtschaftsgebäude des Klosters zu verfassen, und trotz anonymer Begutachtung konnte erneut der Entwurf von OMGEVING überzeugen. •
  • Standort: Abdijstraat 1, B-3271 Scherpenheuvel-Zichem Bauherr: Abtei Averbode Landschaftsarchitekten: OMGEVING, Antwerpen Projektteam: Peter Seynaeve, Tompy Hoedelmans, Koen Moelants, Luc Wallays, Evi Lefevere Lichtplanung: OMGEVING mit Philips Lighting Gesamtfläche: 5 000 m² Bauzeit: September 2010 bis Mai 2012 Baukosten: keine Angabe Auszeichnung: Prijs Publieke Ruimte 2013 (Best Public Space Award 2013, Belgium)
  • Beteiligte Firmen: Bauunternehmen: Stratica, Leopoldsburg, www.stratica.be Wassertechnik: Automatic Spraying Systems, Alken, www.automaticspraying.be Bordsteine und Kleinpflaster, Granit: Van Camp Natuursteen, Broechem, www.vancamp.be Granitplatten Wasserbecken: SD Natuursteen, Temse, www.sd-natuursteen.be LED-Beleuchtungselemente: eW Graze Powercore, Philips, Hamburg, www.ecat.lighting.philips.de
  • 1 Vorplatz 2 Torgebäude 3 Stellplätze 4 Wasserbecken 5 Prälatur 6 Kirche 7 Buchhandlung
  • 1 Bodenaufbau trocken:
Granit-Pflaster im Segmentbogenverband, 120 mm
Mörtelbett, 50 mm
Kiesschicht, 200 mm
Geotextil
Sandbett, 200 mm
Erdreich
  • 2 Linienentwässerung, Rinne auf Magerbeton-Fundament
  • 3 Edelstahlband, gebürstet, 5 mm
  • 4 Wasseroberfläche
  • 5 Bodenaufbau nass:
Granitplatten, 80 mm
Mörtelbett, 10 mm
Stahlbeton, 180 mm
Sandbett, 200 mm
Geotextil
Erdreich
  • 6 Zu- und Ablauf als Rinne aus gefaltetem Edelstahlblech, gebürstet, 5 mm
  • 7 Wasseroberfläche
  • 8 Verlegemuster durchgehend, Granitplatten entlang der Rinne zurückgeschnitten

Scherpenheuvel-Zichem (B) (S. 50)

OMGEVING
Multidisziplinäres Team aus gut 50 Landschaftsarchitekten, Ingenieuren, Stadtplanern, Architekten und Umweltplanern mit Sitz in Antwerpen (B).
Caroline Helmenstein
1981 geboren. Architekturstudium an der RWTH Aachen, 2007 Diplom. 2008-13 Lehr- und Forschungstätigkeit als Wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Baugeschichte der RWTH Aachen. Seit 2014 Wiss. Mitarbeit an der Forschungsstelle Baugeschichte und Denkmalpflege. Laufendes Dissertationsprojekt zum Thema »Holzgesimse der Renaissance in Italien und Spanien«.