»Keret-Haus« in Warschau (PL)

Plädoyer fürs Zweidimensionale

Ein schmaler Spalt zwischen zwei Häusern, von 92 bis 152 cm breit, schien gerade recht als Wohnort für den Autor Etgar Keret, dessen Werke das Format von Kurzgeschichten selten übersteigen. Das ungewöhnliche Artist-in-Residence-Refugium zeigt, wie selbst extrem schmalen Resträumen Aufenthaltsqualitäten entlockt werden können. Es bringt Bewohner und Besucher dazu, sich Gedanken über Ressourcennutzuung, menschenwürdiges Wohnen, vielleicht aber auch über die Grenzen der Durchökonomisierung des Privatlebens zu machen.

  • Architekten: Jakub Szczesny / Centrala Tragwerksplanung: Sławomir Pucek, Ryszard Nalepski
  • Kritik: Wojciech Czaja Fotos: Bartek Warzecha
Klaustrophob sollte man nicht sein. Das Keret-Haus, ein Hybrid aus Kunstinstallation und Architektur, befindet sich mitten im Warschauer Zentrum, eingeklemmt zwischen einem Wohnhaus aus den 20er und einem Plattenbau aus den 60er Jahren. Die meisten Menschen laufen an der wie mit Amalgam gefüllten Häuserlücke im ehemaligen jüdischen Ghetto unbeeindruckt vorbei, halten das nur ungefähr einen Meter breite Edelstahlgebilde bestenfalls für die Unterkonstruktion einer Plakatwand, gewiss aber nicht für die Straßenfassade eines Hauses, das temporären Platz für Schriftsteller, Einsamkeitssuchende und »Artists in Residence« bietet. »Diese urbane Situation ist typisch für Warschau«, sagt der Architekt Jakub Szczesny, Mitglied des Warschauer Künstlerkollektivs Centrala. »Die meisten Häuser sind planlos hingestellt, produzieren Unorte und ignorieren sämtliche städtebaulichen Konsequenzen. Doch ich wollte den Menschen zeigen, dass man selbst einem jahrzehntelang vergessenen Ort noch Sinn und Funktion geben kann.« In die Baulücke, die an ihrer schmalsten Stelle nur 91, an ihrer breitesten 151 cm misst, stellte Szczesny ein frei stehendes Wohnhaus mit Wohnzimmer, Küche, Essplatz, Badezimmer, Bett und Arbeitsgalerie hinein. Die Innenbreite der Räume variiert zwischen 71 und maximal 121 cm. Die Wohnnutzfläche beträgt rund 16 m².
Und obwohl das Gebäude als Wohnhaus fast voll funktionstüchtig ist (freilich, wird man in der Küche kaum mehrgängige Menüs zubereiten können, und im Bad bietet es sich an, zum Duschen auf der Toilette Platz zu nehmen), handelt es sich baurechtlich doch um ein für die Dauer von zwei Jahren bewilligtes Kunstwerk. Aufgrund der engen Dimensionen und des reduzierten Brandschutzes ist der Aufenthalt offiziell auf maximal vier Stunden beschränkt. Da vierstündige Nächte der Erholung nicht besonders zuträglich sind, sehen die Behörden die Sache in der Praxis glücklicherweise gelassener als in der Theorie. ›
Selbstversuch
Vier Stunden. Also los. Alarmanlage ausschalten. Hoftor auf. Im Gegensatz zu herkömmlichen Häusern betritt man das aufgeständerte Keret-Haus nicht von der Seite, sondern von unterhalb über eine schmale Freitreppe à la Amsterdam und eine in die Bodenkonstruktion integrierte Tür, die im geschlossenen Zustand Teil des Fußbodens ist und dem Wohnzimmer zwei wertvolle Quadratmeter zurückgibt. Der Öffnungsmechanismus wird hydraulisch unterstützt. Stilsicher hängt im Eingangsbereich Charles & Ray Eames‘ Wandgarderobe »Hang it all«. Dicke Daunenjacken sollte man sofort ausziehen. Sie reduzieren die lichte Hausbreite um gefühlte 50 %.
»Kommen Sie! Machen Sie es sich bequem!« Jakub Szczesny, einer dieser 40-jährigen Intellektuellen mit Vollholzbrille und Vollbart, kommandiert mich in den Sitzsack ans Ende des Hauses. »Da, nehmen Sie Platz!« Und ich bereue es nicht. Denn im Sitzen offenbart sich plötzlich die gesamte Trickkiste dieses Projekts, die dafür sorgt, dass die Schmalspurarchitektur niemals eng und klaustrophobisch wirkt, sondern stets luftig und hell. Der dreieckige Längsschnitt des Hauses ermöglicht horizontalen und vertikalen Weitblick. In beide Richtungen sieht man etwa 10 m weit. Und aus dem Fatboy, der punktgenau im Kniestock unter der transluzenten Dachschräge platziert ist, wandert das Auge unter 45 ° Dachneigung mehr als 14 m nach oben.
»Ich muss zugeben: Als ich das Projekt vor einigen Jahren konzipiert habe, hatte ich schlaflose Nächte, denn die Enge des Hauses und die zu befürchtende Klaustrophobie machten mir zu schaffen«, erklärt Szczesny. »Meine Ängste haben sich als haltlos herausgestellt. Das Haus mag zwar in der x-Achse eingeschränkt sein, doch dafür ist das Platzangebot in der y- und z-Achse umso feudaler. Aus diesem Grund fühlen sich die meisten Besucher auf Anhieb wohl.«
Und davon gab es jede Menge. 5 000 Schaulustige wanderten bereits über die beiden Wohnebenen, die mit einer vertikalen Stahlleiter miteinander verbunden sind. Hinzu kommt eine Handvoll Künstler, Journalisten und Fotografen, die das Objekt bereits für einige Tage oder Wochen bewohnen durften, sowie der namensgebende israelische Schriftsteller Etgar Keret, für den und um den herum das Haus ursprünglich geplant war. Aufgrund der hohen Abnutzung – an manchen Tagen stehen die Leute stundenlang Schlange, um eine kleine Tour machen zu können – muss das Keret-Haus demnächst für kurze Zeit geschlossen und oberflächlich saniert werden. Das ist der Fluch des Erfolgs.
Am Grundprinzip der futuristischen Einsiedelei, in der man sich bisweilen in einer schwerelosen Raumkapsel wähnt, wird das nichts ändern: Stahlbau, Wandpaneele aus 6 cm dicken Nanofoam-Stahl-Verbundplatten, einfache Elektroradiatoren für die besonders kalten Tage, die in Warschau weit ins Minus ausschlagen können. Und über allem liegt dieses warme, diffuse Sonnenlicht, das beidseitig durch die 2 cm dicken Vierkammern-Polycarbonat-Stegplatten ins Haus dringt.
»Ich bin sehr glücklich mit diesem Projekt«, meint Szczesny, »v. a., wenn man bedenkt, dass die meisten sich nicht vorstellen konnten, dass ich es mit diesem Haus ernst meine. Wir wurden zum Teil aufs Wüsteste beschimpft. Doch es hat funktioniert.« Zu verdanken ist das nicht zuletzt der Gemeinde Warschau, dem Institut für Zeitgenössische Kunst sowie zahlreichen Sponsoren, die sich an der Finanzierung des Bauvorhabens beteiligt haben. Als Nächstes hat sich übrigens ein italienischer Autor angemeldet, der das Haus als Inspirationsquelle nutzen will. Er schreibt an einem Buch über die kleinsten Orte der Welt. •
Eine Nacht in der innerstädtischen Abgeschiedenheit kostet rund 85 Euro. www.domkereta.pl
Standort: Zelazna 74, PL-00–806 Warschau Bauherr: Fundacja Polskiej Sztuki Nowoczesnej, Warschau Architekten: Centrala, Warschau Mitarbeiter: Jakub Szczesny, Ryszard Szczesny, Tomasz Gancarczyk Kuratoren: Sarmen Beglarian, Sylwia Szymaniak Produktionsleitung: Joanna Trytek, Black Salt Production Tragwerksplanung: Sławomir Pucek, Ryszard Nalepski, Warschau Elektroplanung: TEMA, Warschau Hydraulik: Artur Kolanowski Bebaute Fläche: 11 m² Nutzfläche: 14 m² BRI: 40 m³ Bauzeit: April 2012 bis Oktober 2012 Baukosten: 84 000 Euro
Beteiligte Firmen: Bauausführung: AWBUD, Warschau, www.awbud.pl Stahlbau: TECHMA, Warschau trapdoor, stairs, external door: PLASTECH, Warschau Dämmpaneele: Kingspan, Lipsko, www.awbud.pl Leuchten: Milantex, Warschau, www.awbud.pl Gebäudetechnik: Gira, Giersiepen, www.awbud.pl Sanitärausstattung: Kludi, Menden, www.awbud.pl Bodenbelag: Volunta Parket, Vilnius, www.awbud.pl

Warschau (PL) (S. 44)

Jakub Szczesny
1973 geboren. Architekturstudium am Institute of Technology in Warschau, an der Ecole d’Architecture Paris La Défense und der Escuela Tecnica Superior de Barcelona. 2001 Gründung der Designkooperative Centrala in Warschau. Neben der Arbeit als Architekt internationale Interventionen im öffentlichen Raum. Seit 2006 Mitorganisation des Architekturfestivals Synchronicity. Lehrtätigkeit in Jerusalem und Barcelona. Dissertation an der Kunsthochschule Warschau, zurzeit Lehrtätigkeit dort und am Warschauer Institute of Technology.
Wojciech Czaja
(s. Wien)