Eine Auswahl kleiner Gestaltungsinterventionen

Kunst der Aneignung

Die Olympischen Sportstätten selbst und auch die öffentlichen Räume, die es zur Erschließung und als Veranstaltungsfläche braucht, wecken alle Arten von Begehrlichkeiten. In London übt eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Gestaltungsaufgaben den Spagat zwischen globaler Medienwirksamkeit und späterer Nutzbarkeit im Lokalen, zwischen Marketinginteressen und persönlichem Erleben, zwischen ernsthafter Kunst und britischem Humor.

Kritik: Tomas Klassnik Fotos: Steve Bates, Andrew Lee, Jason Orton, David Poultney, Dave Tully
Bevor London 2005 die Olympischen Spiele zugesprochen bekam, war das Gelände des Olympiaparks ein verseuchtes Ödland, von unzähligen Kanälen durchzogen, die ehedem genauso die Industriebetriebe wie auch die Fantasie von Psychogeografen speisten. Mit seinen billigen Raummieten und dem Charme des Verfalls zog es zahlreiche Künstler an. Nachdem diese gehaltreiche Erde von ihren Industriegiften befreit worden war und eine erneuerte Lehmschicht nun jungfräuliche Böden und Oberflächen für den neuen Park trägt, ist es wiederum die Kunst, die durch Schichten der Erinnerung und Kultur den Ort mit seinen Ursprüngen und dem größeren Kontext im Londoner Stadtgefüge verbindet.
Der Entwurf der britischen Landschaftsarchitekten LDA Design und des amerikanischen Büros Hargreaves Associates nutzt das Potenzial dieser Wasserwege, die jahrelang aus dem Bewusstsein der Umgebung verschwunden waren und jetzt wieder an das Flüsschen Lea und somit an die Themse angebunden sind. Dadurch ist eine einzigartige Landschaft mit unterschiedlichen Topografien entstanden. Sie ist in zwei größere Bereiche geteilt: Der nördliche Park hat einen informelleren Charakter mit Feuchtgebieten und naturnaher Bepflanzung, die die Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen fördern sollen. Der südliche Park ist formaler gestaltet, mit akkurat bepflanzten Gärten, die dicht mit Wegen und großen temporären Bauten durchsetzt sind, die die Besucher während der Spiele begrüßen und in Stimmung versetzen sollen.
In Revitalisierungsprojekten dient Kunst oft als Accessoire, das von der Ideologie oder der Architektur am jeweiligen Ort ablenken soll. Hier in Stratford waren Künstler und junge Designer dazu eingeladen, eine andere Rolle einzunehmen und ihre Kunst zu einem Teil von Landschaft und Infrastruktur zu machen, sowohl vom Konzept her als auch – vielleicht ebenso bedeutsam – aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Kooperationen zwischen jungen multidisziplinären Büros haben einige Projekte hervorgebracht, die versuchen, in den neuen Park, der zunächst v. a. als Fremdkörper wahrgenommen werden dürfte, ein kulturelles Vermächtnis einzubringen. Dazu wurde die Interaktion mit den umgebenden Stadtteilen gesucht und gefördert, und die Besucher finden nun Anregungen, die vielschichtige Geschichte des Orts mitsamt seinem Kontext zu reflektieren – immerhin entsteht hier einer der größten städtischen Parks der letzten gut 150 Jahre in Europa. •
Architekten: John Lyall Architects
Mithilfe einer Gummischalung wurden in die pigmentierten Betonfertigteile dieser Kläranlage Zeichnungen des großen Bauingenieurs Joseph Bazalgette, dem Pionier der beeindruckenden viktorianischen Entwässerungsinfrastruktur Londons, eingeprägt. Ihre gedämpften Grautöne kontrastieren stark mit zwei leuchtend farbigen Absaugzylindern, deren Spitznamen »Pinky & Perky« aus einer beliebten Kinderserie der 70er Jahre stammen. Es ist ein prägnantes Gebäude, das seine Herkunft wie eine Tätowierung auf der rauen Haut trägt und sich zugleich für eine Rolle in der noch undefinierten Nachnutzung des Parks rüstet.
Architekten: NORD Architecture (s. db 2/2010, S. 22-25)
Diese Verteilerstation verweist auf die industriellen Lagergebäude aus Backstein, die früher an dieser Stelle standen. Das minimalistische Infrastrukturgebäude setzt seine Funktionen elegant in Szene: Die unteren Geschosse schützen die schnaufenden Transformatoren im Innern, während im oberen Bereich die durchbrochene Ziegelschale für Belüftung sorgt. Subtil reagiert der Bau auf die technischen Anforderungen des Programms mit Selbstbewusstsein und Würde.
Architekten: Heneghan Peng Architects
Kreise in vielen bunten Farben, die an einen sehr großen Kinderspielplatz oder an flach getretene Riesen-Kaugummis erinnern, markieren diese breite temporäre Fläche, die über einen Kanal hinweg Nord- und Südpark miteinander verbindet. Nach den Olympischen Spielen wird seitlich mit 4 mm dicken polierten Edelstahlblechen bekleidete Konstruktion entfernt, um zwei buchtförmig zum Fluss hin abgetreppte Landschaftselemente freizugeben. Diese durchdachte Landschaftsintervention auf zwei Ebenen hat das Zeug dazu, später gut besucht und auch genutzt zu werden.
Architekten: Klassnik Corporation, We Made That, Riitta Ikonen
An den Zugängen zu einem 7,1 km langen Fußgänger- und Radweg entlang des »Greenway« werden die Besucher von einer ungewöhnlichen Art von Fußmatte willkommen geheißen: Die Muster von Strukturen im Beton und für skulpturale Fahrzeugsperren wie auch von 6 m hohen gusseisernen Pylonen stammen von den Kanaldeckeln, die entlang des Entwässerungssystems Northern Outfall zu sehen sind – einem Bestandteil der Palette wiederverwendbarer Materialien, die das Planungsbüro Adams & Sutherland während der Sanierung der Strecke zusammengetragen hat.
Architekten: Klassnik Corporation, We Made That, Riitta Ikonen
Bunte Wildblumen zeichnen die Formen der Industriebauten nach, die früher auf diesen Wiesen standen. Zwischen dem Olympiastadion und dem Aquatics Centre gelegen, ergeben sie angesichts der industriellen Geschichte des Orts ein erstaunlich lebhaft buntes Bild. Von oben betrachtet, wird die geometrische Grafik der Bepflanzung sichtbar.
Künstler: Anish Kapoor, Architekten: Cecil Balmond, Ushida Findlay
Der Aussichtsturm bildet eine Ausnahme von der Strategie, die Kunst als Teil des Parks zu sehen. Die Gelegenheit dazu ergab sich bei einem Treffen des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson mit dem Stahlmagnaten Lakshmi Mittal 2009 in Davos. Dessen Gabe (1500 t Stahl) wurde in eine kontrovers diskutierte und hochentwickelte Form geschlungen, die mit 114,5 m nun die höchste Skulptur des Königreichs ist. Im Zentrum der Konstruktion werden Besucher mit dem Aufzug zu einer Plattform gebracht, von der aus sie einen bis zu 30 km weiten Ausblick haben und die geografischen Zusammenhänge der Stadt erfahren können.
Künstler: Martin Richman, Architekten: Allies and Morrison Architects
Die über 30 Brücken im Olympiapark – im Grunde einförmige, vorgefertigte Infrastrukturelemente – bergen durchaus Potenzial. Architekten und Olympic Delivery Authority ließen es u. a. von Martin Richman nutzen, der die Oberflächen einer Brücke und auch einer Unterführung in der Nähe des Velodroms mit recyceltem Buntglas gestaltete und damit einen fröhlichen Kontrast zur Umgebung schuf. An diesen künstlerischen Projekten konnten sich auch Projektgruppen aus angrenzenden Gemeinden beteiligen und sich so den Park bereits vor den Olympischen Spielen aneignen.
Architekten: Pernilla & Asif LLP
Dieser temporäre Pavillon dient als großes Musikinstrument. Seine kreisrunde Struktur ist von Kunststoffkissen aus ETFE bedeckt, die auf Berührung reagieren. Die Besucher können dadurch Musik aus Geräuschschnipseln olympischer Sportdisziplinen produzieren – eine Kooperation mit dem britischen DJ Mark Ronson. Bei nächtlicher Beleuchtung ähnelt der runde Bau mit seiner spiralförmigen Rampe im Innern einem Neonschriftzug am Horizont des Parks. Im Anschluss an die Spiele sollen die 1 x 5 m großen Luftkissen abgenommen und wiederverwendet werden, so dass der Bau für eine längere Zeit und einem größeren Publikum zur Verfügung steht.
Architekten: Magma Architecture
Leuchtend bunte Kreise, die den Saugnäpfen einer Krake ähneln, bedecken die drei weißen Kunststoff-Zelte für die Schießstände auf dem Gelände der Royal Artillery Barracks in Woolwich. Die expressive Hülle, die an Tierhäute erinnert, verbirgt eine nüchterne, praktische, weil demontierbare Konstruktion. Das Architekturbüro setzt die Kreise in den doppelt gekrümmten Membranhäuten nicht nur als bildhafte Referenz an Zielscheiben ein, sondern nutzt sie auch, um die Innenräume auf innovative Weise zu belüften und zu belichten.
~Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau

Gestaltungsinterventionen (S. 44)
Tomas Klassnik
1981 geboren. 2000-06 Architekturstudium am St. John’s College, Cambridge, und am Royal College of Art, London. Seit 2006 eigenes interdisziplinäres Architekturbüro. Lehraufträge am Chelsea College of Art und an der Architectural Association. Diverse Ausstellungen und Bücher.