Reihenhäuser in Longyearbyen/Spitzbergen

Karge Katen in der Kälte

Ohne den Golfstrom wäre die arktische Inselgruppe Svalbard (»kühle Küste«) nicht bewohnbar. Neben Forschung und Bergbau ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle der nur knapp 3 000 Einwohner. Doch auch diese möchten komfortabel wohnen. Der kargen Landschaft und dem einfachen Lebensstil der Bevölkerung entsprechen die klar gestalteten und dennoch wohnlichen Holz-Reihenhäuser, die den in der streng reglementierten Siedlung vorherrschenden Bautypus neu interpretieren.

~Aus dem Norwegischen von Dagmar Ruhnau

  • Architekten: Brendeland & Kristoffersen Arkitekter Tragwerksplanung: Reinertsen Engineering
  • Kritik: Martin Braathen Fotos: David Grandorge
Longyearbyen wurde ohne Architekten gebaut. Als mit 2 000 Einwohnern größte Siedlung der Inselgruppe Svalbard ist sie geprägt von ihrer Anlage als »company town« für die Steinkohle-Grubengesellschaft Store Norske Spitsbergen Kullkompani. Sie ist mit der für Industriebauten typischen technokratischen Nüchternheit ausgeführt: Große importierte Fertighäuser stehen an Straßen, die keinen Namen haben – nur Nummern. Ältere Bebauung fehlt völlig, denn während des Zweiten Weltkriegs zerstörten deutsche Soldaten die Stadt, und die übriggebliebenen Gebäude wurden in den 80er Jahren während einer Feuerwehrübung gezielt niedergebrannt. Zwar kamen im vergangenen Jahrzehnt einige bemerkenswerte, öffentlich finanzierte Projekte wie der Kindergarten Kullungen von div.A Arkitekter und der Forschungspark von Jarmund/Vigsnæs hinzu, doch die Wohnarchitektur hat – mit wenigen Ausnahmen – keine anderen Qualitäten als vor Wind und Wetter zu schützen.
Ein Neuzugang im Wohnungsbestand, das rot gestrichene Reihenhaus im Weg 224, lässt vermuten, dass die architektonischen Vorlieben von Store Norske im Wandel begriffen sind. Das Gebäude setzt einen ganz neuen Standard hinsichtlich Qualität und Sinnlichkeit im Longyearbyener Wohnungsbau. Es wurde entworfen von Brendeland & Kristoffersen Arkitekter, einem jungen Architekturbüro, das sich zuvor u. a. mit einem Geschosswohnungsbau und einem Kindergarten aus Massivholz im alternativen Stadtteil Svartlamoen in Trondheim hervorgetan hat, ebenso mit einigen ungewöhnlichen Einfamilien- und Sommerhäusern. Wieder ist es das Massivholz – das charakteristische Material des Büros, dicke, vorgefertigte Tannenholzelemente –, das die Bautechnik sowie die äußeren und inneren Oberflächen definiert.
Das Haus umfasst drei neue Wohneinheiten für Angestellte der Kohlegrube. Die Grundrissstrukturen der Wohnungen sind jeweils gleich, doch verschieden breit (3,40, 5,00, 5,80 m), und daraus ergeben sich Unterschiede in der Größe der Grundflächen und in der räumlichen Qualität. Der Neubau liegt in der Verlängerung einer Reihe identischer Fertighäuser und bezieht seine Typologie, äußere Form und Dimensionen aus der Umgebung: zweigeschossiges Reihenhaus mit Satteldach. Doch die Architekten haben auf intelligente Weise mit dem vorgegebenen Format gespielt, bei dem Dachform und Höhe streng reguliert sind. Während sie das Innere des Hauses im Vergleich zu den Nachbarbauten vollständig umdefinierten, u. a. durch Einführung einer dritten Ebene, brachten sie die äußere Form des Hauses zusätzlich durch eine äußerst reduzierte Fassadendetaillierung zur Geltung. Die Massivholzfassaden haben eine glatte, rot gestrichene Oberfläche mit minimalen, bündigen Fensterdetails bekommen. ›
› Diese Wand faltet sich ohne besonders akzentuierten Übergang zum Dach (Dachrinnen sind in Svalbards äußerst trockenem Klima nicht notwendig). So ergibt sich ein der Idealform sehr nahe kommendes Gebäudevolumen mit eindeutiger Silhouette.
Wie eine Ergänzung zum Haupthaus haben die Architekten das freistehende Nebengebäude gestaltet, das den fehlenden Keller ausgleicht. Auf Svalbard gibt es keine Keller, alle Häuser stehen auf Pfählen, die in den allein vom Permafrost zusammengehaltenen Gletscherschutt getrieben werden. Damit der gefrorene Boden nicht durch die Wärmeabstrahlung des Hauses schmilzt und das Haus absinkt, muss der Abstand mindestens 1 m betragen. Brendeland & Kristoffersen wählten als Verkleidung auch für diese weitere Hausfassade dichtes Massivholz – und lösten damit ein häufiges Problem von Leckagen, nämlich das der winzigen trockenen Schneepartikel, die der Wind vor sich hertreibt.
Holz, Holz, Holz
Während das Äußere des Baus straff und effektiv gestaltet ist, wirkt das Innere höchst großzügig. Schon vom Eingangsbereich aus, der sich zusammen mit einer Abstellkammer, dem Bad und einem Schlafzimmer auf der untersten Ebene des Hauses befindet, enthüllen sich einige der architektonischen Attraktionen der Wohnung. Dazu gehören die umsichtige Detaillierung, mit der alle Türen, Geländer, Regale, Kücheninsel usw. für ihren speziellen Ort entworfen wurden, aber auch die Sichtbezüge: vom Eingang aus direkt durch die großen Fenster des Schlafraums hinaus, im schrägen Winkel entlang einer eleganten Treppe in Richtung des hellen Wohnzimmers, oder 8 m direkt nach oben zum sichtbaren First in der Ebene darüber. Das 1. OG ist die hauptsächliche Aufenthaltszone des Hauses und umfasst gegen Norden einen Wohnbereich, der zugleich intim und exponiert ist; der Raum ist hier relativ niedrig, bietet dafür aber vom Boden bis zur Decke ein fantastisches Panorama Richtung Isfjord und Adventdalen. Die Lage dieser Ebene war das erste, was die Architekten im Haus festlegten – das Ziel war, den Ausblick über die tiefer vor dem Haus liegende Bebauung zu heben; es gelang.
Doch der prächtigste Raum des Hauses ist dem Kochen und Essen gewidmet – eine Entscheidung, die die sinnlichen Qualitäten des Gebäudes untermauert und die der langen Saison mit Aktivitäten im Haus entspringt – der Winter dauert neun Monate, fünf davon mit völliger Dunkelheit. Die Kücheninsel und der Essbereich liegen auf der Südseite des Hauses, auf der sich der Raum mit einer fast schon sakralen Geste bis zum Dach aufschwingt. Der exponierte First liegt 6 m über dem Boden, und längs der Wand im Esszimmer führt eine weiß gestrichene, metallene Industrietreppe mit Galerie (das einzige fest eingebaute Element im Haus, das nicht aus Holz besteht) zum zweiten Schlafraum. Dieser Raum bildet die Decke des intimeren Wohnzimmerbereichs und ist von einer dramatisch Richtung First gekippten Wand abgeschlossen.
Auch Innenwände, Boden, Decken, Kücheninsel und Regale bestehen aus Massivholz. Diese kompromisslose Anwendung des Materials ist der Schlüssel zu den ungewöhnlichen emotionalen und räumlichen Qualitäten des Gebäudes. Die Holzelemente haben eine höchst präsente Oberfläche, die zugleich weich und rau ist. Zusammen mit den robusten und grob geschnittenen Räumen, die aus der bausatzartigen Konstruktion geformt sind, erzeugt das Massivholz einen elementaren, nahezu archetypischen Charakter. Man sollte allerdings nicht verschweigen, dass der Innenausbau die negative Seite des Gebrauchs von Massivholz in solch trockenem Klima wie auf Svalbard enthüllte. Obwohl die Holzelemente vom Produzenten im Voraus auf unter 8 % Feuchtigkeit herunter getrocknet worden waren, sind die Wände an mehreren Stellen gerissen und bekamen dadurch einen raueren Charakter als beabsichtigt.
Doch Massivholz hat auf Svalbard auch einen taktischen Aspekt – durch die Bautechnik kann das Gebäude in kürzester Zeit ausgeführt werden – eine Notwendigkeit in Svalbards kurzer Bausaison, in der die mittlere Temperatur nur während dreier Monate über 0 °C liegt. Auch entsteht vor Ort lediglich ein Minimum an Abfall, eine wichtige Voraussetzung angesichts der empfindlichen Natur auf Spitzbergen. Der einzige Fehler hier, für den man wohl auch nicht den Architekten allein die Schuld geben kann, scheint die Niedrigenergie-Ausführung in Form einer kontrollierten Wohnungslüftung zu sein. Diese Technologie verbraucht verhältnismäßig viel Strom, was wenig zu den Verhältnissen in Svalbard passt: Hier kostet der Strom sehr viel, während Fernwärme äußerst günstig ist. In der Folge fühlt sich keiner der Reihenhausbewohner genötigt, das teure Lüftungssystem zu nutzen.
Dieses Haus eignet sich mit seiner kurzen Bauzeit, einfacher aber cleverer Technologie und auf der Basis der Vorfertigung so gut für die Massenproduktion, dass sich daraus mit Gewinn ein neuer Fertighaustyp entwickeln ließe, nicht nur für Svalbard, sondern (mit einigen kleinen Modifikationen) gut auch für das Festland. Das Projekt wird getragen von einer spielerischen Kompromisslosigkeit – in der minimalen Farbpalette, der Detaillierung, im Bestehen auf Massivholz als einzigem Material –, die eine ganz eigene Großzügigkeit hervorgerufen hat. Eine solche Kombination von formaler Strenge, die oft ans Symmetrische und Banale grenzt, mit überraschendem räumlichen und emotionalen Mehrwert ist eine Qualität, die einem in den Projekten von Brendeland & Kristoffersen immer wieder begegnet. •
  • Standort: vei 224, Longyearbyen, Spitzbergen Bauherr: Store Norske Boliger, Longyearbyen Architekten: Brendeland & Kristoffersen Arkitekter, Trondheim Tragwerksplanung: Reinertsen Engineering, Trondheim HLS-Planung: COWI, Kongens Lyngby, Denmark BGF: 400 m² Baukosten: rund 1 900 Euro/m² Bauzeit: April bis Oktober 2007
  • Beteiligte Firmen: Bauausführung: Byggmester Øystein Henriksen, Hokksund, mit David Strubreiter, Harald und Knut Henriksen Holzelemente: Moelven MassivTre, Krøderen, Türen, Fenster: VELFAC, Horsens (DK),