Wohn- und Geschäftshaus in Wetzikon (CH)

Kantiges Paillettenkleid

Inoffiziell und intern nennen die Architekten das Gebäude nur »Diva«. Ein leicht nachvollziehbarer Spitzname, ist doch der gesamte (Bau-)Körper einschließlich aller Vorbauten von einem gut sitzenden Paillettenkleid umhüllt. Diesen Eindruck vermittelt die Oberfläche der vorgehängten Fassade mit ihrer Bekleidung aus kleinformatigem Glasmosaik in unterschiedlichen Grüntönen. Volumen und Oberfläche treten dadurch in einen anregenden Dialog und machen das Haus zu einem Anker in seiner heterogenen Umgebung.

  • Architekten: GKS Architekten + Partner Tragwerksplanung: Forster + Linsi
  • Kritik: Rüdiger Krisch Fotos: Gaston Wicky
Waren Sie schon einmal in Wetzikon? Wenn Sie diese Frage mit Ja beantworten können, Ihr Besuch aber schon einige Zeit zurückliegt, würden Sie die Klein- stadt im Züricher Oberland vielleicht kaum wiedererkennen. Der bislang beschauliche Ort steckt aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage an vier S-Bahn-Linien mitten in einem erheblichen Strukturwandel, der steigenden Nachfrage nach Immobilien steht ein breites Angebot gegenüber. Entlang der längsten Bahnhofstraße Europas, die den Ortskern mit dem Bahn-Haltepunkt verbindet, sind einige Projekte entstanden, die eine neue Körnung definiert und den Maßstab des Orts nachhaltig verändert haben. Diese Entwicklung geht weiter: Baugruben, Kräne und neue Gebäude bestimmen das Bild.
Zwei wichtige Akteure in diesem Prozess sind die ortsansässige Projektentwicklungs-Gesellschaft Immoturicum und das Architekturbüro GKS aus Luzern. Das Wohn- und Geschäftshaus in der Bahnhofstraße 117 mit vermieteten Wohnungen und Praxen über einem ebenerdigen Laden ist deren jüngster gemeinsamer Coup, fertiggestellt im vergangenen Frühjahr. Zwischen zwei parallel zur Bahnhofstraße angeordneten ein- und zweigeschossigen Ladenzeilen versteht sich der kubisch-skulpturale Baukörper bewusst als Solitär, was durch den Grundstückszuschnitt noch verstärkt wird: Der Bauplatz ist auf allen vier Seiten von Straßen umgeben und nahezu vollflächig überbaut. Auf den baurechtlich relevanten fünf Vollgeschossen sitzen zwei nur teilweise (an den ›
› Gebäudeecken) zurückgesetzte Attika-Geschosse, die das Haus in seiner städtebaulichen Wirksamkeit zum selbstbewussten Siebengeschosser machen. Neben der so ausgereizten Gebäudehöhe haben die Architekten sich zweier weiterer Kniffe zur Maximierung der Geschossflächen bedient: auskragende Erker und in die Wohnungen eingestülpte »Sommer-Räume« (anstelle von Balkonen) liegen im geheizten Volumen und können somit voll als vermietbare Quadratmeter gerechnet werden. Während die Sommer-Räume von außen nicht zu erkennen sind, vermitteln die Erker durch bewusste Platzierung geschickt zwischen den verschiedenen Höhen der umgebenden Bestandsgebäude und dem für die Zukunft dort baurechtlich Denkbaren.
Von Süden markiert das Haus an einer Verzweigung der Bahnhofstraße in Sichtweite der Kirche den Auftakt des eigentlichen Ortszentrums. Sein extravaganter Baukörper fällt auf und ragt buchstäblich aus dem Kontext heraus, wirkt aber letztlich zu gedrungen, um als Turm wahrgenommen zu werden. Der Zwischenbereich zum öffentlichen Verkehrsraum ist komplett versiegelt, auf den Eingangsseiten mit Parkplätzen belegt, nach hinten wenig elegant als asphaltierte schiefe Ebene ausgeführt. Große Öffnungen, in denen jeweils die nahezu raumhohen Fenster mehrerer Innenräume zusammengefasst sind, gliedern die Fassade. Integrierte Stahlgeländer sorgen für die Absturzsicherung, bewirken aber durch ihre bauaufsichtlich notwendige Höhe eine proportional ungünstige optische Unterteilung der eigentlich großzügigen Fenster-Rechtecke. Erst auf den zweiten Blick – aus der Nähe – verrät die Fassade ihre prägende Besonderheit: Sie ist auf allen Flächen vollflächig mit kleinen Glasmosaik-Fliesen von 1,5 cm Seitenlänge bekleidet. Diese ergeben aus der Entfernung einen angenehm zurückhaltenden Beigegrünen-Ton, der sich bei genauer Betrachtung als Melange verschiedener Farben erweist. Im Gegensatz zu Putzfassaden, den meisten Plattenmaterialien, aber auch konventionellen Keramikfliesen verfügt die Oberfläche von Glasmosaik über optische Tiefe, die ihr aus der Nähe eine reiche, fast seidige Wirkung verleiht. Dieses Erscheinungsbild korrespondiert hier direkt mit der gewissermaßen textilen Verwendung des Materials als allseitige Umhüllung des komplexen Volumens. Darüber hinaus reflektiert das Glas auftreffendes Licht, was insbesondere bei sonnigem Wetter spannende Kontraste zwischen hell spiegelnden besonnten und erheblich dunkleren, verschatteten Flächen hervorruft. Auch bei Nacht bricht sich das Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos reizvoll auf der Fassadenbekleidung. ›
› Das Glasmosaik wurde vor Ort auf eine zuvor angebrachte, vollflächig hinterlüftete Unterkonstruktion aus Putzträgerplatten aufgeklebt, und zwar mit der selben Technik, die bei der Verlegung von kleinformatigen Fliesen in Innenräumen Verwendung findet. Trotz des üblichen Zeitdrucks kurz vor Fertigstellung und der großen zusammenhängenden Flächen ist die Qualität der Ausführung nahezu makellos, das Fugenbild völlig homogen. Während sämtliche Außenkanten (z. B. an den Gebäudeecken und den Fensterlaibungen) als feste Mörtelfugen ausgeführt sind, finden sich dauerelastische Fugen nur an Innenkanten (z. B. zwischen Erkern und Hauptbaukörper). Diese Fugen wurden schon im Vorf eld einschließlich eines langfristigen Wartungsvertrags ausgeschrieben, um die künftigen Instandhaltungskosten unter Kontrolle zu halten. Voraussetzung für den völligen Verzicht auf Dehnungsfugen in der Fläche war der große Lochanteil der Fassade, aus dem sich relativ kleine dehnungsrelevante Flächen ergeben, die mit Fliesen belegt sind.
Die Ein- und Ausströmöffnungen der vollflächigen Hinterlüftung sind so geschickt in Jalousiekästen und Fensterbretter integriert, dass sie dem Betrachter weitgehend verborgen bleiben. Nur auf der Unterseite der Erker finden sich schmale lineare Schlitze in der Breite genau einer Mosaikfliese, durch die Luft in die Fassadenabschnitte unterhalb der Fensterbrüstung einströmen kann. Apropos Unterseite: Diese fünfte Fassade des Hauses ist ebenso mit Glasmosaik-Fliesen belegt wie alle senkrechten Wände. Selbst die Oberseiten der Erker bleiben im homogenen Materialkonzept: Die Flachdächer sind weder mit Kies noch mit einer Vegetationsschicht abgedeckt, sondern mit recyceltem Glas-Splitt in einer an die Fassade angelehnten Farbigkeit belegt. Die dort entstehenden Reflexionen des einfallenden Sonnenlichts sorgen für ein flirrendes Lichtspiel an den Decken der angrenzenden Wohnräume. Überhaupt wirkt die Fassadenbekleidung auf überraschende Weise in die Innenräume hinein, beispielsweise in Form der Erker-Seiten und der Fensterlaibungen, die beide ebenfalls mit Glasmosaik belegt sind.
Im Eingangsbereich zu den Wohnungen ist die nächtliche, durch Dämmerungswächter und Bewegungsmelder gesteuerte Beleuchtung in Nischen untergebracht, deren transluzente Abdeckung aus Plexiglas mit demselben Glasmosaik belegt ist wie die umgebende Wand. Bei Nacht fangen wie von Geisterhand aktiviert einzelne, verschieden große Rechtecke in der sonst scheinbar homogenen Oberfläche zu leuchten an und versetzen so den ahnungslosen Besucher in helles Erstaunen. Dieser elegante Effekt dokumentiert die Raffinesse, mit der die Architekten das Potenzial des Materials ausgeschöpft haben. Das zugrunde liegende Selbstbewusstsein prägt das Haus vom Detail bis in die große Form und sagt auch einiges über die Bauherrschaft aus, die das Gebäude nicht schnell und lukrativ verkaufen wollte, sondern sich als vermietender Eigentümer ein wertiges, langfristig haltbares Objekt geleistet hat.
Wenn man um die Kurve weiter nordwärts in Richtung Ortszentrum geht, fällt auf, dass eine dort kurz vorher fertiggestellte massige Wohn- und Geschäftshausgruppe des Architekten Max Dudler mit Sandstein in einem erstaunlich ähnlichen beigegrünen Farbton bekleidet ist. Dies ist keine zufällige Assoziation – vielmehr bezieht sich die Auswahl des Glasmosaiks für dieses Projekt bewusst auf den wenig älteren Bestand. Daran erkennt man das erklärte Ziel der Architekten, dem künftigen Wetzikon wieder eine möglichst konsistente Gestalt zu geben. In 10 Jahren kann man diese neue Identität hoffentlich im etwas breiteren Kontext erleben. Die »Diva« macht einen ersten Schritt dorthin. Auch wenn unter dem Strich das Paillettenkleid mehr überzeugt als ihre sonstige Körperlichkeit, ist es doch ein großer Schritt in die richtige Richtung. •
  • Adresse: Bahnhofstraße 117, CH-Wetzikon Bauherr: Immoturicum, Wetzikon Architekten: GKS Architekten + Partner, Luzern Projektverantwortlicher: Rolf Gmür, GKS Architekten + Partner Projektleiter Entwurf und Ausführung: Gianni Arcangioli Tragwerksplanung: Forster + Linsi, Pfäffikon Haustechnik: Oesterle, Rüti BGF: 2 167 m² (ohne UG) BRI: 7 831 m³ Baukosten: 5,8 Mio. Euro Bauzeit: Dezember 2006 bis Februar 2010
  • Beteiligte Firmen: Generalunternehmer: Allreal GU, Zürich, www.allreal.ch Rohbau: Martelli Agosti, Jona, www.allreal.ch Fassadenbauer: Rolf Schlagenhauf, Meilen, www.allreal.ch Trägerplatte Glasmosaik: Sto, Stühlingen, www.allreal.ch Glasmosaik: SICIS, Ravenna, www.allreal.ch Recycling-Glasschüttung Dach: RESAG Recycling und Sortierwerk, Bern, www.allreal.ch Schaufenster-Profile: Schüco, Bielefeld, www.allreal.ch Briefkastenanlage: Kehrer Stebler, Oensingen, www.allreal.ch Türgriffe: Fa. Glutz, Solothurn, www.allreal.ch Leuchten Treppenhaus: Modular Lighting, Zürich, www.allreal.ch

  • Wetzikon (CH) (S. 24)
    GKS Architekten
    Rolf Gmür
    1966 in Jona (St. Gallen) geboren. Lehre als Hochbauzeichner, Berufstätigkeit. 1989-92 Studium am Zentralschweizerischen Technikum Luzern, Diplom. 1992-93 Tätigkeit als Bau- und Projektleiter. 1993-94 eigenes Architekturbüro in Jona. Seit 1994 mit Thomas Mike Steimann GKS Architekten+Partner AG, Luzern. Seit 2005 Bauberatung Innerschweizer Heimatschutz (IHS).
    Thomas Mike Steimann
    1966 in Luzern geboren. Lehre als Tiefbauzeichner, Berufstätigkeit und Baupraktika. 1989-92 Studium am Zentralschweizerischen Technikum Luzern, Diplom. 1992-94 Mitarbeit in zwei Architekturbüros. Seit 1994 mit Rolf Gmür GKS Architekten+ Partner AG, Luzern.
    Mark Imhof
    1968 in Binn (Wallis) geboren. Lehre als Hochbauzeichner, Berufstätigkeit. 1991-94 Studium am Zentralschweizerischen Technikum Luzern, Diplom. Auslandsaufenthalte in Rotterdam und Paris. 1994-97 Projektleitung im Büro Hannes Ineichen, Luzern, 1997-99 eigenes Büro. Seit 1999 eigenes Unternehmen für Mobilfunkanlagen und 1999 Bauberatung Innerschweizer Heimatschutz (IHS). Seit 2005 Partner bei GKS Architekten+Partner AG, Luzern.
    Rüdiger Krisch
    1966 in Tübingen geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart (Diplom) und der Columbia University in New York (Master of Architecture). 1993-98 Mitarbeit in Architekturbüros in New York und München. 1998-2003 wiss. Mitarbeiter an der Universität Stuttgart. Seit 1998 eigenes Büro in Tübingen. Seit 1991 publizistische Tätigkeit.