Erfurt: Hörsaal wird zum Wohn- und Geschäftshaus

Hörsaalwohnen

Nur Denkmäler, die genutzt werden, leben und überleben; doch der Denkmalstatus schreckt Bauherrenpläne in der Regel ab. Oft heißt dann der letzte Ausweg »Bewahren durch Entkernen«: Während der Bauherr im Innern maximale Freiheiten erhält, wird äußerlich die Kulisse eines historischen Gebäudes konserviert. Dass dieser oft problematische Kompromiss durchaus erfolgreich sein kann, beweist die Sanierung und Umnutzung eines Hörsaalgebäudes von 1956 in Erfurt zu einem Luxuswohn- und Geschäftshaus.

  • Architekten: hks Hestermann Rommel Architekten Tragwerksplanung: Ingenieurbüro für Statik Jörg Sando
  • Kritik: Robert Gärling, Jörg Noennig Fotos: Jörg Hempel
Ein Hörsaal als Wohnraum. Das klingt nach reichlich Platz und groß- zügigen Möglichkeiten; nach häuslicher Behaglichkeit, wo einst konzentrierte wissenschaftliche Lehre stattfand. Eine solche Umnutzung ist nicht unbedingt nahe liegend, umfassende Eingriffe scheinen unausweichlich. Brisant wird diese Idee, wenn es sich beim Bestandsbau um ein Denkmal handelt – wie beim Alten Hörsaal in der Erfurter Gorki-Straße, der von hks Architekten aus Erfurt umgebaut wurde.
Das würdevolle Baudenkmal im Stil der Nationalen Tradition der frühen DDR ist ein sachlich-schlichter und präzise in sein Umfeld eingesetzter urbaner Baustein. Seine rationale, offene Grundstruktur hat fraglos die Neunutzung und den Umbau begünstigt. Allerdings konfrontiert die Transformation zu einem Wohn- und Geschäftshaus historisch-semantische Gegebenheiten mit aktuellen nutzungstechnischen Belangen. Während etwa die historische Fassade weitgehend gewahrt wurde, entstanden im Innern Wohnungen und Gewerberäume, die kaum noch mit der äußeren Erscheinung korrespondieren. Hinter den hohen Fensterstreifen des massiven Hörsaalgebäudes verbergen sich jetzt etagierte Wohnungen und kleinteilige Praxisräume. Trotzdem herrscht allgemeine Zufriedenheit: Der Denkmalschutz kann ein gefährdetes Bestandsgebäude als gesichert zu den Akten legen – und mit dem Luxuswohnkonzept ist auch für eine angemessene Nutzung des Gebäudes gesorgt.
unauffälliger Umbau
Die Umnutzung zum Wohn- und Geschäftshaus erkennt man erst beim Betreten des 2008 nach zehnmonatiger Bauzeit fertiggestellten Gebäudes oder bei einem Blick auf die Rückfassade. Während die großen Originaltreppenhäuser erhalten blieben, bekamen alle weiteren Bereiche neue Nutzungen und Zuschnitte. Vor allem der Hörsaal ist verschwunden. An seiner Stelle wurden Eigentumswohnungen über mehrere Etagen mit einer Größe von 225 m² bzw. 238 m² eingebaut, deren offene Grundrisse über integrierte Treppen und ›
› eingeschnittene Lufträume verbunden sind. Galerien ermöglichen spannende Durchblicke zwischen den Geschossen: dreidimensionales Wohnen. Die Zwischendecken mit den vertikalen Fenstern der Fassade abzustimmen, war nicht leicht – aber der frühere Hörsaal ermöglichte es, den neuen Wohnräumen eine Großzügigkeit zu geben, die beeindruckend ist. Die Decken konnten im Wesentlichen im bestehenden Stahlbetonskelett des Gebäudes verankert werden, so dass im Inneren keine zusätzlichen Tragstrukturen nötig wurden. Mit Rücksicht auf die bestehenden Fensterformate entstanden unterschiedliche Geschosshöhen, die das Raumerlebnis durchaus bereichern.
Beim Umbau des Hörsaals zum Wohnraum hat man generell hohe Standards angesetzt. Neben einem individuellen Zuschnitt der Räume wurde auf edle Materialien und inszenatorische Lichtakzente besonderer Wert gelegt. In den Wohnräumen mit den deckenhohen Fenstern kontrastiert eine puristisch-helle Farbgebung mit dunklen, edlen Parkettfussböden aus Räuchereiche. Behaglichkeit erzeugen auch die klimatischen Bedingungen: Flächenheizungen in den Fußböden und Wänden sorgen im Zusammenspiel mit der Betonkernaktivierung für eine gleichmäßige Temperaturabstrahlung. Jegliche Dämmung wurde im Hinblick auf den Fassadenerhalt innen angebracht.
Weniger großzügig sind im Vergleich zu den Eigentumswohnungen die medizinischen Praxen angelegt: die vorhandenen großen Volumen wurden einfach zugebaut. Hier wird deutlich, dass im Rahmen der ursprünglichen Gebäudestruktur weniger das Prinzip »Entkernung« als die Idee der »Verdichtung« und Flächenmaximierung maßgeblich war – den räumlichen Anforderungen der neuen Nutzer geschuldet. Da war nicht viel zu entfernen, vielmehr wurde zusätzlich eingebaut.
Den kräftigen Eingriffen im Innenraum steht die Beibehaltung des äußeren Erscheinungsbildes gegenüber. Schäden an der Fassade wurden bei der Sanierung glatt geputzt und so exponiert. Horizontal eingeschnittene Fensterbänder bilden allenfalls vorsichtige Gegenakzente; sie waren dem Denkmalamt ohne weiteres zu vermitteln. Die thematische Gegenüberstellung Alt-Neu äußert sich geometrisch: vertikal versus horizontal. Das gilt vor allem für die an der Hoffassade angebrachten Balkone, die am deutlichsten auf die neue Wohnnutzung verweisen. Spätestens hier wird die Innen-Außen-Korrespondenz aufgehoben: was einmal Hörsaal war (und im Übrigen noch danach aussieht), ist nun eine Stadtvilla. Hier offenbaren sich die semantischen Brüche, die mit solchen Umnutzungen einhergehen. Die Gebäude sind nicht mehr ehrlich oder aufrichtig.
Der Altbau
Entstanden war der Alte Hörsaal der ehemaligen Erfurter Frauenklinik und medizinischen Akademie – ein sogenanntes Lehrkrankenhaus – aus dem Geiste einer Sachlichkeit, die auch ideologisches Programm war. 1956 nach einem Entwurf von Adolf Lang vollendet, wurde das Gebäude als ein Zeichen der neuen (sozialistischen) Zeit und ihrer Werte verstanden, welches bewusst der mittelalterlichen Altstadt Erfurts wie auch der bourgeoisen Brühler Vorstadt entgegen gestellt wurde. Die optische Erscheinung des aufrechten Baukörpers mit seinen hoch aufstrebenden Fenstern wie auch sein ehemals geräumiger Innenraum (Platz für 165 Zuhörer) assoziiert eher einen Kirchenbau. Das Kalksteinrelief von Helmut Braun über dem Haupteingang entrollt eine ideologische Mustertapete zum Thema »Frauenheilkunde für das Volk«. Das war notwendige künstlerische Propaganda, um die Schlichtheit und Neutralität der Architektur, die sicherlich den baulichen Möglichkeiten ihrer Zeit geschuldet war, zu kompensieren.
Im Vorfeld der Sanierung wurde das Gebäude von Stadt und Land zur privaten Nutzung veräußert. In einem Bieterverfahren, an dem sich auch Initiatoren eines freikirchlichen Gemeindezentrums beteiligt hatten, siegte dann ein Konzept, das neben der Wahrung denkmalpflegerischer Interessen eine Flächenmaximierung vorsah. Dennoch stand wohl die wirtschaftliche Frage bei der öffentlichen Hand im Vordergrund. Eine gemeinschaftlich-öffentliche Nutzung wurde nicht unbedingt gesucht. Dabei war der Impuls der Architekten, die zugleich zur Eigentümergemeinschaft des Objekts gehören, hinsichtlich der künftigen Nutzung von vorn herein klar: Ziel war die Schaffung eines angemessenen Wohnraums für die eigene Familie.
Mit dem Entscheid zur Sanierung als Wohn- und Geschäftshaus wurde die historische Bedeutung des ehemals öffentlichen Gebäudes also bewusst zurückgenommen und zugunsten seiner Nutzbarkeit privatisiert. Die ›
› Privatisierung ehemals öffentlicher Baudenkmäler ist allgemein nicht unproblematisch. Wenn Architekten historische Gebäude, die einmal Gesellschaft und Öffentlichkeit prägten, zur schönen Verpackung reduzieren, stellt sich die Frage, inwieweit die Idee der öffentlichen Repräsentation eines gesellschaftlich-geschichtlichen Konsenses überhaupt noch erwünscht und möglich ist. Damit steht und fällt die Sinnfälligkeit eines Denkmalschutzes, der auf mehr abzielt als nur den Erhalt physischer Bausubstanz oder gar nur des äußeren Erscheinungsbildes von Gebäuden.
Ein Zukunftsmodell?
Der Verdienst der Planer und Bauherren steht außer Frage, für den prominenten Altbau eine probate neue Verwendung gefunden zu haben. Sie haben eine bauliche Lösung für die Nachnutzung und Revitalisierung des Gebäudes entwickelt, die für vergleichbare Fälle einen hohen Standard definiert. Der Kompromiss einer bestandsfreundlichen Sanierung bei gleichzeitiger zweckgemäßer Zergliederung im Innern wahrt die Interessen von Denkmalamt und Nutzern. Die Substanz wurde weitgehend bewahrt, während man beim Ausbau das opulente Raumangebot im Objekt kreativ zu nutzen verstand. •
  • Altbau: Lehr- und Laborgebäude (1956) von Ludwig Adolf Lang Bauherr: Eigentümergemeinschaft Lindenlaub Rommel, Erfurt Architekten: hks Hestermann Rommel Architekten + Gesamtplaner, Erfurt Projektleitung: Michael Rommel Mitarbeiter: Marco Jaeger Tragwerksplanung: Ingenieurbüro für Statik Jörg Sando, Weimar Haustechnikplanung: Ingenieurbüro Lässig, Weimar Elektroplanung: Fruth, Grässner & Partner, Erfurt Baugrundgutachten: Ingenieurbüro Siegfried Jacobi, Erfurt Bauphysik: BIWA Arnulf Bührer, Gera Landschaftsplanung: plandrei Landschaftsarchitekten Dittrich Luz, Erfurt BGF: 1 750 m² BRI: 5 573 m³ Baukosten: 693 300 Euro (300 + 400), Gesamtsumme: 950 200 Euro Bauzeit: Mai 2007 bis März 2008
  • Beteiligte Firmen: Bodenbeläge: DLW, Bietigheim-Bissingen, www.armstrong.de Haustechnik: KALORIMETA, Herrenhof, www.armstrong.de; Uponor, Haßfurt, www.armstrong.de; Buderus, Wetzlar, www.armstrong.de; Pewo, Elsterheide, www.armstrong.de; Clage, Lüneburg, www.armstrong.de Duschwannenelemente: Stadur, Hammah, www.armstrong.de Aluminiumtürzargen: AZ Metallbau, Heldrungen, www.armstrong.de Beschläge: FSB, Brakel, www.armstrong.de; DORMA Beschlagtechnik, Berlin, www.armstrong.de Glastrennwände: Gk glaskontor, Erfurt, www.glaskontor Erfurt.de Dachflächenfenster: VELUX, Hamburg, www.armstrong.de Schalter und Systeme: Albrecht Jung, Schalksmühle, www.armstrong.de Beschilderung und Briefkästen: Erwin Renz, Kirchberg, www.armstrong.de Dacheindeckung: Nelkamp Bedachung, Schermbeck,, www.armstrong.de Armaturen: Grohe, Porta Westfalica, www.armstrong.de Möblierung: USM, Münsingen, www.armstrong.de; Wilkhahn, Bad Münder, www.armstrong.de; Vitra, Weil am Rhein, www.armstrong.de