Gedenkstätte und Museum für Zanis Lipke in Riga (LV)

Gedenken

Während der deutschen Besatzung Lettlands im Zweiten Weltkrieg retteten einige mutige Menschen, darunter Zanis Lipke, in Riga etlichen Juden das Leben, indem sie sie versteckten und bei ihrer Flucht unterstützten. Seit Kurzem erinnert ein kleines, sehr einfühlsames Gebäude an diesen Akt der Menschlichkeit.

~Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau

  • Architekten: ZAIGAS GAILES BIROJS Tragwerksplanung: Balts un Melns
  • Text: Visvaldis Sarma Fotos: Ansis Starks
Kipsala, eine kleine Insel in der Daugava gegenüber dem Rigaer Hafen, war über Jahrhunderte hinweg erweitertes Hafengebiet und Wohnort von Fischern, Seeleuten und anderen Menschen, die am Hafen arbeiteten – was sich immer noch an Straßennamen wie Schauer-, Fischer-, Anker- oder Kohlenstraße ablesen lässt. Traditionelle Holzhäuser aus schwarz geteerten Schiffsplanken, Boote und Sandflächen bestimmten bis in die 70er Jahre das Bild der Gegend. Heute findet sich hier kaum noch Hafen- oder Seefahrerromantik, denn die Insel ist ihrer Nähe zur Altstadt und der außergewöhnlich schönen Stadtblicke über den Fluss zu einer der ersten Adressen für exklusive Einfamilienhäuser geworden. Dennoch gibt es hier immer noch Orte, die von friedlicher Ruhe geprägt sind und einen die Gegenwart vergessen lassen.
Ich hatte die Gelegenheit, die Zanis-Lipke-Gedenkstätte an einem diesigen Freitagnachmittag zu besichtigen. Begleitet von trägem Hundegebell und den unbeteiligten Blicken der Nachbarn – die hier vermutlich das Erscheinen Fremder gewohnt sind – kam mein kurzer Spaziergang vor einem ortstypischen schwarzen Holzzaun mit dem aufgemalten Schriftzug »Zana Lipkes Memorials« zu seinem plötzlichen Ende. Versteckt zwischen ein paar noch existierenden unauffälligen Holzhäusern an der schmalen Straße im Zentrum von Kipsala gelegen, ist das Gebäude weit entfernt von dem, was man üblicherweise unter einer Gedenkstätte versteht.
Für einen gewöhnlichen Besucher ist es unmöglich, das vermeintliche Wohnhaus (denn so zeigt sich das Gebäude) wie auf den Fotos wahrzunehmen. Dies ist aber auch gar nicht nötig, denn man erfährt viel mehr durch das, was man während des Besuchs spürt, hört oder sich vorstellt. Auch wenn man die äußere schwarze Form als bewussten Versuch lesen kann, ein umgedrehtes Fischerboot oder die Bundeslade zu versinnbildlichen, ist sie doch vielmehr eine dem Ort entlehnte, bergende Hülle für den vielschichtigen Schauplatz der Interaktion zwischen Besucher und Raum. »Die faktische Unauffälligkeit ist auch symbolisch zu verstehen, denn dieser Ort diente als Versteck«, steht in den Erläuterungen zur Gedenkstätte. Nur wenige Jahrzehnte ist es her, dass Menschen sich hier verborgen hielten und verborgen wurden. ›
Der Menschlichkeit verpflichtet
Als »Gerechte unter den Völkern« (Ehrentitel für nichtjüdische Einzelpersonen, die im Dritten Reich ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten) wurden Zanis Lipke und seine Frau Johanna 1966 von der Holocaust-Gedenkbehörde Yad Vashem anerkannt. Das Ehepaar selbst ist bereits vor langer Zeit verstorben, doch das Grundstück gehört noch immer der Familie und die Gedenkstätte steht direkt neben ihrem Haus. Zanis und Johanna Lipke halfen während der Besetzung durch die Nationalsozialisten mehr als 50 Juden bei der Flucht, versteckten sie in einem Bunker unter der hölzernen Scheune im Hof und begleiteten sie durch das Landesinnere. Sie sammelten eine Gruppe Gleichgesinnter um sich, die die lebensrettenden Aktionen logistisch unterstützten und verschleierten, dabei jedoch nach außen hin ein normales Leben aufrechterhielten. Sie wurden nicht entdeckt und begingen keine Fehler. Es waren ungebildete, gewöhnliche Letten, die am Hafen anstrengenden Berufen nachgingen, nicht der Widerstandsbewegung angehörten und auch nicht versuchten, nach dem Krieg aus ihren Handlungen Profit zu schlagen. Sie taten nur, was sie als notwendig ansahen. So einfach war das. Aus heutiger Sicht.
Das Sowjetsystem hielt zu nichtorganisierten individuellen Initiativen Distanz, was der Grund dafür sein mag, dass das Engagement der Lipkes nach dem Krieg nicht in das kollektive Gedenken einging – außerdem ließ sich das Heldentum der sowjetischen Armee viel eindrucksvoller für patriotische Propaganda nutzen als das einer Handvoll Einzelpersonen. Erst Jahre nachdem Lettland unabhängig geworden war, gründete sich die Vereinigung »Denkmal für Zanis Lipke«, sammelte Spenden und baute die Gedenkstätte, die von den Nachbarn und Freunden von Lipkes Schwiegertochter Arija in privater Initiative geführt wird. In unmittelbarer Umgebung lebt die Architektin Zaiga Gaile. Sie ist eine unersetzliche Akteurin in der Gemeinde Kipsala, sodass ihre Beteiligung an dem Projekt selbstverständlich war. Auch aufgrund der langjährigen Leidenschaft der Architektin für sensible Rekonstruktionen und die Erhaltung ortstypischer Holzbauten erscheint das geradezu zwingend.
Beklemmung und Hoffnung
Als ich den Eingang – mit traditioneller Teerfarbe geschwärzt wie die ganze Fassade – durchschritten hatte, fand ich mich in einem dunklen, engen, rechtwinklig abknickenden Gang mit unebenem Lehmboden ›
› wieder, der nur hier und da von natürlichem Licht (zumindest fühlte es sich so an), das auf Bodenhöhe durch die Wände aus rohen Holzbrettern fiel, erhellt war. »Gehen Sie nur nicht verloren«, hörte ich den Wärter sagen, der am Ende des Korridors auf mich wartete und der sich, nachdem ich seine Begleitung abgelehnt hatte, wieder in der Dunkelheit auflöste.
Der dämmrige Rundgang führte um den inneren Kern herum, durch winzige, ebenfalls kaum beleuchtete leere Räume, begleitet von gelegentlichem, leisem Knarren der Dielen, Hahnenkrähen, Windstößen, Schritten und Gemurmel, was die reale Welt draußen und die Inszenierung in Innern sofort miteinander verschmelzen ließ. Mein eigensinniger Alleingang führte mich in die Irre. Bereits nach ein paar Minuten verlor ich die Orientierung und fand mich in der Nähe des Eingangs wieder – das Gebäude verweigerte sich mir erst einmal. Es schien als wolle es mir zu verstehen geben, dass ein derart unvorsichtiges Verhalten vor Jahren fatale Folgen gehabt hätte. Dennoch hatte ich während meiner kurzen Wanderung ein System markierter »Stationen« erkennen können. Ihnen gewissenhaft folgend, erreichte ich glücklich das obere Geschoss und konnte hier nun endlich den Aufbau des Gebäudes bewusst erfassen: Die hölzerne Hülle der Scheune birgt drei Ebenen mit einem nach oben offenen Schacht im Zentrum, Gänge, Info- und Tagungsräume im EG sowie die Hauptausstellung im OG. Der Schacht enthält die zentrale Botschaft der Gedenkstätte. Er beginnt im UG als gleichseitiger Betonraum von 3 x 3 m ohne Zugang außer der Öffnung nach oben ins nächste Geschoss. Eine mögliche menschliche Gegenwart deuten nur neun Stockbetten und ein paar Decken an – kalt und schutzlos. Damit keine Missverständnisse entstehen: Dies ist nicht der exakte historische Ort des Verstecks, auch ist es keine Rekonstruktion archäologischer Überreste. Es ist eine allegorische Darstellung von Gefangensein, Dumpfheit, Bedrückung und Demütigung.
Durch die oberen Geschosse setzt sich der Hohlraum als leichte Konstruktion einer Sukka (Laubhütte) weiter fort. Sie erinnert an die temporären Schutzhütten, die dem jüdischen Volk nach seinem Auszug aus Ägypten jahrelang auf den harten Wanderungen zwischen dem Roten Meer und dem Gelobten Land als Behausung dienten. Von außen mit Reststücken von Holzbrettern und von innen mit Pergament bekleidet, lediglich durch wenige Öffnungen einsehbar, regt der verbotene Raum die Vorstellungskraft an. Er ermöglicht es, die Vergangenheit aus einer Entfernung zu betrachten, in der sich Details nicht mehr klar unterscheiden lassen. Selbst die vermeintlich erahnten Gefühle zwischen Todesangst und Hoffnung der Menschen, die hier vor Jahrzehnten überlebten, verschwimmen. Nur die schwach erkennbare Zeichnung einer idyllischen Landschaft erinnert an die irgendwo vermutete Existenz des Gelobten Landes.
Wegbegleitung
Die Ausstellung selbst folgt mit nummerierten Stationen dem Konzept eines Kreuzwegs, von denen jede einem bestimmten zentralen Aspekt der Geschichte gewidmet ist – beginnend am Eingang mit der knarrenden Türschwelle, durch geknickte Gänge, vorbei an der Sukka, weiter zum Raum unter dem Dach. Fotografien, Dokumente und einige Erinnerungsstücke befinden sich in hölzernen Boxen auf dem Boden, über die man sich tief hinabbeugen muss, um sie genauer betrachten zu können. Bei Annäherung reagiert jeder dieser Kästen mit einer eigenen Komposition aus Geräuschen und Licht.
Ich beendete meinen Rundgang im Tagungsraum im EG, der, mit ein paar Bänken und einem schwarzen Klavier ausgestattet, von der raumhohen Verglasung einer Seite mit Blick auf den winzigen Hof bestimmt wird. Der Raum mit viel Tageslicht wirkte trotz des trüben Nachmittags geradezu erlösend.
Integraler Teil der Gedenkstätte ist die Stimme von Johanna Lipke, die den Besucher leise begleitet, sodass man die Gegenwart eines Menschen in diesem Haus spürt. Während meines Besuchs wurde die Wiedergabe unterbrochen, und ich konnte die Räume ohne diese Gegenwart erforschen. An diesem Ort allein zu sein, ist eine Erfahrung, die man nicht beschreiben kann. Ich war froh, als Architektin Zaiga Gaile schließlich zum vereinbarten Gespräch eintraf. •
  • Standort: Mazais Balasta dambis 8, LV-1048 Riga Bauherr: Gesellschaft »Zanis Lipke Memorial«, Riga Architekten: ZAIGAS GAILES BIROJS, Riga Mitarbeiter: Zaiga Gaile, Ingmars Atavs, Agnese Sirma, Ineta Solzemniece, Zane Dzintara, Maija Putnina-Gaile Tragwerksplanung: Balts un Melns, Riga Konzeption: Maris Gailis, Augusts Sukuts, Viktors Jansons Künstlerische Gestaltung: Kristaps Gelzis, Reinis Suhanovs Klanginstallation: Jekabs Nimanis BGF: 395 m² BRI: 1 618,7 m³ Bauzeit: Oktober 2009 bis Mai 2012 Baukosten: 300 000 Euro
  • Beteiligte Firmen: Bauunternehmen: MG buvnieks, Riga Natürliche Teerfarbe Holzfassade: Edgars Raitums, Kuldiga Verglasungen, Fensterprofile Aluminium: Arcers, Riga, www.arcers.lv Türbeschläge: FSB, Brakel, www.arcers.lv Wärmedämmung: Paroc, Hamburg, www.arcers.lv
1 Eingang 2 »Laubhütte« über der Grube 3 Information 4 Umgang 5 Tagung 6 Terrasse 7 Ausstellung 8 Büro

Riga (LV) (S. 34)

Zaiga Gaile
1951 in Riga (LV) geboren. Architekturstudium an der TU Riga, 1975 Abschluss. Seit 1992 eigenes Architekturbüro mit Schwerpunkt behutsame Renovierung und Sanierung, u. a. von Holzbauten. Gründung der lettischen Niederlassung von Europa Nostra, Latvia Nostra. Zahlreiche Publikationen, nationale und internationale Auszeichnungen.
Visvaldis Sarma
1963 geboren. 1982-89 Architekturstudium an der TU Riga. Seit 1993 eigenes Büro Sarma & Norde. 2007-08 Masterstudium an der TU Riga, seitdem dort Doktorand und Dozent.