Neues Rathaus Bernried am Starnberger See

Flotter Start, jetzt Sand im Getriebe!

Die Gemeinde Bernried am Starnberger See bewies Mut, als sie 2002 für ein neues Gemeindezentrum mit Rathaus und Festhalle, unter Einbeziehung des historischen Sommerkellers, einen europaweiten Teilnehmerwettbewerb für Architekten ausschrieb. Aus über 400 Anfragen wurde schließlich eine Auswahl von 41 hoch qualifizierten Büros getroffen, die sich am Ideen- und Realisierungswettbewerb beteiligten. Das Preisgericht bedachte am 18.12.2002 nach zweitägiger Sitzung die Arbeit von Titus Bernhard mit dem ersten Preis. Inzwischen ist aus dem als weiterem Vorzeigeprojekt zeitgenössischer Architektur begonnenen Vorhaben Bernrieds ein Streitfall zwischen Kommune und Architekt geworden, bei dem die Architektur auf der Strecke zu bleiben droht.

{Architekt: Titus Bernhard Architekten Tragwerksplanung: merz kaufmann partner {Text: Karl J. Habermann Fotos: Christian Richters, Peter Gollong

»Leitgedanke für die Gestaltung der Baukörper ist die Findung einer angemessenen Form für das Ensemble aus Rathaus, Fest- und Kultursaal sowie Café. Erreicht man qualitätvolles regionales Bauen durch Adaption vorhandener Baukörper- und Dachformen oder legitimiert der Anspruch an ein öffentliches Gebäude einen »Internationalen Stil«? In der typologischen Herleitung tragen wir dieser Frage Rechnung und finden eine eigenständige kraftvolle Form, welche die Härte einer rechtwinkligen Flachdachkubatur vermeidet, ohne sich gleichzeitig der dörflichen Satteldach-Architektur anzubiedern. Die verschiedenen Stilrichtungen in der historisch gewachsenen
Siedlung Bernried werden exemplarisch aufgenommen und bilden mit der Strenge der rechteckigen Felder ein ambivalentes Figurenbild«, soweit Titus Bernhards Erläuterung zum erfolgreichen Wettbewerbsentwurf. Die Jury bildete sich ihr eigenes Urteil und formulierte dies wie folgt: »Die konsequent durchgeführte prismenartige Flächenführung der Baukörper lässt diese im Dorfkontext als angenehm und passend empfinden …« und »insgesamt stellt der Entwurf einen gelungenen Versuch dar, neue Bauformen in gebotener Zurückhaltung mit traditionellen Dorfstrukturen zu verbinden.«
Umsetzung mit Hindernissen
Entwurfsaufgabe und Raumprogramm waren anspruchsvoll, zumal ein denkmalgeschützter aber zur Überbauung freigegebener Lagerkeller der ehemaligen örtlichen Klosterbrauerei erhalten und integriert werden musste. Die mächtigen Kellergewölbe sollten statisch ertüchtigt und einer geeigneten Nutzung zugeführt werden. Titus Bernhard schlug über dem Sommerkeller eine Plattform vor. Unter dieser bringt er neben den erforderlichen Pkw-Stellplätzen einen Teil der Nebenräume für Rathaus und Café unter. Darüber soll neben dem neuen Rathaus und der in einem weiteren Bauabschnitt geplanten Festhalle ein attraktiver Rathausplatz für Veranstaltungen aller Art entstehen. Die Aussicht auf den unmittelbar anschließenden Ortskern und den See versprach traumhaft zu werden. Zügig erfolgte die Beauftragung von Architekt und Fachplanern, die Baugenehmigung wurde im Frühjahr 2005 erteilt. Mit Baubeginn ergibt sich bei der genaueren statischen Analyse des Sommerkellers die Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen zur baulichen Sicherung. Die numehr benötigte separate Gründung der Rathausplattform erfordert die aufwändige Einbringung von Bohrpfählen zwischen den Kellergewölben. Die entstehenden Mehrkosten bereiten den Architekten wie der Bauherrschaft nicht unerhebliche Probleme. Im persönlichen Umgang der Beteiligten kommt es zu ersten Missverständnissen und Unstimmigkeiten. Die im weiteren Bauverlauf zutage tretenden Gewölbe veranlassen den Bauherrn, nachträglich vom Architekten im Sockel einen großen zusätzlichen Zugang zum Keller zu fordern, um diesen vom Dorf aus direkt zu erschließen. Titus Bernhard hat zwar gute Gründe sich gegen dieses Ansinnen zu wehren, gibt aber schließlich nach, um den Fortgang des Gesamtvorhabens nicht zu gefährden. Heute steht der im prämierten Entwurf noch vorgesehenen möglichst harmonischen Einbettung des Bausockels in das Gelände eben diese Öffnung im Wege. ›
› Die Unstimmigkeiten beruhen, wie so oft, nicht so sehr auf technischen, funktionellen oder kostenrelevanten Fragestellungen, sondern überwiegend auf ästhetischen Meinungsdifferenzen. Titus Bernhard kämpft mit Recht um die möglichst entwurfsnahe Umsetzung seiner Ideen, wurde doch im Wettbewerb sein Vorschlag aus einer Vielzahl von Lösungen ausgewählt. Die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung sind tagtäglich der »Stimme des Volkes« vor Ort ausgesetzt, nach dem Motto »Was baut Ihr denn da?« Der Architekt versucht aufzuklären, findet aber nicht bei allen Gehör. Die Rezeption zeitgenössischer, »moderner« Architektur im ländlichen Raum ist nach wie vor nicht gänzlich konfliktfrei, erschließt sich oftmals eher Außenstehenden und bedarf auch der engagierten Vermittlung der kommunalen Entscheidungsträger.
Der Bürgermeister wiederum baut die Beispiele moderner Architektur seiner Gemeinde – das Buchheim-Museum von Behnisch, ein Wohngebäude von Fink und Jocher sowie das neue Rathaus – geschickt in seine Bewerbung zum Wettbewerb »Unser Dorf hat Zukunft« ein, die Prämierung mit der Goldmedaille gibt ihm Recht. ›
Erste Etappe erreicht, zweite fraglich
Ende dieses Jahres wird der erste Bauabschnitt mit statisch ertüchtigtem, historischen Sommerkeller, Tiefgarage und Rathaus zum Einzug zur Verfügung stehen. Das ohne den Festsaal und ohne das ausgebaute neue Café allein wie fragmentarisch auf dem Sockel stehende Gebäude führt nun bei Bürgern und Besuchern verständlicherweise weiterhin zu skeptischen Fragen und Kommentaren, zumal auch die Außenanlagen noch ihrer Vollendung harren. Hier zögerte der Bauherr, den Architekten wie üblich mit der Gestaltung der Außenanlagen zu betrauen. Er meinte mit Hilfe eines weiteren Planers könne man »die Sache etwas weicher machen«, so die Formulierung des Bürgermeisters gegenüber dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«. An dem eingerichteten Gutachterverfahren durfte das Büro Bernhard zwar teilnehmen, ausgewählt wurde eine Lösung von SEP in München. Der Vorschlag sieht unter anderem die Markierung des Festsaalvolumens mit Hilfe eines Hopfengerüstes vor. Es bleibt zu hoffen, dass künftig der tägliche Umgang mit dem erfrischend neuen Haus und seinen hellen lichten Räumen alle noch bestehenden Vorbehalte so schnell wie möglich ausräumt. Das jetzt erstmals so richtig ins öffentliche Bewusstsein geratene Raumangebot des alten Sommerkellers lässt derzeit leider Zweifel am Bedarf des geplanten Festsaals aufkommen. Natürlich muss über das Veranstaltungsprogramm neu nachgedacht werden. Der überörtliche Einzugsbereich wird hier Berücksichtigung finden müssen. Die Entscheidung, den Festsaal in das Programm aufzunehmen, war zurzeit der Wettbewerbsausschreibung ja nicht leichtfertig getroffen worden. Es wäre schade, wenn durch das mitunter unglückliche Agieren von Architekt und Bauherrschaft das euphorisch begonnene Projekt am Ende ins Straucheln geraten würde. •
  • Bauherr: Gemeinde Bernried (vertreten durch 1. Bgm. J. Steigenberger) Architekt: Titus Bernhard Architekten BDA, Augsburg Mitarbeiter: Stefan Krippl, Sebastian Filutowski, Elmar Wilhelm Tragwerkplanung: merz kaufmann partner HmbH, Dornbirn HLS-Planung: Ingenieurbüro E3, Weilheim ELT-Planung: Ingenieurbüro Wöretshofer, Peiting Bauzeit: April 2005 bis Dezember 2007 Bruttogeschossfläche: 4.123 m² Nutzfläche: 3.612 m²
  • Beteiligte Firmen Baumeisterarbeiten M. Haseitl Bau-GmbH & Co. KG, Schongau Metallfenster: GGH-Salzmann GmbH, Traunstein Holzlamellenfassade : Gebrüder Loy, Eresing Aufzugsanlage : Butz & Neumair GmbH, Bergkirchen-Priel Holzböden : Heinz Siglreitmaier, Übersee Steinfußböden: Wirth Naturstein, Lohr a. Main Elektroinstallation: Sedlmaier Elektroanlagen, Gaißach Sanitärinstallation : Herbst + Berchtold GmbH, Murnau