Krematorium im Seoul Memorial Park (ROK)

Eine Reise auf dem Pfad zum Himmel

Krematorien sind meist ungeliebte Nachbarn. Das ist in Korea nicht anders als in Europa. Der Seoul Memorial Park, das größte Krematorium der Mega-Stadt Seoul, eine gigantische »Einäscherungs-Maschine«, duckt sich daher wie ein Werk der Land-Art in sein Grundstück am Rande der Stadt. Räumlich eindrücklich führt die Architektur die Trauernden entlang einer symbolischen Reise.

  • Architekten: HAEAHN Architecture
    Tragwerksplanung: CS Structural Engineering
  • Kritik: Ulf Meyer
    Fotos: Youngchae Park, Martin Eberle
Inzwischen gibt es in Südkorea mehr Christen als Buddhisten; die Mehrheit der Gesamtbevölkerung bezeichnet sich in Umfragen jedoch als nicht-religiös. Die Feuerbestattung ist in Korea weit verbreitet und hat in einer Mega-City wie Seoul, die mit ihren 24 Mio. Einwohnern im Großraum als zweitgrößte Stadt der Welt gilt, auch ganz handfeste praktische Vorteile: Die Metropole platzt aus allen Nähten und Flächen für Friedhöfe sind entsprechend rar und teuer.
Architektur des Trostes
Das neue Groß-Krematorium mit dem euphemistischen Namen »Seoul Memorial Park« liegt am Rande der Stadt auf einem Hanggrundstück. Um die Schönheit der umgebenden Natur und die Blickbeziehungen von den Wanderwegen der Woo-myung-Berge am Fuße des 600 m hohen Cheonggyesan-Berges auf die Stadt nicht zu stark zu stören, haben die Architekten vom Büro Haeahn das Gebäude in den Hang geschmiegt, ja gegraben. Mit ihrem Entwurf hatten sie sich 2009 bei einem Wettbewerb durchgesetzt. Die Dächer sind wie Blütenblätter um das leere Zentrum herum arrangiert und begrünt, um das Gebäude so unauffällig wie möglich zu gestalten. Es soll nicht als Objekt, als Fremdkörper auf dem Terrain wahrgenommen werden, sondern wie eine Skulptur mit fließenden Formen, die in die Topografie eingebettet ist. Die niedrigen Fassaden bestehen aus Granit, Terracotta und Titan-Zink, sind jedoch im landschaftlichen Zusammenhang kaum auszumachen. Dennoch muss, wie das Gebäude beweist, solch städtebauliches Understatement nicht zwangsläufig zu einer »schwachen« oder »weichen« Architektur führen. Ganz im Gegenteil. Die Innenräume haben einen starken Ausdruck und folgen geschickt einer räumlichen Dramaturgie, die eine »promenade architecturale« beschreibt, die nicht weniger als das Leben selbst symbolisiert. Arrangiert um einen großen, zentralen Innenhof – der mit einer Wasserfläche über schwarzem Stein, einer Blüten-Skulptur und Vegetation das Leben darstellt – führt der »Pfad zum Himmel« gegen den Uhrzeigersinn von Station zu Station über beide Etagen des Hauses. Das Regenwasser, das am Hang anfällt, wird in einem zentralen Becken gesammelt und dient als Spiegelfläche.
Warten auf die Asche der Verstorbenen
Die Zufahrt zum Gebäude von Norden, vom Bezirk Seocho-gu aus, gleicht dem Aufbau, wie man ihn aus englischen Landschaftsgärten kennt. Mit jeder Kurve und Wendung des Wegs gibt das Gebäude ein kleines Stück mehr von sich preis und »schält« sich so visuell aus der umgebenden Topografie heraus. Die Zuwegung erfolgt entlang verschiedener ökologisch gestalteter Gärten, die »zu Meditation und Gedenken einladen sollen«, so die Architekten, und auf die Trauerfeier einstimmen sollen. Trauernde Familien und Hinterbliebene reisen meist in einem Van – zusammen mit dem Sarg – an und gelangen, geschützt durch ein großes Vordach, in den »Gedenk-Park«. Am Eingang empfängt sie eine Kunstgalerie für kleine Ausstellungen. Die Angehörigen begleiten den Sarg bis zur Kremation und – anders als in Europa – warten dann darauf, dass Ihnen die Asche in einer Urne in einem besonderen Übergabe-Raum ausgehändigt wird. Einhüftige breite Gänge führen die Trauergemeinde von Station zu Station. Die Seite des Flurs, die zum Innenhof weist, ist als Ganzglas-Vorhangfassade ausgebildet. Die Flure und Räume in diesem Bereich des Krematoriums sind mit Natursteinplatten aus poliertem Marmor bekleidet, die den Schall gut reflektieren und das Weinen und Wimmern von Hinterbliebenen durch das ganze Haus tragen. Das wird nicht als penetrant empfunden, sondern als Zeichen aufrichtiger Trauer. Der Klageruf »Eigo, Eigo« wird oft und lange, wie ein Mantra gemurmelt.
Farblich sind die Räume unaufdringlich, fast neutral gestaltet; sie wirken feierlich-ernst. Oberlichter bringen Tageslicht in die Räume und machen sie hell und freundlich. Die Raumhöhen wachsen zum Raum der Übergabe an die eigentliche Kremation hin auf das Doppelte an. Hier findet der Abschied vom Körper des Verstorbenen statt. Im OG warten die Angehörigen in einem Warteraum mit Sitzgelegenheiten, bis auf einem Monitor der Name des Verstorbenen erscheint und seine Asche abholbereit ist.
Im Garten der Stille
Das Paradies ist ein Garten und kein Gebäude. Der Klimax der letzten Reise führt deshalb in einen »hortus conclusus«. Mit der Urne in der Hand führt der mäandrierende Pfad die Hinterbliebenen aus dem Gebäude hinaus durch einen Garten zu einem geschützten, steinernen Aschegefäß unter freiem Himmel mit Blick in die Weite und auf die Ausläufer Seouls. Die Gärten sind so gestaltet, dass sie zu den verschiedenen Jahreszeiten ganz unterschiedlich wirken, um den Fortlauf der Zeit und somit Erneuerung zu symbolisieren. Der Pfad und die räumliche Sequenz, die er beschreibt, markiert die Stationen des Abschieds und des Loslassens. Er gleicht einer Prozession. Die Reise des Lebens endet symbolisch in einem friedlichen und natürlichen Rahmen. Natur und Gebäude gehen ebenso nahtlos ineinander über, wie die Reise vom Leben zum Tod. Dieses Narrativ wird durch die fluide Formensprache des Entwurfs erreicht, die Orte der Reflexion, der Trauer und des Trostes entlang des Weges anbietet. Deswegen wurden für Böden und Wände reflektierende Materialien verwendet. Bei der Trauerfeier kleiden sich die Frauen meist in Weiß, die Männer in Schwarz. Der Tote selbst ist nicht mehr zu sehen: In Korea werden Verstorbenen die Augen geschlossen, der Leichnam gründlich gewaschen und in Hanf gewickelt. In den Mund gibt man etwas Reis als letzte Speisung.
Eine sensible Maschine
Bauherr des 18 000 m² großen Krematoriums ist die Stadt Seoul. Wegen der anfänglichen Widerstände der Anwohner vergingen von der ersten Planung bis zur Einweihung 14 lange Jahre, während derer in Seoul eine Krematoriums-Krise ausgerufen wurde. Um Umweltverschmutzung und Energieverbrauch ›
› in der Anlage möglichst gering zu halten, wurden umweltfreundliche Double-Casing-Öfen eingebaut, die doppelte Hüllen haben. Die elf Verbrennungsöfen erlauben 65 Einäscherungen am Tag. Es sind also meist mehrere trauernde Familien gleichzeitig im Haus. Die Öfen nutzen die moderne Counter-Flow Combustion-Methode, bei der sich die Re-combustion unter dem Hauptverbrennungspfad befindet und Materie während der vier Verbrennungsstufen von oben nach unten geführt wird. Die Anlage ist komplett rauch- und geruchsfrei. Eine neu entwickelte Software erlaubt es, den Trauernden einen One-Stop-Service anzubieten, wie die Stadt stolz vermeldet: In ein automatisiertes Software-System geben die Hinterbliebenen ihre Wünsche für die Kremation und Feier ein und alle Prozeduren und Zeitfenster werden dann effizient computergesteuert.
Der Seoul Memorial Park ist das erste urbane Krematorium in Korea und ein städtebaulich gut versteckter Koloss. Architektonisch überzeugt er durch eine Symbolik, die reich, aber nicht aufdringlich ist und Raum für individuelle Geschmäcker und Gefühle lässt. Das Gebäude ist sensibel gestaltet und zugleich auch eine moderne Hi-Tech-Maschine in einer der größten Städte der Welt. •
  • Standort: 68 Wonji-dong, Seocho-gu, Seoul, Korea
    Bauherr: Seoul Metropolitan City Mayor
    Architekten: HAEAHN Architecture, Seoul, mit + Dooho Architecture
    Mitarbeiter: Sehan Yoon, Kihong Nam, Taeman Kim; Neungwon Lee
    Tragwerksplanung: CS Structural Engineering, Gyeonggi-do; Dasna Engineering
    Bruttogeschossfläche: 17 911,41 m²
    Gelände: 36 453 m²
    Baukosten: ca. 41,25 Mio. Euro
    Bauzeit: Juli 2009 bis Januar 2012
  • Beteiligte Firmen:
    Rohbau: Hanwha construction, Seoul, www.hwenc.co.kr Verglasung: KCC Corporation, Seoul, www.hwenc.co.kr Terrakotta-Fliesen: INAX, Tokio, http://inax.lixil.co.jp Titanzink: ZM SILESIA, Kattowitz, www.hwenc.co.kr

Seoul (ROK) (S. 44)
HAEAHN Architecture
Sehan Yoon
Bachelor und Master in Architektur an der Seoul National University. Mitarbeit bei Seoul Architects-Consultants (SAC). 1990 Gründung von HAEAHN Architecture, Vorstandsvorsitzender.
Kihong Nam
Architekturstudium an der Seoul National University und des Umweltmanagements an der Hanyang University. Mitarbeit bei SAC, Seoul. Operativer Geschäftsführer von HAEAHN Architecture.
Taeman Kim
Architekturstudium an der Seoul National University, Master und Promotion. Leitung der Entwurfsabteilung von HAEAHN Architecture und von H Architecture in New York City. Gastprofessur an der University of Pennsylvania (USA), zurzeit an der Seoul National University und der Yonsei University.

Der Autor:

Ulf Meyer
Architekturstudium in Berlin und Chicago (USA). Mitarbeit bei Shigeru Ban Architects, Tokio, und beim San Francisco Chronicle als Architekturkritiker. 2008-11 Professuren in Manhattan und Lincoln, Nebraska (USA). Heute Architekturjournalist, -dozent, -kurator und -guide in Berlin.