… In die Jahre gekommen

Die Berliner Architekturausstellung Interbau

Vor 50 Jahren haben im Berliner Hansaviertel Architekten aus aller Welt ihre Ideen für ein zukunftsweisendes Wohnen umgesetzt. Eingebettet in viel Grün entstand ein neues Quartier ohne historische Bezüge. Wie fällt die Bewertung des Konzepts ein halbes Jahrhundert später aus? Taugen die Wohnformen von gestern auch heute noch?

Text: Ulrich Brinkmann Fotos: Angela Bergling, Günther Rieß

Ein Dienstagabend, Mitte April. Der Bolle-Supermarkt im kleinen Versorgungszentrum am Berliner Hansaplatz hat neuerdings bis 21 Uhr geöffnet. Deshalb kann man jetzt auch noch um halb acht ohne Gedränge und langes Warten an der Kasse restliche Besorgungen erledigen. Gerade verlasse ich mit meinem zweijährigen Sohn den Supermarkt, als drei Männer mir entgegenstürmen, wollene Masken über ihre Gesichter streifen und, schon an mir vorbei, ihre Pistolen ziehen. »Überfall, Geld her«, höre ich noch beim Davoneilen, um von Mike, der gleich um die Ecke den Imbiss »Currybaude« betreibt und natürlich ein Mobiltelefon besitzt, die Polizei rufen zu lassen. Als diese fünf Minuten später in Heeresstärke eintrifft, sind die drei Gauner allerdings längst entkommen.
Das Hansaviertel – also der Teil zwischen Stadtbahnviadukt und Tiergarten, der 1957 zur Internationalen Bauausstellung ohne jede Reminiszenz an den gründerzeitlichen Vorkriegszustand neu aufgebaut wurde – erfreut sich auch fünfzig Jahre nach der »Interbau« großer Beliebtheit in allen Teilen der Berliner Bevölkerung. Leerstand, wie in vielen anderen Beständen der sparsamen Nachkriegsära, lässt sich hier nicht feststellen, und dies, obwohl die Dürftigkeit damaliger Konstruktionen inzwischen mit bloßem Auge sichtbar ist. Man nehme bei einem Besuch nur eine Murmel mit und lege sie in einem unbeobachteten Augenblick auf den Boden – sie dürfte in nicht wenigen Häusern davonrollen, denn die Decken hängen durch.
Besuchen kann man im Hansaviertel vor allem zwei Gruppen: in Würde vergreiste Erst- und Altmieter und junge Familien. Die Kleinwohnungen, wie sie beispielsweise in dem »Giraffe« genannten Hochhaus der Architekten Müller-Rehm und Siegmann stecken, können dem geringeren Platzbedarf manch alter (und manch ganz junger) Menschen durchaus genügen. Vor allem die älteren sind es auch, die auf Fragen nach dem Wohlbefinden im Quartier jenes diffuse Bedrohungsgefühl äußern, dass sich dem Freitagskrimi-geschulten Auge immer wieder mit den Orten verbindet, die typisch für die Stadt der Moderne sind: eingewachsene Wege, dunkle Parkplätze, nicht einsehbare Ecken und Winkel, schlecht ausgeleuchtete Hauseingänge. Es ist dieser latenten Angst geschuldet, dass Sitzbänke im Hansaviertel inzwischen rar geworden sind. Der »Bürgerverein« hat ihre Demontage betrieben, da die dort bisweilen lagernden Obdachlosen störten. Tatsächlich jedoch liegt die Kriminalitätsrate rings um den Hansaplatz unter dem Berliner ›
› Durchschnitt – trotz des eingangs geschilderten, zufällig Erlebten. Das Leben hier trägt eher kleinstädtisch-beschauliche Züge als die großstädtischer Gefahr; jeder Zeilenbau eine Art Dorf. Abwechselnd schlägt das Geläut der protestantischen Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche und der katholischen Kirche St. Ansgar. Wäre die das Viertel durchschneidende Altonaer Straße nicht so stark befahren – die Idylle wäre perfekt.
Doch auch der Großstädter kann Argumente, die für das Wohnen im Hansaviertel sprechen, leicht finden. Der weite, öffentliche Raum zum Beispiel, in dem im Sommer die Kinder spielen und die Erwachsenen in der Sonne liegen und der an der südlichen Grenze des Viertels kaum merklich in den Tiergarten übergeht. Oder die Lage mitten in der Stadt. Nach nur zwei Stationen ist man mit der S-Bahn in der Friedrichstraße, mit der U-Bahn am Kurfürstendamm und mit dem Bus nach nur fünfmal Halten am Nollendorfplatz in Schöneberg, wo ganz in der Nähe samstags der beliebte Wochenmarkt auf dem Winterfeldplatz lockt. Und nicht zuletzt ist auch die Architektur der Bauten ein Grund für die Entscheidung, ins Hansaviertel zu ziehen; vor allem dank der vielfältigen Wohnungsgrundrisse, die auch heute noch weit von jedem Standard entfernt sind. Nach den aus heutiger Sicht zumeist ernüchternd kleinmütig wirkenden Hinterlassenschaften der Neubau-IBA 84/87, den gerade in der Wohnarchitektur trotz erheblichen Bauvolumens fast ergebnislosen neunziger Jahren und angesichts des jüngsten Trends zum »Townhouse« mit seiner mittelalterlich verbürgten Enge stehen die Häuser von Aalto, Schwippert, Vago und all den anderen strahlend da als ein Höhepunkt des Wohnungsbaus in Berlin im 20. Jahrhundert. Genug Gründe also, auch heute noch gerne in der »Stadt von Morgen« zu wohnen. Nach der Polemik des Ex-Senatsbaudirektors und seiner Anhänger gegen die Stadt der Moderne, die selbst vor dem Hansaviertel nicht zurückschreckte und vorschlug, den gründerzeitlichen Stadtraum zu reimplantieren, könnten das Quartier und seine Gebäude in den nächsten Jahren eine neue Bedeutung gewinnen, die über die bloße Akzeptanz seiner Besonderheit und der in ihm geborgenen Utopien hinausgeht. Der 50. Geburtstag, den das Hansaviertel in diesem Sommer mit zahlreichen Veranstaltungen begeht und der etliche Besucher anlockt, wäre dafür ein passender Auftakt. Angesichts der nicht nur in Berlin geführten Diskussion, wie die ›
› Stadtzentren wieder als Orte des Wohnens gestärkt werden können – und zwar nicht ausschließlich für die ausgeh- und konsumfreudigen Alleinlebenden, sondern auch für Familien warten die ideenreichen Arrangements der Interbau-Architekten geradezu darauf, wiederentdeckt und weitergesponnen zu werden. Schon vor drei Jahren hat die Münchner Architektengemeinschaft Rohnke, Hild und K mit ihrem Wohnungsbau auf der Theresienhöhe gezeigt, wie das gehen könnte, indem sie unverblümt das Aalto-Haus aufgriff, umdeutete und zum Stadtbaustein duplizierte. Die »Themenorientierung« heutiger Projektentwickler könnte im Hansaviertel so manches Distinktion schaffende Motto herausdestillieren.
Ich selbst bin seit Anfang dieses Jahres Mieter im »Schwedenhaus«, wie die den Hansaplatz nach Süden abschließende Scheibe der Malmöer Architekten Fritz Jaenecke und Sten Samuelson genannt wird. Anders als zum Beispiel die Häuser von Niemeyer und Gropius bietet der schlanke Zehngeschosser von außen betrachtet wenig Extravagantes, geschweige denn Dekoratives. Die Grundrisse jedoch zeigen, bei aller Strenge und Serialität der Struktur, eine Fülle an Gedanken zum Wohnen in einem modernen Haus, die zum Experimentieren geradezu einlädt.
Das Gebäude besteht im Grunde aus vier Häusern, die jeweils von einem Aufzugskern erschlossen werden, mit zwei gespiegelten Wohnungen pro Etage (ausgenommen das Erdgeschoss, in dem Läden, Praxen und ein Café eingerichtet sind). Die auf der Nordseite außen vorgestellten Treppenhäuser dienen nur als Fluchtweg, ebenso die auf dieser Seite angeordneten Laubengänge: Das Gebäude ist eigentlich ein Spänner-Typ mit identischen Wohnungen; lediglich ganz oben befinden sich abgewandelte Typen in Form von Maisonettes und Fünf-Zimmer-Wohnungen sowie heute nicht mehr genutzte Gemeinschaftsräume zum Waschen und Trocknen.
Die übliche, rund 95 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung bewohnt sich dank kaum vorhandener Verkehrsflächen wie eine ›
› 120 Quadratmeter große Altbauwohnung. Wie im Aalto-Haus beziehen sich die Räume auch hier auf einen zentralen »Allraum«, der sich, da das Haus entgegen der ursprünglichen Planung nicht als Schottenbau, sondern als Skelettbau ausgeführt worden ist, auf unterschiedliche Weise mit den angrenzenden Räumen verbinden lässt. Fast alle Wohnungen verzichten auf die Trennwand zwischen Küche und Allraum, welche in Nord-Süd-Richtung aneinandergrenzen, so dass die Sonne im Winter quer durch die ganze Wohnung fällt; in vielen Wohnungen aber sind auch die beiden seitlich an den Allraum grenzenden Räume mit diesem über große Öffnungen verbunden. Zusammen mit der vor der Fassade auf ganzer Wohnungsbreite angeordneten Balkonschicht bieten sich mannigfaltige Variationen räumlicher Verbindungen, lassen sich die Wohnungen je nach Wunsch eher gemeinschaftlich oder zurückgezogen bewohnen. Selbst bei gleicher Bewohnerkonstellation – zwei Erwachsene, zwei Kinder – finden sich die vier Zimmer ganz unterschiedlich genutzt: mal dient der größte, gleich am Eingang gelegene Raum den Eltern als Schlaf- und Arbeitszimmer, mal den Kindern, weil auch die beiden hinteren Räume für die Bedürfnisse berufstätiger Erwachsener taugen. So überrascht es nicht, dass gerade Selbstständige in so genannten kreativen Berufen gerne hier wohnen. Der diesen Leuten eigenen Form der »Hausarbeit« am Labtop bieten die Wohnungen im Schwedenhaus einen derart elastischen Rahmen, wie er meist eher mit den neutral geschnittenen Räumen eines gründerzeitlichen Mietshaus assoziiert wird: keine Spur all der funktionalen Festlegungen, wie man sie aus dem Durchschnitt des Sozialen Wohnungsbaus kennt. Wohl auch deshalb haben in den letzten Jahren zunehmend junge Familien das Schwedenhaus für sich entdeckt – allein in »unserem« Aufgang wohnen sechs, mit elf Kindern. Die meisten sind Eigentümer ihrer Wohnung: Die »neuen Urbaniten«, für die der Ex-Baudirektor Freiflächen im Berliner Zentrum mit Reihenhäuschen bebauen lässt, im Hansaviertel sind sie längst zuhause. •