Reihenhaus-Dachausbau in Köln

Urban Beach

Unter dem First eines 50er-Jahre-Gebäudes haben die Architekten einen zum Himmel orientierten Allraum geschaffen. Spezielle Dachfenster dienen als Balkonersatz. Für die Bewohner des Denkmals entstand eine kleine Sonneninsel inmitten der Großstadt.

Architekten: kalhöfer – korschildgen
Tragwerksplaner: Arne Künstler

Text: Tanja Feil
Fotos: Jörg Hempel

Nicht weit von der Kölner Innenstadt liegt eine aufgelockerte Siedlung aus der frühen Nachkriegszeit. Die Wohngegend gehört inzwischen zu den teuersten der Stadt und zeichnet sich durch eine Mischung aus Reihenhauszeilen und freistehenden Villen mit großen Gärten aus. Weil sie auch heute noch als zusammenhängende Bebauung der 50er Jahre erkennbar ist, steht die Siedlung als Gesamtes unter Denkmalschutz.

Daher darf auch das Reihenmittelhaus, das eine (mittlerweile) dreiköpfige Familie 2004 erworben hatte, weder außen noch innen grundlegend verändert werden. Sowohl die weiß gestrichene Klinkerfassade als auch die originale Raumaufteilung im EG und OG muss dauerhaft erhalten bleiben. Doch die Zimmer zur Straße hin sind lediglich bis zu 8 m2 groß und daher eigentlich nur als Nebenräume nutzbar. Lediglich die gartenseitigen, nach Südwesten orientierten Zimmer weisen akzeptable Größen auf. Von dort fällt der Blick direkt in üppiges Grün. So schön die großen alten Bäume im Garten sind, bergen sie jedoch den Nachteil, dass die unteren beiden Ebenen des Reihenhauses je nach Jahreszeit ab ca. 15-17 Uhr keine direkte Sonneneinstrahlung mehr erhalten.

Raumreserve Dach

Anders sieht es eine Etage höher im DG aus. Zum einen ist dies der einzige Raum des Gebäudes, der nicht denkmalgeschützt ist; zum anderen erhält er trotz der hohen Bäume bis ca. 19 oder 20 Uhr abends noch Sonne. Genau daraus leiteten die Architekten die Kerngedanken ihres Entwurfs ab: Die Familie sollte im DG einen zusätzlichen großen, vielfältig nutzbaren Raum erhalten, der im Kontrast zu den eher kleinteiligen Zimmern der unteren Geschosse steht, bei Bedarf aber dennoch unterteilbar ist. Gleichzeitig sollte er sich möglichst großzügig in Richtung Sonne öffnen.

Doch der gestalterische Spielraum war auch hier eng: Die vorgegebene Kubatur durften die Architekten natürlich nicht antasten; bei einer Dachneigung von 32° und fehlendem Kniestock war aber nur in einem schmalen Bereich unter dem First genügend Raumhöhe für eine adäquate Nutzung vorhanden. Die Denkmalpflege ließ außerdem lediglich kleinformatige Dachöffnungen in einem handelsüblichen Format zu, um die beiden bestehenden Einscheiben-Dachluken aus den 50er Jahren zu ersetzen. Hinzu kam, dass die Sparren an ihrem unteren Auflagerpunkt durch Knaggen gehalten werden, was beim Ausbau des Dachraums einen unschönen Versatz innerhalb der Dachinnenflächen zur Folge haben würde.

Die Planer ließen sich von alldem jedoch nicht beirren. Sie entfernten den schwimmenden Estrich der obersten Geschossdecke und bauten einen neuen Epoxidharzboden mit geringerer Aufbauhöhe ein. Auf diese Weise erzielten sie eine lichte Raumhöhe von etwa 2,30 m an der höchsten Stelle des Dachraums. In die nach Südwesten ausgerichtete Dachfläche schnitten sie im mittleren Bereich des Raums zwei statt der drei erlaubten Öffnungen in maximal möglicher Größe. Der Clou dabei: Die beiden neu eingesetzten Flügel öffnen sich – ausschließlich elektrisch – seitlich im 90°-Winkel nach außen und lassen somit mehr Luft und Sonne in den Raum als herkömmliche Dachflächenfenster. Die Technik hierfür stammt von RWA-Anlagen. Aus Denkmalschutzgründen waren auch keine außenliegenden Rollläden an den Dachfenstern möglich. Daher verwendete man ein Dreischichtglas, das eine schalt- bzw. dimmbare

Zwischenschicht enthält, die bis zu 93 % der Sonneneinstrahlung abhalten kann. Die Verglasung ist von vornherein leicht dunkler als normal und färbt sich dann weiter blau. Aus demselben Grund erhielt auch der neue Fußboden eine besondere PU-Beschichtung als UV-Schutz.

Urlaub daheim

Die Sonderkonstruktion der beiden großen Dachfenster ermöglicht uneinsehbare Sonnenplätze. Um diese optimal nutzbar zu machen, entwickelten die Architekten eine besondere Art von mobiler Architektur. Aus verschweißten Stahlrohren entstanden zwei an die Dachneigung und Breite der Fenster angepasste Gestelle, die sich entlang der Schrägen verschieben lassen. Während das eine eine bewegliche Badewanne aufnimmt, dient das andere – zusammen mit einem Sonnenschirm und einem textilen Hängesessel – als Balkon oder Leseplatz, der direkt durch das geöffnete Dachfenster stößt. Werden die Stahlelemente nicht genutzt, lassen sie sich an drei Seiten über Klettverschlüsse mit bedrucktem Stoff umschließen und dienen dann entweder als Raumteiler oder als Stauraum im hinteren Bereich des DGs.

Da das Bad im OG des Gebäudes nur über eine Dusche verfügt, bietet die mobile Wanne im DG zusätzlichen Komfort. Um direkt unter dem Dachfenster auf der Südwestseite baden zu können, mussten die notwendigen Installationsleitungen von dort bis an die gegenüberliegende Fassade im Gefälle verlegt und an das darunterliegende Badezimmer angebunden werden. Eine Verkleidung der Rohre war folglich vonnöten und auf diese Weise konnten die Architekten auch das gestalterische Problem mit den Knaggen lösen: Ein Versatz innerhalb der Dachschrägen im Traufbereich erfüllt nun gleich mehrere Funktionen auf einmal: Er kaschiert die Rohre, dient als Abstellfläche, nimmt Schalter, Steckdosen und Elektroleitungen auf sowie ein LED-Band, das für indirektes Licht sorgt und die Dachfläche ansonsten frei von Installationen hält. Die Anschlusstechnik für Wasser und Abwasser der Badewanne funktioniert wie bei einem handelsüblichen Gartenschlauch über Klickverschlüsse mit Sperre, nur nicht aus Kunststoff, sondern aus Edelstahlgewebe. Lediglich beim Abmontieren kann es hin und wieder tropfen, sodass die Bauherren ein Auffanggefäß unterstellen müssen.


Standort: Köln
Bauherr: privat
Architekten: kalhöfer – korschildgen, Köln
Mitarbeiter: David Ebel, Johannes Haucke, Anne-Pauline Wolff
Tragwerksplanung: Arne Künstler, Köln
Lichtplanung: Dinnebier-Licht, Silvia Quintiliani, Wuppertal


kalhöfer – korschildgen

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Gerhard Kalhöfer

1984-92 Studium der Architektur an der RWTH Aachen. Mitarbeit bei Eisele + Fritz, Darmstadt, und bei Jean Nouvel in Paris. Seit 1995 eigenes Büro. 1997-2001 Lehrauftrag an der Academie van Bouwkunst in Maastricht (NL), seit 1998 Professur an der Hochschule Mainz.


Über die Autorin Tanja Feil

Architekturstudium an der FH Regensburg, 2001 Diplom. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. 2005 Weiterbildung zur Energieberaterin für Gebäude. Seit 2007 Redakteurin und freie Fachautorin.