Rathaus in Löffingen

Dem Geist des Ortes nachgespürt

In einem kleinen Schwarzwaldstädtchen haben gäbele & raufer architeken das klassizistische Rathaus modernisiert. Undogmatisch fügen sie diverse Zeitschichten zu einer Collage und knüpfen mit regionaltypischen Baustoffen Bezüge zum Genius Loci.

Es ist ein frühes Beispiel für ein Multifunktionsgebäude: Das heutige Rathaus von Löffingen, 1830 errichtet, beherbergte ursprünglich eine offene Markthalle im EG, darüber ein Kornlager, den Ratssaal der Stadt, ein paar Schulräume und die Lehrerwohnung. Über die Jahre zogen auch ein Notariat, die Sparkasse und die Stadtbücherei in die Räumlichkeiten, erst seit den 1960er Jahren diente das Gebäude dann ausschließlich als Rathaus.

Die zahlreichen Nutzerwechsel führten zu erheblichen Eingriffen, besonders unsensibel ging man dabei in den 70ern vor. Als gäbele & raufer architekten nun mit Modernisierung und Umbau des inzwischen denkmalgeschützten Objekts beauftragt wurden, erklärten sie daher zum Ziel, das Ursprungsgebäude wieder stärker erlebbar zu machen. Im EG entfernten sie nachträglich eingezogene Wände, sodass sich jetzt die großzügige Wirkung der einstigen Markthalle erahnen lässt. Hier ist das Bürgerbüro untergebracht. Ein neuer Boden aus rotem Sandstein, wie er in der Region häufig für Freitreppen, Eingangsportale und andere Außenbauteile verwendet wurde, lässt den früheren Charakter eines offenen Raums anklingen.

Wo die massiven alten Holzsäulen verloren gegangen waren, sind nun neue eingebaut, jeweils aus einem Tannenstamm gedrechselt, der im stadteigenen Wald gefällt wurde. Die Säulen sorgen im Zusammenspiel mit der freigelegten Balkendecke und den neuen Möbeln dafür, dass Holz den Raum entscheidend prägt – ein Verweis auf den Genius Loci des Schwarzwaldstädtchens, dessen Gemarkungsfläche größtenteils bewaldet ist. Ganz unorthodox wurde das Material Holz an den Empfangstresen verwendet: Als geöltes Fischgrätparkett aus Eiche bekleidet es die Fronten. Das Vertikalparkett gibt einen Vorgeschmack auf die oberen Etagen, wo der gleiche Belag den Boden bedeckt, teils im Bestand, teils als Ergänzung.

Hinauf zu den Amtsstuben gelangt der Besucher über die neue halbgewendelte Treppe oder den Aufzug, für den Nebenräume aus den 70ern Platz machen mussten. Mit einem gewissen Augenzwinkern setzen gäbele & raufer hier Brüche in Szene, etwa wenn sie eine Sichtbetondecke auf einem weiß verputzten Betonunterzug auflagern, aus dem abgesägte, alte Holzbalkenköpfe lugen. Undogmatisch fügen sie die Zeitschichten zu einer bunten Materialcollage.

Unter dem mächtigen alten Dachstuhl liegen heute Ratssaal und Trauungssaal, nur durch Glaswände voneinander getrennt, um den Raumeindruck nicht zu stören. Ein gewaltiges Holzrad als Teil des einstigen Kornaufzugs kündet von der Vergangenheit des Gebäudes. Toiletten und Teeküche sind als Raumboxen frei eingestellt. Ihr blauer Farbton taucht immer wieder im Gebäude auf, etwa an der Wandvertäfelung in den OGs, aber v. a. an der Fassade, wo er Fenstergewände, Sockel und Gesimse akzentuiert. Der Grund für die Wahl dieses Blaus: Es ist die Wappenfarbe Löffingens.

~Christian Schönwetter