Bauhütte in Perlesreut

Dorfkern wiederbelebt

Ein Beispiel, das Mut macht: Mit der Einrichtung einer Bauhütte ist es der bayerischen Gemeinde Perlesreut gelungen, die Verödung des Ortskerns zu stoppen. Nicht nur das architektonische Ergebnis, sondern auch der Prozess ist einen Blick wert.

Text: Christian Schönwetter

Die Ausgangslage

Mit Bevölkerungsrückgang haben viele Gemeinden in strukturschwachen Regionen zu kämpfen. Manche versuchen, durch Neugestaltung des öffentlichen Raums die Attraktivität der Ortsmitte zu steigern, und dennoch stehen sie immer öfter vor der Herausforderung, neue Nutzungen für leerfallende Gebäude im Zentrum zu finden. Häufig handelt es sich dabei zudem um historisch bedeutsame, für die Identität des Ortes wichtige Bauten. Jede Wohnnutzung, die aufgegeben wird, bedeutet einen Verlust an Lebendigkeit und Kaufkraft. Mit jedem Laden, der schließt, verliert der Ort an Zentralität und schwächt damit seine Rolle als Versorgungsstützpunkt im ländlichen Raum.

Die Idee

Im Bayerischen Wald, rund 30 km nördlich von Passau, stemmt man sich diesem Abwärtstrend entgegen. Zwölf Kommunen haben ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und sich in der »Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) Ilzer Land« zusammengeschlossen. Absicht ist es, ganz gezielt die Dorfkerne wiederzubeleben – und zwar gemeinsam, sodass man sich nicht gegenseitig Konkurrenz macht. Geschickt haben die Bürgermeister staatliche Geldhähne angezapft und sowohl Bundesmittel der Städtebauförderung als auch Bayerische Mittel für die Ländliche Entwicklung eingeworben. Mit einer ortsübergreifenden Immobilienbörse begegnet man dem Leerstand und eine rührige Öffentlichkeitsarbeit macht darauf aufmerksam. Zum Teil mit ganz einfachen Mitteln: Wird ein Altbau modernisiert, hängen Banner mit der Aufschrift »In mich wird investiert« an der Fassade und machen frühzeitig deutlich, dass sich etwas tut.

Als Vorzeigeprojekt beschloss man die Einrichtung einer »Bauhütte«. Die Idee dahinter: Diese Institution soll als Informations- und Begegnungszentrum für die Belebung der Ortskerne dienen, zentrale Bürger-Anlaufstelle und Netzwerk-Plattform für alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der integrierten Innenentwicklung sein und sich um die Förderung regionaler Baukultur kümmern. Die Gemeinden der ILE Ilzer Land bewarben sich mit 17 verschiedenen Standortvorschlägen für das Modellvorhaben und einigten sich schließlich auf ein Objekt in Perlesreut.

Das Nutzungskonzept im Detail

Am dortigen Marktplatz stand seit Langem ein Wohn- und Geschäftshaus leer. 1830 errichtet, beherbergte es zuletzt die örtliche Quelle-Filiale. Mit einem Seitentrakt und einem Stadel im hinteren Teil des Grundstücks gruppiert sich das Anwesen um einen kleinen Hof. Als Denkmal bietet es reichlich Anschauungsstoff in Sachen lokaler Baukultur.

Weil es für die Institution allein zu groß war, heckte man einen besonderen Nutzungsmix aus: Den früheren Ladenraum teilen sich Bauhütte und Dorfbibliothek – mit dem Nebeneffekt, dass auf diese Weise auch Architekturlaien mit Fragen der Baukultur in Berührung kommen. Ein Büro der ILE Ilzer Land, Seminarräume und eine Catering-Küche ergänzen das Angebot. Ein alter Gewölbekeller, ebenfalls mit Küche, lässt sich für Veranstaltungen wie Geburtstagsfeiern o. ä. mieten. Den Stadel schließlich ersetzt ein Neubau mit sechs Wohnungen, die von einem privaten Investor errichtet wurden. Als kompakte Zwei-Zimmer-Einheiten füllen sie eine Lücke im lokalen Wohnungsmarkt, der sonst von Einfamilienhäusern dominiert wird, und eignen sich besonders für Senioren, denn die Wohnungen sind barrierefrei zugänglich. Der Aufzug ist im Seitentrakt untergebracht und erschließt gleichzeitig die Räume der Bauhütte. Seine gemeinsame Nutzung durch die öffentliche Hand und den privaten Investor ist notariell geregelt.

Der Umbau

Der Passauer Architekt Andreas Schmöller übernahm den Umbau des Denkmals. Fundamente mussten unterfangen, Gewölbe gesichert, Wasserschäden behoben, Hausschwamm bekämpft, Wände abgedichtet, Dachbalken ausgetauscht, eine neue Deckung aufgebracht werden. Die beiden großen, quadratischen Schaufenster, die man in den 50er Jahren in die Wand zur Straße gebrochen hatte, ließ Schmöller wieder auf die historische Breite verkleinern, um die frühere harmonische Fassadengliederung zurückzugewinnen. Moderne Rahmen weisen auf die Neunutzung des Gebäudes hin. Im Gegenzug wurden zugemauerte Fenster zur Hofeinfahrt wieder geöffnet, um mehr Licht ins EG zu holen. Den maroden Putz ersetzte man durch neues Material nach dem Vorbild eines erhaltenen Restes; die Fenster erhielten ihre breiteren Faschen zurück.

Über ein paar Stufen gelangen Besucher vom Marktplatz in den Fletz, einen Flur, der das Haupthaus mittig komplett durchquert. Am Boden liegen gebrauchte Gredplatten, relativ raue, große Platten aus Granit, die normalerweise außen vor den Gebäuden verlegt werden. Hier ersetzen sie den Kunststeinbelag aus den 60er Jahren und verleihen dem Fletz einen gewissen Außenraumcharakter. Die Wände sind, wie früher üblich, mit weißer Leimfarbe gestrichen. Zur Rechten liegt das Büro der ILE, zur Linken geht es zum Bürgertreff mit der Bibliothek. Dort ist der Boden im nicht unterkellerten Teil abgesenkt, sodass der Raum an Höhe gewinnt. Ein Hirnholzpflaster korrespondiert mit dem steinernen Pflaster draußen auf dem Marktplatz.

Immer wieder wurden im Gebäude Sichtfenster in die Vergangenheit freigelassen, durch die man die Konstruktion hinter der Raumoberfläche betrachten kann, sei es etwa eine Schilfrohrdecke oder die Schüttung unter den Dielen. Die Passauer Grafikdesignerin Johanna Borde gestaltete graue Tapetenbahnen, die pfeilförmig zugeschnitten auf diese Fenster zeigen und mit erläuternden Informationen bedruckt sind. Dadurch wird das Gebäude selbst zu einem Exponat, das von der historischen Baukultur vor Ort erzählt.

Das Resultat

Der Aufwand hat sich gelohnt – auf vielen Ebenen. Ein Denkmal, das durch langen Leerstand schon Schaden genommen hatte, ist gerettet. Durch den gezielten Einsatz öffentlicher Mittel ist es gelungen, auch private Investitionen zu mobilisieren, die zur Finanzierung des Gesamtprojekts beigetragen haben. Die Mieter der sechs kleinen Wohnungen bringen neues Leben in den Dorfkern – ebenso wie die Bibliothek, in der Filmvorführungen, Kindertheater und Leseabende stattfinden. Die Bauhütte lockt sogar Besucher von außerhalb an. Und was Architekten besonders freuen dürfte: Im Mittelpunkt dieses Wiederbelebungsprojekts steht die Architektur selbst.

 

Weitere Artikel zum Thema »Dörfliche Baukultur« finden Sie in Heft 09.2016.