Tempel der Kunst

Die Entstehung des öffentlichen Museums in Deutschland 1701–1815. Benedicte Savoy (Hg.). 566 Seiten mit 284 Abbildungen, 30,5 cm. Gebunden, 59,90 Euro, 102 sFr. Ph. von Zabern Verlag, Mainz, 2006

~Nikolaus Bernau

Wer hätte das gedacht: Im 18. Jahrhundert, als Deutschland in viele Kleinstaaten zersplittert war, auf deren Politiker Franzosen, Briten, Schweden und Russen, selbst manche Italiener eher abschätzig herabsahen, ausgerechnet in dieser Zeit also galten die Museen der deutschen Fürsten als vorbildlich. Das ist nur eine der Überraschungen, die man beim Lesen des schwergewichtigen Übersichtsbandes erlebt, den die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy gemeinsam mit Studenten der Technischen Universität Berlin jetzt vorgelegt hat. Vorgestellt werden deutsche Kunstsammlungen des 18. Jahrhunderts, ausgewählt anhand des »Taschenbuch für junge Reisende um Kunstgalerien, Museen und Bibliotheken mit Nutzen zu Besuchen« von Johann Friedrich Facius, das 1807 in Leipzig erschienen ist – also unmittelbar nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon und nach dem Beginn des großen Raubzugs von Dominique-Vivant Denon für den Louvre.
Savoys Band räumt mit so vielen Vorurteilen der Architektur- und Museumsgeschichte auf, dass man gar nicht weiß, wo anfangen. Etwa dem, dass erst mit der Gründung des Louvre 1793 das öffentliche oder, wie Savoy definiert, das gemeinnützige, wissenschaftliche und einem breiten Publikum zugängliche Museum gegründet wurde, es also eng verbunden sei mit den Gedanken der Revolution und der Umstürzung der Besitzverhältnisse. Zwar war diese bis heute die Museumsliteratur tief prägende Legende schon immer dadurch widerlegt worden, dass das British Museum bereits 1753 vom Parlament gegründet wurde. Doch nun zeigen die Berliner Forscher anhand der Analyse von Architekturen, Einrichtungen, Personalplänen, Katalogen und Führern, dass in Deutschland spätestens seit 1701, als im braunschweigischen Schloss Salzdahlum der Gemäldegalerieflügel eröffnet wurde, von Museen in modernen Sinn gesprochen werden kann. Besonders erfreulich ist hierbei der umfangreiche Anhang mit zeitgenössischen Beschreibungen. Zu kurz kommt allerdings die internationale Einbindung, der Blick nach Schweden, in die Niederlande, nach Italien, und selbst das britische Vorbild für so manche Architekturform oder neue Belichtungsmethode taucht fast nur in Adrian von Buttlars architekturhistorischem Überblick auf. Dennoch: Solch ein gründliches Überblickswerk wünscht man sich auch für die reiche deutsche Museumskultur der Kaiserzeit und des 20. Jahrhunderts, nicht nur für kunsthistorische Museen, sondern auch für natur- und kulturhistorische Sammlungen. Schließlich sind historische Museumsbauten und -inszenierungen nicht nur alt, sondern auch Anregung für die heutige Kunstbetrachtung.