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Ausstellung im MARTa Herford, bis 23. September 2018

Willkommen im Labyrinth (Herford)

Schon seit 5 000 Jahren beschäftigt sich der Mensch mit Labyrinthen als Sinnbild für den eigenen Lebensweg oder für die Begegnung mit sich selbst. Neben Ornamenten dienten Barockgärten oder Spiegelkabinette zudem von jeher der kurzweiligen Unterhaltung. Im Entrée der Ausstellung »Willkommen im Labyrinth« im MARTa in Herford greift eine Radierung Piranesis das Motiv mit einer emporragenden, in sich verschlungenen Treppenstruktur aus Pfeilern, Brücken und Bögen auf. Vitrinen und Regale zeigen Exponate aus dem Archiv Hermann Kerns, der Labyrinthe eingängig erforscht und ein umfassendes Standardwerk zum Thema publiziert hat. Im linker Hand gelegenen großen Dom stehen zwei begehbare Pavillonbauten: Song Dongs »Everywhere« gleicht einer mongolischen Jurte aus über Jahre gesammelten Fundstücken abgerissener Hutongs. Innerhalb der Rotunde reihen sich Fenster endlos aneinander. Sie sind, wie Boden und Dachinnenseite auch, komplett verspiegelt. Hunderte von der Decke baumelnde Leuchten verstärken das Gefühl schierer Unendlichkeit. Im Gegensatz zum Rundbau kommt Anne Hardys »Fieldwork« als ein grob gezimmerter Ufo-Container auf Ytong-Stelzen daher. Aus dem Innern sind mysteriöse Geräusche zu vernehmen, aufgenommen während des Entstehungsprozesses. Nach Betreten der trapezförmigen Konstruktion ist man von Dunkelheit umgeben – eine beklemmende Situation. Licht dringt nur über stecknadelgroße Löcher in den Wänden ein, die den Sternenhimmel suggerieren, sodass man sich buchstäblich im Universum verloren glaubt. Christian Odzucks »Nieteum« im anschließenden Saal könnte, mit seinem mächtigen, roten Vorhang, ohne Weiteres aus einem David Lynch-Film stammen. Dessen geschwungene Wölbung lenkt Richtung eines schmalen Durchgangs. Zusätzlich verengen eine von Terragnis »Danteum« inspirierte Säulenwald und abgehängte, transluzente Kunststoffpaneele den Bereich. Über einen Haufen Bauschutt führt der Rundgang dann in die folgende Halle, wo Peter Koglers modulare Grafik aus wabernden Linien sämtliche Flächen bedeckt, als würde sich die Umgebung wie ein Organismus dehnen und zusammenziehen. Im nächsten Raum orientiert sich »Stan and Ollie« von Royden Rabinowitch am Kurzfilm »Das unfertige Fertighaus« des berühmten Slapstickduos und bietet als scheinbar geordnete Stahlskulptur bei seiner Umgehung einen steten Wechsel offener und geschlossener Geometrien. Die letzte Galerie hat Chiharu Shiota mit »Secret Passage« durch blutrote Fäden versponnen
(s. Abb.). Eingewobene Türen gestatten einen alternativen Weg durchs Geflecht. Mehrere Personen knüpften das feine Netz in wochenlanger Handarbeit. Überhaupt sind die meisten Installationen speziell für das Museum entstanden – selten wurde es derart bis in den letzten Winkel bespielt. Erläuterungen zu den großformatigen Arbeiten sucht man indes vergebens, umso intensiver kann man sich durch das von Roland Nachtigäller und seinem Kuratorenteam organisierte Panoptikum lustvoll treiben lassen und dabei den hektischen Alltag ausblenden.

~Hartmut Möller

Bis 23. September. Willkommen im Labyrinth – Künstlerische Irreführungen. MARTa Herford, Goebenstraße 2-10, 32052 Herford, Di-So 11-18 Uhr, jeden 1. Mi im Monat 11-21 Uhr,
www.marta-herford.de