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Mensa II der Universität Freiburg
Zurückhaltende Überarbeitung

»In der Krise liegen auch Chancen…« Diesen Spruch hat man in den vergangenen Jahren so oft gehört, dass er zum Allgemeinplatz verkommen ist. Und doch steckt etwas Wahres drin – zumindest im gelungenen Einzelfall wie der Sanierung einer Mensa in Freiburg. Dort wurde aus einem extrem betriebskostenverschlingenden, typischen 70er-Jahre-Bau ein betriebswirtschaftlich vorbildliches Gebäude, das durch die Maßnahme auch architektonisch gewonnen hat.

    • Architekten: Franz und Geyer Tragwerksplanung: Scherberger und Fritsch

  • Kritik: Rüdiger Krisch Fotos: Miguel Babo, Franz und Geyer u. a.
Den Konjunkturprogrammen, die sowohl der Bund als auch die Länder als Antwort auf die Finanzmarktkrise ab Herbst 2008 aufgelegt haben, kann man manchen Vorwurf machen. Durch den plötzlichen Nachfragestau mussten bewährte Ausschreibungsregeln aufgeweicht werden, aufgrund des in den Förderbedingungen verankerten engen Terminkorsetts waren viele Handwerksbetriebe heillos überfordert, entsprechend stiegen die Preise – und schließlich wurden sogar manche Baumaterialien (v. a. Dämmstoffe und Gläser) knapp. Auf der anderen Seite haben die Programme die Umsetzung zahlreicher Projekte ermöglicht, die erst für die fernere Zukunft vorgesehen waren. Viele dieser Maßnahmen betrafen den Gebäudebestand und ›
› dessen energetische Sanierung, sodass die für den Betrieb erforderlichen Kosten sanken und sie einen im besten Sinne nachhaltigen Effekt für die Umwelt und die öffentlichen Haushalte haben.
Im Fall der Mensa II der Universität Freiburg, die Anfang der 70er Jahre inmitten von naturwissenschaftlichen Instituten nördlich der Innenstadt entstanden ist, war eine energetische Sanierung dringend erforderlich. Ihre augenscheinlich von japanischer Architektur beeinflusste Gestalt besteht aus ineinandergeschobenen, in voller Höhe verglasten Pavillons verschiedener Höhe, deren Dächer auf einer sichtbaren Zangenkonstruktion aus Brettschichtholz aufliegen. Die streng gerasterte Verglasung, die das Gebäude auf drei Seiten umschließt, war an raumhohen breiten Holzprofilen befestigt. Saniert wurde in zwei Bauabschnitten: 2008 wurde zunächst die Küchentechnik erneuert und die Gestaltung im Innern verändert, 2011 kam es zum Austausch der Fassade und der Gebäudetechnik. Die Dämmung der Dachflächen war bereits einige Jahre zuvor im Rahmen des Bauunterhalts verbessert worden – eine weitere Optimierung wäre zwar sinnvoll gewesen, musste aber aus Kostengründen bei der jetzigen Sanierung unterbleiben.
Offensichtliches und Verborgenes
Bis zur Sanierung waren die riesigen Scheiben einfach verglast und somit praktisch ungedämmt. Auf die vorhandene Tragstruktur konnte bei der Sanierung eine Dreifach-Verglasung in gleicher Dimension mit einem U-Wert von 0,6 gesetzt werden, was bei 900 m2 Fläche erhebliche Auswirkungen auf den Wärmeschutz hat. An bestimmten Stellen kommen am oberen Rand der fest verglasten Fassade nun elektrisch öffenbare Lamellenfenster zum Einsatz, die sowohl zur Nachtluft-Spülung verwendet werden als auch im Tagesbetrieb für Luftaustausch sorgen können. Sie sind mit der neuen Lüftungsanlage gekoppelt und öffnen sich bei hoher Luftfeuchtigkeit im Innenraum automatisch.
Die zweite Maßnahme bleibt der essenden Kundschaft verborgen: Im Keller steht eine komplett neue Heizungs- und Lüftungsanlage, die mit Dampf vom Heizwerk der Universität betrieben wird und mit einer zentralen Wärmerückgewinnung sowie, für den sommerlichen Wärmeschutz, mit einer energiesparenden adiabaten Kühlung ausgerüstet ist. Sie ersetzt die über die Jahrzehnte Stück für Stück verschlimmbesserte Haustechnik, die sich als nicht sanierbar erwiesen hatte. Der Wärmetausch zwischen Abluft und Zuluft wirkt sich entscheidend positiv auf den Energieverbrauch aus, weil er die in Gebäuden dieser Nutzung enormen Lüftungs-Wärmeverluste begrenzt. Hinzu kommt, dass die neue Anlage bereichsweise steuerbar ist – im Gegensatz zum vorherigen Bestand, der das ganze Gebäude in nur einem Heizkreis versorgte.
Zusammen mit dem vorhandenen außenliegenden Sonnenschutz sollen die aktiven und passiven Lüftungsoptionen auch den Schutz vor sommerlicher Überhitzung erledigen. Dies gelingt angesichts der enormen Wärmeeinträge jedoch nur bedingt, sodass die Nutzer bei entsprechendem Wetter sehr gerne in den Park rund um das Gebäude ausweichen, der entsprechend möbliert wurde.
Dimensionen
Man kann sich als Besucher kaum vorstellen, dass eine so grundlegende Sanierungsmaßnahme bei laufendem Betrieb durchgeführt werden konnte – also ohne das Gebäude über die sonst üblichen Pausen in den Semesterferien hinaus zu schließen. Ebenso erstaunlich sind die Kosten der energetischen Sanierung: Fassade und Lüftungsanlage schlugen zusammen gerade einmal mit 2,5 Mio. Euro zu Buche. Die finanzielle Förderung kam zu etwa 75 % aus dem Zukunfts-Investitionsprogramm der Bundesregierung. Den Baukosten stehen erhebliche Einsparungen bei den Betriebskosten von gut 28 000 Euro im Jahr gegenüber, was – v. a. bei den unweigerlich steigenden Energiepreisen – eine schnelle Amortisation erwarten lässt. Im ersten Betriebsjahr konnte der Energieverbrauch in etwa halbiert werden auf jetzt rund 350 000 kWh, obwohl die Auslastung im Vergleich zum Vorjahr um ca. 15 % auf derzeit 4 000 Essen pro Tag (bei 1500 Sitzplätzen) anstieg. Nach den Berechnungen der Architekten ›
› ist diese eindrucksvolle Bilanz zu zwei Dritteln der neuen Anlagentechnik und zu einem Drittel den erneuerten Fassaden zu verdanken.
Die Baukosten waren aufgrund der Förderbedingungen streng gedeckelt. Daher mussten die Maßnahmen in Paketen geplant und ausgeschrieben werden, die entlang von »Sollbruchstellen« getrennt voneinander ausführbar sind. Unerwartet günstige Submissionsergebnisse sorgten allerdings erfreulicherweise dafür, dass alle wichtigen Pakete umgesetzt werden konnten – auch die als Kostenpuffer definierte Erneuerung der Glasfassaden des Sockelgeschosses und der Ersatz der bisherigen Eingangstüren aus flächigem Metall, deren zweiter Flügel nur im Brandfall zu öffnen war, durch großflächig verglaste Türen.
Nur zwei Punkte wurden in den Bauunterhalt vertagt: eine neue Deckenverkleidung in den Speisesälen, die dort die schallharte Akustik dämpfen soll, und der Ersatz der klobigen alten Fluchttreppen im Außenbereich durch neue, filigranere Konstruktionen.
Gelungener Rückbau
Die Mensa wirkt ganz selbstverständlich wie das typische Versammlungsgebäude aus den frühen 70er Jahren, das sie nun einmal ist. Es fällt zunächst schwer, die beiden Sanierungsmaßnahmen im Innern und an der Fassade in gestalterischer Hinsicht zu kommentieren, da sie bewusst keine eigene Schicht über das Gebäude gelegt haben und nur an einigen wenigen Stellen (wie den neuen Eingangstüren und den farbigen Tresen der Essensausgabe) überhaupt in Erscheinung treten. Und doch liegt gerade darin ihre besondere Qualität: Die Überarbeitung tritt bescheiden hinter die gestalterische Sprache des Bestandsgebäudes zurück und macht sich sogar noch um die Wiederherstellung von dessen Integrität verdient.
Erkennbar wird dies v. a. im Vergleich des heutigen Erscheinungsbilds mit dem Zustand direkt vor der Sanierungsmaßnahme. Im Lauf der Jahrzehnte hatte sich nicht nur in der Haustechnik ein gewisser Wildwuchs angesammelt, hinter dem die gestalterische Intention der ursprünglichen Architektur kaum noch zu erkennen war. So waren die zwischen dem halb in den Boden versenkten Zugangsgeschoss und den großen Speiseräumen auskragenden Betonplatten rundum mit Geländern gesichert worden, da sie als Fluchtwege im Brandfall nutzbar sein mussten. Durch den einfachen Kunstgriff, die kurzen Fluchttreppen in die Achsen der Fluchttüren zu versetzen, wurden ›
› diese Geländer überflüssig und konnten zugunsten der ursprünglichen Gestalt entfernt werden. Ähnliches gilt für die aus unbekanntem Grund angebrachten Holzbekleidungen vor Teilen der nach Norden ausgerichteten Glasfassaden, die mit der Sanierung verschwanden.
Obwohl nach außen kaum erkennbar, passt diese Sanierungsmaßnahme nahtlos in die Aktivitäten des Freiburger Universitätsbauamts mit seinem umfangreichen Gebäudebestand aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei diesem hat sich mittlerweile ein Sanierungsstau von vielen Millionen gebildet. Doch die Bemühungen um Nachhaltigkeit sind in vollem Gange – viele Baukräne auf dem Campus sind der sichtbare Beweis. •
  • Standort: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Mensa Institutsviertel, Stefan-Meier-Straße 28, 79104 Freiburg Bauherr: Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Universitätsbauamt Freiburg Ursprüngliche Planung: Universitätsbauamt Freiburg Architekten: Universitätsbauamt Freiburg (Bestand); Franz und Geyer Architekten (Energetische Sanierung / 2. Bauabschnitt), Universitätsbauamt Freiburg, Projektleitung Thomas Zipse (1. Bauabschnitt) Mitarbeiter: Annika Brenzinger, Andreas Airich Tragwerksplanung: Scherberger und Fritsch, Freiburg Klimaingenieure/Haustechnik: ASR Ingenieure, Freiburg Landschaftsarchitekten: Garten- und Tiefbauamt, Freiburg Akustikplanung: Möhler und Partner, München Bauphysik: Stahl+Weiss, Freiburg BGF: 6 454 m² (Nutzfläche 4 635 m2) BRI: 20 843 m3 Primärenergiebedarf: 396 kWh/m²a Endenergiebedarf: 364 kWh/m²a (Energiebezugsfläche 3 856 m²) Energiestandard: EnEV 2009 (Anforderungswert modernisierter Altbau 653 kWh/m²a, Anforderungswert Neubau 466 kWh/m²a) Baukosten: Energetische Sanierung, 2. Bauabschnitt (KG 300-700): 2,45 Mio. Euro; (Küchentechnik, interner Umbau Essensausgabe, 1. Bauabschnitt: 4,3 Mio. Euro) Bauzeit: Mai 2010 bis Juli 2011 (1. Baumaßnahme: März bis November 2008)
  • Beteiligte Firmen: Festverglasung als Dreifachverglasung in Bestands-Holzprofile »NEUTRALUX® advance«: ISOLAR-Glas-Beratung, Kirchberg, www.isolar.de Profilsystem Festverglasung Galerie- und Eingangsgeschoss »Wicona Wicline 77 HI«: Hydro Building Systems Ulm/Donau, www.isolar.de Lamellenfenster »S9iVt-05 Ganzglas«: Glasbau Hahn, Stockstadt/Main, www.isolar.de Eingangstüren »Janisol-Edelstahl und Jansen Economy 60 Edelstahl Doppeltürflügelelemente mit Pendel-Stulp«: Schüco Stahlsysteme Jansen, Schüco International, Bielefeld, www.isolar.de Schließsystem »Seculogic TZ320«; GEZE, Leonberg, www.isolar.de Bekleidung Kühlturm »Eternit Fassadentafel Natura«, Eternit, Heidelberg, www.isolar.de Lüftungstechnische Anlage mit Wärmerückgewinnung und adiabatischer Kühlung (Luftmenge 83 000 m3/h): HOWATHERM Klimatechnik, Brücken, www.isolar.de Gebäudeautomation / MSR: SAUTER Deutschland, Sauter-Cumulus, Freiburg, www.isolar.de
  • 1 Foyer
  • 2 Cafeteria
  • 3 Technikzentrale
  • 4 Lager
  • 5 Küche
  • 6 Essenausgabe
  • 7 Speisesaal

Freiburg (S. 38)

Franz und Geyer Freie Architekten
Joachim Franz
Architekturstudium an der TU Karlsruhe und der TU Wien. 1998 Diplom. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros. Seit 2003 Partnerschaft mit Heinz Geyer.
Heinz Geyer
Architekturstudium an der Universität Kassel, 1993 Diplom. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros. Seit 2003 Partnerschaft mit Joachim Franz.
Rüdiger Krisch
1966 in Tübingen geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart (Diplom) und der Columbia University, New York (Master of Architecture). 1993-98 Mitarbeit in Architekturbüros in New York und München. 1998-2003 Wissenschaftliche Mitarbeit an der Universität Stuttgart. Seit 1998 eigenes Büro in Tübingen. Seit 1991 publizistische Tätigkeit.
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