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Wohnhaus in Aarau (CH) von Verena Frey

Wohnhaus in Aarau (CH)
Nicht mehr als nötig

Ein etwas abgewohntes Haus sollte noch einmal vermietet werden, bevor die Entscheidung über seine langfristige Zukunft anstand. Mit wenigen kleinen, aber sehr gezielten Eingriffen vermochte Innenarchitektin Verena Frey den Bestand aufzuwerten.

Architektin: Verena Frey

Text: Hubertus Adam
Fotos: Verena Frey, Peter Frey

Von den 1930er bis hinein in die 50er Jahre war das in Aarau ansässige Architekturbüro Richner & Anliker vielbeschäftigt, zu seinen Bauten zählen das Aargauische Versicherungsamt, der Schlachthof, Fabriken, Ladeneinrichtungen, v. a. aber eine große Anzahl von Wohnbauten – ob mehrgeschossige Mietshäuser oder luxuriöse Villen.

Mehr als regionale Beachtung haben sie bislang kaum gefunden, doch lohnt sich ein Blick auf ihr Werk, weil es für die Frage, auf welche Widrigkeiten moderne Baugesinnung in der Provinz trifft, durchaus symptomatisch ist. Auch das Einfamilienhaus am Philosophenweg in Aarau, 1934 errichtet, war einmal moderner gedacht als es schließlich realisiert wurde. Nicht weil ein Flachdach seinerzeit nicht durchsetzungsfähig gewesen wäre, sondern weil der Bauherr sich ein traditionelleres Aussehen seines zukünftigen Domizils samt Satteldach wünschte.

Attraktiver kann eine Wohnlage im Kantonshauptort kaum sein: Vom Bahnhof, aber auch vom historischen Stadtkern aus sind es nur wenige Minuten zu Fuß, und schon steht man in fast parkartiger Umgebung unmittelbar am Ufer der Aare. Das einstige Haus Siegrist sitzt auf einem großzügigen Gartengrundstück mit alten Bäumen; der Hauptzugang erfolgt vom Uferweg entlang des Flusses, mithin von Norden, doch kann man die Parzelle auch über ein Gartentor auf der Westseite betreten.

Der Grundriss ist winkelförmig organisiert – an den Hauptbaukörper schließt sich östlich ein Anbau mit einem niedrigeren First an. Während das Gebäude zum Flussufer nach Norden hin zwei Vollgeschosse zeigt, ist das Dach auf der Südseite tief hinabgezogen, beinahe bis auf das Fußbodenniveau des oberen Stockwerks.

Oszillierende Zeitschichten

Bei genauer Betrachtung zeigt das Gebäude noch viele Elemente aus seiner Entstehungsphase. Dazu zählen Fenstergitter, Beschläge und Brüstungen; auch der halbkreisförmig auskragende große Balkon im OG ist ein typisches Merkmal des Neuen Bauens. Beim kleinen, korbartig vergitterten Austritt schwindet die Sicherheit: Ihn würde man eher den 70er Jahren zuordnen, so wie sich ohnehin beim Blick auf die geometrisch klar ausformulierte Westseite mit ihrer weißen Putzoberfläche, den rot gestrichenen Fensterrahmen und der runden Lüftungsöffnung Assoziationen zur Architektur von Rudolf Olgiati einstellen.

In der Tat wurde das Haus in den 70ern grundlegend saniert, was auch ins Auge springt, wenn man das Haus über das dreistufige Treppenpodest im einspringenden Winkel betritt: dunkel furnierte Türen in der Eingangshalle, der Boden aus roten Ziegeln, das ist eine typische Materialkombination aus diesen Jahren. Doch nicht überall lässt sich vorderhand entscheiden, was aus den 30ern und was aus den 70ern stammt.

Mit dieser Situation war die in Aarau ansässige Innenarchitektin Verena Frey konfrontiert, als sie mit einer sanften Renovierung betraut wurde. Das Haus präsentierte sich mehr als 40 Jahre nach der letzten Sanierung abgewohnt, aber baulich noch in einem guten Zustand. Weil die Bauherrschaft die Entscheidung über Abriss (das Gebäude ist nicht denkmalgeschützt) oder tiefgreifendere Sanierung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben wollte, plante man zunächst nur eine zurückhaltende Pinselsanierung, die sich auf das Nötigste beschränkte. Dadurch sollten die Räume attraktiv genug werden, um sie erst einmal für einige Jahre vermieten zu können.

Hochpräzise interveniert

Im Grunde genommen wurden die Zeitschichten der 30er und 70er Jahre bewahrt und nur einige neue Akzente gesetzt. Die Küche mag dafür beispielhaft sein. Die meisten Bauherren hätten sie wohl komplett herausgerissen und gegen eine neue ausgetauscht. Nicht so bei diesem Projekt: Die Fliesen in einem typischen undefinierbaren Beige-Braun-Grün-Ton der 70er blieben erhalten, die Küchenzeile wurde aufgearbeitet, nur das Spülbecken ausgewechselt, Backofen und Herd als Neugeräte eingebaut, ein Schrank ergänzt. Die eigentlichen Interventionen aber stellen der gelbe Farbton von Arbeitsplatte und Tisch sowie der tiefdunkle neue Linoleumboden dar. Mehr war nicht nötig, um den Raum wieder frisch und zeitgemäß wirken zu lassen. Linoleum fand auch in den Bädern Verwendung, die mit neuen Waschbecken und WCs ausgestattet wurden; auch hier blieben die Fliesen, bei denen teilweise nicht völlig klar ist, ob sie aus der Bauzeit oder aus der späteren Umbauphase stammen, erhalten – ebenso die Duschwannen.

Die Holzböden in den Wohnräumen wurden geschliffen und geölt, die Fenster gereinigt, wo nötig neu verfugt und schließlich gestrichen. Natürlich bekamen sämtliche Wände und Decken ebenfalls einen Neuanstrich – zumeist in Weiß, doch an gezielten Stellen setzte Verena Frey Farbakzente. Zum Beispiel in der Halle des EGs, die mit der sich südseitig anschließenden zweiläufigen Treppe ins OG so etwas wie das Zentrum des Hauses darstellt und diesem eine Großzügigkeit verleiht, die eine entscheidende Qualität des Gebäudes darstellt. Hier zeigt sich die Decke jetzt in einem Senfton, der mit den 70er Jahre-Oberflächen der Küchenfliesen und des Hallenbodens korrespondiert, aber auch gut ins Kolorit der 30er Jahre passt, die ein Faible für Ocker- und Gelbnuancen hatten.

Eine WG ist in das sanierte Gebäude eingezogen, die nicht zuletzt von den großzügigen Wohnbereichen im EG profitiert. Verena Frey hat bewiesen, dass sich mit wenig an Intervention durchaus viel an Wohnwert erzielen lässt. Das schont die Ressourcen und wirkt der Mietsteigerung entgegen – ist also durchaus vorbildlich.


Standort: Philosophenweg, CH-5000 Aarau
Bauherren: Erbengemeinschaft Buser
Architektin: verena frey architektin innenarchitektin, Aarau
Geschossfläche: ca. 175 m²
Sanierungskosten: 80 000 CHF

Beteiligte Firmen:
Malerarbeiten: mazzei malerarbeiten farbkonzepte, Gränichen (CH), www.mazzei.ch
Farbe auf Decke und Wänden: StoSilco im Ton NCS S 0500 N von sto, Stühlingen, www.sto.de
Deckenfarbe in der zentralen Diele: Zenit Power im Ton NCS S2050 G 90Y von Herbol, Köln, www.herbol.de
Holzfarbe Wohnzimmer: Wessco Aqua PU in handgemischtem Ton von Herbol, Köln, www.herbol.de
Holzfarbe OG: Wessco Aqua PU ungefähr im Ton KEIM 9314 von Herbol, Köln, www.herbol.de
Fensterfarbe außen: Toplin im Ton RAL 3013 (tomatenrot) von thymos, Bern (CH), www.thymos.ch


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