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Hauptsitz von Schweiz Tourismus in Zürich (CH) von Burkhalter Sumi Architekten

Hauptsitz von Schweiz Tourismus in Zürich (CH)
Das dritte Leben

Erst repräsentative Veranstaltungshalle, dann simple Garage, jetzt großzügiges Büro: Die mehrfache Umwidmung eines Gebäudes in Zürich für völlig unterschiedliche Zwecke zeigt, wie vielseitig sich Bauten aus der vorfunktionalistischen Ära nutzen lassen.

Architekten: Burkhalter Sumi Architekten
Tragwerksplanung: Furrer & Partner
Text: Hubertus Adam
Fotos: Heinz Unger

Wer bis vor einigen Jahren einen Mietwagen an der Zürcher Morgartenstraße abholte, bemerkte nur beiläufig, dass das rückwärtige Garagengebäude ursprünglich für einen anderen Zweck gebaut worden war, nämlich als Stadthalle.

Etwas versteckt liegt es im Innern des geschlossenen Blockrands. Der Bauherr und Wirt Karl Eser hatte dort 1906 einen Saalbau mit Empore und insgesamt 1 400 Plätzen errichten lassen.
Als Veranstaltungsort war die wie das Vorderhaus von Oscar Brennwald entworfene Stadthalle ein Brennpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Zürich. Hier fanden Boxkämpfe und Arbeiterversammlungen, aber auch Heilsarmeeveranstaltungen oder Zusammenkünfte von Schweizer NSDAP-Gruppen statt. Nach der Fertigstellung von Kongresshaus und Hallenstadion anlässlich der Landesausstellung 1939 gab es geeignetere, größere und zeitgemäßere Orte für derlei Aktivitäten, sodass die Stadthalle 1948 schloss.

Relativ unsensibel wurde der 20 m breite, stützenfrei überdeckte Saal durch zwei Betondecken samt Unterzügen und Stützen in drei Geschosse unterteilt, mit einem Autolift versehen und in eine Garage umgewandelt – eine Nutzung, die bis 2017 andauerte. Mit dem Verkauf der inzwischen unter Schutz stehenden Liegenschaft durch die Enkel von Karl Eser an die Firma Hess Investment aus Amriswil begann das, was Burkhalter Sumi, Architekten des nachfolgenden Umbaus, als »das dritte Leben« bezeichnen: Erst Veranstaltungsort, dann Autogarage, wurde die frühere Stadthalle jetzt zum Hauptsitz von Schweiz Tourismus. Diese Nutzung blieb nicht ohne Einfluss auf die Umbaustrategie, bestärkte sie doch den Gedanken, die für die Garage eingezogenen zwei Zwischendecken weitgehend beizubehalten.

Weil die Parkgeschosse glücklicherweise höher waren, als man sie in einem Neubau geplant hätte, ließen sie sich gut als Büroebenen umfunktionieren. Für eine räumliche Rückführung auf den Ursprungszustand bestand mithin kein Bedarf – ganz abgesehen davon, dass ein solches Vorgehen die fast 70-jährige Geschichte der Stadthalle als Garage sowohl materiell als auch visuell eliminiert hätte. Als Unternehmen, das auf die Vermarktung historischer Immobilien spezialisiert ist, schaffte es Hess Investment, die Baumaßnahmen so zu kalkulieren, dass Schweiz Tourismus in diesem Gebäude genauso viel Miete zahlt wie am früheren Standort, obwohl den Mitarbeiten jetzt mehr Fläche zur Verfügung steht.

Entfernt wurden v. a. die Verbauungen zwischen Blockrand und Stadthalle, sodass deren Volumen wieder klarer sichtbar geworden ist. Die Fassaden erhielten ein mineralisches WDVS mit Kratzputz. Im Innern konnten die Restauratoren der Firma Fontana & Fontana unter der einheitlich weißen Dispersionsschicht aus der Garagenära die historischen Farbfassungen der Wände stellenweise freilegen und restaurieren. Dabei zeigte sich, dass der floral-ornamentalen Gestaltung der Entstehungszeit in den 20er Jahren eine reduziertere geometrisch-abstrakte gefolgt war.

Altneue Großzügigkeit

Die eigentliche Herausforderung für Burkhalter Sumi bestand darin, das räumliche Konzept der Stadthalle trotz der späteren Unterteilung wieder erkennbar zu machen. Dies geschah durch gezielte Einschnitte in die Betonstruktur. Zwei Atrien im Zentrum des Gebäudes durchstoßen beide Decken und werden durch Verglasungen im Scheitel des historischen Dachgewölbes belichtet. Darüber hinaus schnitt man die Geschossplatten des 2. OGs entlang der Längsfassaden zurück, sodass die Fenster freigespielt werden konnten und der Ansatz des Voutengewölbes wieder den Raum prägt. Schließlich entschied man sich dazu, die eingezogenen Decken im ersten Joch des Saals vor der Bühne vollständig zu entfernen. So wurde der historische Bühnenbogen mit seiner Dekorationsmalerei freigestellt, für die heutige Nutzung ergab sich eine plausible Trennung der Büroflächen auf den drei Geschossebenen des Saalbaus von den Konferenzräumen im ehemaligen Bühnenbereich. Durch den neuen großen Luftraum winden sich schleifenförmige Rampen, von Architekten wie Nutzern gerne als »Tremola« bezeichnet (der Begriff bezieht sich auf den Namen der historischen Serpentinenstraße, die von Airolo aus zur Gotthard-Passhöhe hinaufführt). Sie sind durchaus selbstbewusste und erkennbare Hinzufügungen aus der Zeit des »dritten Lebens«. Das gilt auch für den nicht minder plastisch-expressiv ausformulierten, golden ausgekleideten «Basistunnel», der vom Eingang an der Morgartenstraße durch das Vorderhaus zum einstigen Saalbau und damit zu den Büros von Schweiz Tourismus führt. Rampen und Tunnel wirken für ein Bauwerk ohne nennenswerten Publikumsverkehr ungewöhnlich großzügig und bereiten Geschäftspartnern, Workshopteilnehmern und anderen Gästen einen repräsentativen Empfang.

Ohne Zweifel: Burkhalter Sumi ist es an der Morgartenstraße gelungen, die visuelle Dominanz der Umbauten aus den späten 40er Jahren zu brechen und den Baukörper der Stadthalle wieder sichtbar zu machen. Auf diese Weise ist eine Balance der beiden Zeitschichten entstanden, aus dem Gegeneinander wurde ein Miteinander. Und dieses Miteinander bot letztlich genügend Raum, im Sinne einer räumlichen Collage auch explizit Elemente der heutigen Zeit hinzuzufügen: nicht zurückhaltend, sondern durchaus kräftig, aber eben auch respektvoll.


Standort: Morgartenstraße 5a, CH-8004 Zürich
Bauherr: Hess Investment, Amriswil
Architekten: Burkhalter Sumi Architekten, Zürich
Mitarbeiter: Verena Kuhle, Steffen Sperle, Pietro Romagnoli, Mario Sanches, Gregory Tsanilas
Tragwerksplanung: Furrer & Partner, Wil
Innenraumplanung: Büronauten, Zürich
Lichtplanung: Caduff & Stocker Lichtplanung, Urdorf
BGF: 3 470 m²
BRI: 15 260 m³

Beteiligte Firmen:
Dachdeckung: Stelzdach aus Zink, Farbton Quartz-Zinc, VMZINC Schweiz, VM BUILDING SOLUTIONS Schweiz, Bösingen (CH), www.vmzinc.ch
Parkett- und Holzböden: Nova Collante HoKa, Räuchereiche, vor Ort geschliffen und geölt, Holzpunkt, Wila, www.holzpunkt-parkett.ch
Teppiche: Epoca Knit ECT350, Farbton d. erdbraun, Ege Teppiche, Agentur Schiebel, Seekirchen, www.egecarpets.de
Akustik: mehrschichtiges Akustiksystem Innenwände, Fluraphon-Eco Sana, ASPA-TEC, Klingnau, www.aspa-tec.ch
Deckenplatten abgehängt: Heradesign Holzwolle, 200 x 60 x 3,5 cm, Farbton 37807 M (metallic weißaluminium), Knauf AMF, Grafenau, www.knaufamf.com
Waschtische: Stahlwaschtisch WT.RS450H, weiß, ALAPE Dornbracht, Goslar, www.alape.com


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